DAS SAMSTAGS-INTERVIEW
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WN: Sie werden künftig ein besonderes Angebot machen
für begabte Kinder, die jedoch schlechte Leistungen bringen und
Schwierigkeiten haben, mit der Schule und ihren Mitschülern klar
zu kommen. Warum tun Sie das? Rosemarie Schulte: Der Fokus in der Pädagogik war lange Zeit auf die
schwächeren Schüler gerichtet. Für diese haben wir eine Fülle von
Förderprogrammen entwickelt. In den vergangenen Jahren sind verstärkt
die begabten Schüler in den Blick geraten, auch
für diese gibt es mittlerweile Angebote, man könnte von einem „Forder“-Programm
sprechen. Herausgefallen sind bisher immer die Kinder, die durchaus
gut begabt sind fürs Gymnasium, aber dennoch nicht die Leistung
erbringen, die wir erwarten. Das sind nicht viele Kinder, aber wenn
man nichts tut, geraten sie in eine Abwärtsbewegung, die (
völlig ) unnötig ist. Auch ein Schulwechsel bringt
diesen Kindern nichts. Kein Land kann es sich erlauben, solche Kinder
durch das Netz fallen zu lassen. WN: Wie kommt es zu dieser Kombination, dass intelligente
Schüler manchmal richtig schlechte Schüler sind? Manfred Haveresch: Die so genannten ADHS-Kinder leiden unter Konzentrations-
und Wahrnehmungsstörungen,
sie können den Lernstoff nicht so aufnehmen wie die meisten anderen
Schüler. Intelligente Schüler können diese Probleme oft lange kompensieren. Wenn sie dann zum Gymnasium kommen, funktioniert das oft nicht mehr, sie werden unkonzentriert, stören, werden zum Klassenclown
und kriegen schnell das Gefühl: Ich bin nicht in Ordnung, ich bin
nicht normal. Auch bei hochbegabten Kindern kommt es in Einzelfällen
zu Problemen. Sie sind hochintelligent, scheitern aber am normalen
Schulalltag. WN: Was können Sie im Rahmen Ihres neuen Angebots
für diese Schüler tun? Gerhard Epping: Wir kümmern uns nicht um einzelne Aspekte wie Rechtschreibung
oder Mathematik, sondern wir betrachten die Kinder ganzheitlich.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Kinder, die die erwähnten Schwierigkeiten
haben, in mindestens einem der Bereiche Motorik, Leistung, Sozialkompetenz
und Glaube/Weltanschauung ein Defizit haben. Wir können es hinkriegen,
dass die Schüler merken: Ich habe an dieser Stelle ein Defizit,
und es ist notwendig, dass ich etwas dagegen tue.
Das ist keine Therapie, sondern eine Art Coaching für besseres
Selbstmanagement. Haveresch: Es geht nicht darum, dass durch die Gruppe alle
Schwächen weggehen, sondern dass die Schüler sie kompensieren lernen.
Diesen Prozess kann man unterstützen. Schulte: Auch Entspannung wird eine Rolle spielen. Diese
Kinder stehen oft unheimlich unter Dampf. WN: Wer legt fest, welche Kinder in Ihr Trainingsprogramm
kommen sollen? Schulte: Dieses Angebot
wendet sich an Kinder, die
( wirklich ) für das Gymnasium geeignet ( begabt ) sind. Diesen Begabten wollen wir helfen, die Leistung zu
bringen, die nötig ist, um das Abitur zu machen. Wenn diese Kinder
lernen,
ihre Ängste zu verlieren, z.B. die
Angst ( keine Angst
zu haben brauchen), dass
sie ausgegrenzt werden, können sie ganz anders lernen. Diese Zielgerichtetheit
liegt mir sehr am Herzen. ( Das ist anders als etwa bei Gesamtschulen
). Haveresch: Vor diesem Hintergrund stimmen wir in der Schule
ab, für welche Kinder das Angebot sinnvoll ist. Eine Fünf in Mathe
ist dafür wirklich nicht ausreichend. WN: Wären Kinder mit den von Ihnen beschriebenen Schwierigkeiten
nicht besser bei einem erfahrenen Therapeuten aufgehoben? Haveresch: Wir verstehen unser Angebot nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung
zu den bereits laufenden Therapien. In Therapien sind die Kinder aber
oft mit dem Therapeuten allein. Ihr Verhalten wird ihnen nicht
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Die
Turnhalle wird eine wichtige Rolle spielen im Förderunterricht für
gut begabte Schulversager. Schulleiterin Rosemarie Schulte, Gerhard
Epping von „lernen fördern“ und Beratungslehrer Manfred Haveresch
wissen, dass sich Defizite beim Körpergefühl in Schulschwierigkeiten
niederschlagen können. Schulte: Mir ist es wichtig, dass wir die Hilfen für das
betroffene Kind vernetzen. Es ist schon vorgekommen, dass ein Kind
jahrelang wegen Schulproblemen in Therapie war, und die Eltern haben
uns nicht informiert. Das darf nicht sein. Haveresch: Die Schwierigkeiten
eines Kindes in der Schule sind keine statische Sache. Mal gibt
es Rückschritte, mal Fortschritte. Deshalb sollten Schule und Therapeuten
in ständigem Kontakt sein – ohne dass daraus eine Dauerbeobachtung
für das Kind wird. WN: Sie erwähnten vorher, dass Schulversagen durchaus
mit Hochbegabung einher gehen kann. Wäre es nicht eine Überlegung
wert, eigene Klassen für Hochbegabte anzubieten, um Problemen von
vorneherein aus dem Weg zu gehen? Epping: Dann hätten wir eine Isolierstation. Hochbegabte
müssen später im Leben auch mit anderen Menschen auskommen und sich
auf ihr Tempo einstellen können. Schulte: Hochbegabung wird ( nur ) dann schwierig,
wenn sie z. B. mit Sozialphobie und mangelnder Anpassung einhergeht. Wir
haben auf jeden Fall das Konzept, besonders begabte Kinder im Klassenverband
zu fördern, genau wie wir das mit schwächeren Kindern tun. Unsere
unterschiedlichen Förderansätze lassen sich im Grunde unter eine
Idee bringen: Die Schüler sollen im Klassenverband mehr Verantwortung
für ihr Lernen übernehmen und die Unterrichtenden sollen sie
in dieser Verantwortung stärken. WN: Profitieren auch die „normalen“ Schüler von einem
solchen Förderkonzept? Schulte: Ich bin fest überzeugt davon, dass eine solche Kultur
der individuellen Förderung das Lernklima positiv beeinflusst. Epping: Die Erfahrung zeigt: Wenn beispielsweise ein Schüler
in der Klasse keine sozialen Kontakte hat, bindet das die Energien
aller, und alle leiden darunter.
WN: Am Gymnasium gibt es fast 1200 Schüler. Sie fangen
nun mit der Förderung für eine
kleine Gruppe von vier bis fünf Schülern an. Das ist doch nicht
mehr als ein Tropfen auf einen heißen Stein, nicht wahr? Epping: Wir müssen schauen,
ob wir unser Angebot irgendwann
auch einmal für die höheren Klassen machen können. Aber irgendwo
müssen wir beginnen, wenn wir auf Dauer etwas erreichen wollen.
Das ist doch das typische Problem in Deutschland: Wir fangen einfach
nicht an. |
aus:
vom 27.8.2005