Text aus: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Vorrede zur zweiten Ausgabe. Leipzig: Reclam jun. 1781, S. 21-25 (Auszüge, ohne Anmerkungen).
Der
Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis, die sich gänzlich
über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch bloße Begriffe (nicht wie
Mathematik durch Anwendung derselben auf Anschauung), wo also Vernunft selbst
ihr eigener Schüler sein soll, ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht
gewesen, daß sie den sichern Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte;
ob sie gleich älter ist als alle übrige und bleiben würde, wenn gleich die übrigen
insgesamt in den Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich
verschlungen werden sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich in
Stecken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt,
(wie sie sich anmaßt) a priori einsehen will. In ihr muß man unzähligemal den
Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will,
und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie
noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz
eigentlich dazu bestimrnt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben,
auf dem noch niemals irgendein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen
und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein
Zweifel, daß ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und was das
Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen, gewesen sei.
Woran
liegt es nun, daß hier noch kein sicherer
Weg der Wissenschaft hat gefunden werden können?
Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur unsere Vernunft mit der
rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten
Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen
in unsere Vernunft zu setzen, wenn
sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht bloß
verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält, und am Ende betrügt! Oder
ist
er bisher nur verfehlt: welche Anzeige können wir benutzen, um bei
erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als andere
vor uns gewesen sind?
Ich
sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch
eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden sind, was sie jetzt
sind, wäre merkwürdig genug, um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der
Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist, nachzusinnen, und ihnen, so viel
ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin
wenigstens zum Versuche nachzuahmen.
Bisher
nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten;
aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch
unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte.
Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit
besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem
Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit
einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe
sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit
den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung
der
Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze
Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte,
wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der
Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche
Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände
richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne;
richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit
unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl
vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden
sollen, nicht stehenbleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas
als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich
entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zustande bringe,
richten sich auch nach dem Gegenstande, und dann bin ich wiederum in derselben
Verlegenheit, wegen der Art, wie ich a priori hiervon etwas wissen könne; oder
ich nehme an, die Gegenstände, oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in
welcher sie allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach
diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung
selbst eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir,
noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen muß,
welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach denen sich also alle
Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen.
Was Gegenstände betrifft, sofern sie bloß durch Vernunft, und zwar notwendig
gedacht, die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der
Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn
denken müssen sie sich doch lassen) hernach einen herrlichen Probierstein
desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode der Denkungsart
annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir
selbst in sie legen.
Dieser
Versuch gelingt nach Wunsch, und verspricht der Metaphysik in ihrem ersten
Teile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt, davon die
korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung jenen angemessen gegeben werden
können, den sicheren Gang einer Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Veränderung
der Denkart die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori ganz wohl erklären, und,
was noch mehr ist, die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe
der Gegenstände der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren genugtuenden
Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart unmöglich
war. Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion unseres Vermögens a priori zu
erkennen im ersten Teile der Metaphysik ein befremdliches und dem ganzen Zwecke
derselben, der den zweiten Teil beschäftigt, dem Anscheine nach sehr
nachteiliges Resultat, nämlich daß wir mit ihm nie über die Grenze möglicher
Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade die wesentlichste
Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das Experiment
einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer
Vernunfterkenntnis a priori, daß sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe, die
Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns
unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns notwendig über die Grenze der
Erfahrung und aller Erscheinungen hinauszugehen treibt, ist das Unbedingte,
welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht
zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet
verlangt. Findet sich nun, wenn man annimmt, unsere Erfahrungserkenntnis richte
sich nach den Gegenständen als Dingen an sich selbst, daß das Unbedingte ohne
Widerspruch gar nicht gedacht werden könne; dagegen, wenn man annimmt, unsere
Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach
diesen, als Dingen an sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als
Erscheinungen, richten sich nach unserer Vorstellungsart, der Widerspruch
wegfalle; und daß folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie
kennen, (sie uns gegeben werden,) wohl aber an ihnen, sofern wir sie nicht
kennen, als
Sachen an sich selbst, angetroffen werden müsse: so zeigt sich, daß was
wir anfangs nur zum Versuche annahmen, gegründet sei.
Text aus: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Vorrede zur zweiten Ausgabe. Leipzig: Reclam jun. 1781, S. 21-25 (Auszüge, ohne Anmerkungen).
s. auch: http://www.uni-rostock.de/fakult/philfak/fkw/iph/strobach/hroseminare/modul/werke.html