DAS SAMSTAGS-INTERVIEW
„Diese Kinder fallen bisher durchs Netz“
Coaching-Gruppe für gut begabte Schulversager: Ein WN-Gespräch mit den Initiatoren

Greven. Gut begabte Kinder, die aus verschiedenen Gründen dennoch in der Schule versagen, sollen künftig am Gymnasium Augustinianum nicht mehr durchs Netz fallen. Die Schule will nach den Herbstferien gemeinsam mit „Lernen fördern“ eine spezielle Trainings-Gruppe ins Leben rufen (siehe Lokalseite 1).  WN-Redakteurin Monika Gerharz sprach mit Schulleiterin Rosemarie Schulte, Beratungslehrer Manfred Haveresch und Gerhard  Epping vom Verein „Lernen fördern“ über das Konzept.

WN: Sie werden künftig ein besonderes Angebot machen für begabte Kinder, die jedoch schlechte Leistungen bringen und Schwierigkeiten haben, mit der Schule und ihren Mitschülern klar zu kommen. Warum tun Sie das?

Rosemarie Schulte: Der Fokus in der Pädagogik war lange Zeit auf die schwächeren Schüler gerichtet. Für diese haben wir eine Fülle von Förderprogrammen entwickelt. In den vergangenen Jahren sind verstärkt die begabten Schüler in den Blick geraten, auch für diese gibt es mittlerweile Angebote, man könnte von einem „Forder“-Programm sprechen. Herausgefallen sind bisher immer die Kinder, die durchaus gut begabt sind fürs Gymnasium, aber dennoch nicht die Leistung erbringen, die wir erwarten. Das sind nicht viele Kinder, aber wenn man nichts tut, geraten sie in eine Abwärtsbewegung, die ( völlig ) unnötig ist. Auch ein Schulwechsel bringt diesen Kindern nichts. Kein Land kann es sich erlauben, solche Kinder durch das Netz fallen zu lassen.

WN: Wie kommt es zu dieser Kombination, dass intelligente Schüler manchmal richtig schlechte Schüler sind?

Manfred Haveresch: Die so genannten ADHS-Kinder leiden unter Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen, sie können den Lernstoff nicht so aufnehmen wie die meisten anderen Schüler. Intelligente Schüler können diese Probleme oft lange kompensieren.  Wenn  sie dann zum Gymnasium kommen, funktioniert das oft nicht mehr, sie werden unkonzentriert, stören, werden zum Klassenclown und kriegen schnell das Gefühl: Ich bin nicht in Ordnung, ich bin nicht normal. Auch bei hochbegabten Kindern kommt es in Einzelfällen zu Problemen. Sie sind hochintelligent, scheitern aber am normalen Schulalltag.

WN: Was können Sie im Rahmen Ihres neuen Angebots  für diese Schüler tun?

Gerhard Epping: Wir kümmern uns nicht um einzelne Aspekte wie Rechtschreibung oder Mathematik, sondern wir betrachten die Kinder ganzheitlich. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Kinder, die die erwähnten Schwierigkeiten haben, in mindestens einem der Bereiche Motorik, Leistung, Sozialkompetenz und Glaube/Weltanschauung ein Defizit haben. Wir können es hinkriegen, dass die Schüler merken: Ich habe an dieser Stelle ein Defizit, und es ist notwendig, dass ich etwas dagegen tue.  Das ist keine Therapie, sondern eine Art Coaching für besseres Selbstmanagement.

Haveresch: Es geht nicht darum, dass durch die Gruppe alle Schwächen weggehen, sondern dass die Schüler sie kompensieren lernen. Diesen Prozess kann man unterstützen.

Schulte: Auch Entspannung wird eine Rolle spielen. Diese Kinder stehen oft unheimlich unter Dampf.

WN: Wer legt fest, welche Kinder in Ihr Trainingsprogramm kommen sollen?

Schulte: Dieses  Angebot wendet sich  an Kinder, die ( wirklich ) für das Gymnasium geeignet ( begabt ) sind. Diesen Begabten wollen wir helfen, die Leistung zu bringen, die nötig ist, um das Abitur zu machen. Wenn diese Kinder lernen, ihre Ängste zu verlieren, z.B. die Angst (  keine Angst zu haben brauchen), dass sie ausgegrenzt werden, können sie ganz anders lernen. Diese Zielgerichtetheit liegt mir sehr am Herzen. ( Das ist anders als etwa bei Gesamtschulen ). 

Haveresch: Vor diesem Hintergrund stimmen wir in der Schule ab, für welche Kinder das Angebot sinnvoll ist. Eine Fünf in Mathe ist dafür wirklich nicht ausreichend.

WN: Wären Kinder mit den von Ihnen beschriebenen Schwierigkeiten  nicht besser bei einem erfahrenen Therapeuten aufgehoben?

Haveresch: Wir verstehen unser Angebot nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den bereits laufenden Therapien. In Therapien sind die Kinder aber oft mit dem Therapeuten allein. Ihr Verhalten wird ihnen nicht

Die Turnhalle wird eine wichtige Rolle spielen im Förderunterricht für gut begabte Schulversager. Schulleiterin Rosemarie Schulte, Gerhard Epping von „lernen fördern“ und Beratungslehrer Manfred Haveresch wissen, dass  sich Defizite beim Körpergefühl in Schulschwierigkeiten niederschlagen können.
Foto: meg

von anderen Kindern gespiegelt. Dabei ist es für ein Kind sehr entlastend, wenn es sieht: Es sind auch noch andere Kinder da, die Schwächen haben.

Schulte: Mir ist es wichtig, dass wir die Hilfen für das betroffene Kind vernetzen. Es ist schon vorgekommen, dass ein Kind jahrelang wegen Schulproblemen in Therapie war, und die Eltern haben uns nicht informiert. Das darf nicht sein.

Haveresch:  Die Schwierigkeiten eines Kindes in der Schule sind keine statische Sache. Mal gibt es Rückschritte, mal Fortschritte. Deshalb sollten Schule und Therapeuten in ständigem Kontakt sein – ohne dass daraus eine Dauerbeobachtung für das Kind wird.

WN: Sie erwähnten vorher, dass Schulversagen durchaus mit Hochbegabung einher gehen kann. Wäre es nicht eine Überlegung wert, eigene Klassen für Hochbegabte anzubieten, um Problemen von vorneherein aus dem Weg zu gehen?

Epping: Dann hätten wir eine Isolierstation. Hochbegabte müssen später im Leben auch mit anderen Menschen auskommen und sich auf ihr Tempo einstellen können.

Haveresch: Es ist ein Irrtum zu glauben, alle Hochbegabten hätten Schulschwierigkeiten. In den meisten Fällen läuft das völlig glatt, die Hochbegabten suchen sich Nischen, wo sie ihre Talente ausleben können. Aber es gibt Hochbegabte, die nicht gelernt haben zu lernen und deshalb ihr Talent nicht entfalten können. Andere Kinder haben  Teilhochbegabungen, und ihnen fehlt das Durchhaltevermögen  bei Dingen, die ihnen nicht so schmecken. 

Schulte: Hochbegabung wird ( nur ) dann schwierig, wenn sie z. B. mit Sozialphobie und mangelnder Anpassung einhergeht. Wir haben auf jeden Fall das Konzept, besonders begabte Kinder im Klassenverband zu fördern, genau wie wir das mit schwächeren Kindern tun. Unsere unterschiedlichen Förderansätze lassen sich im Grunde unter eine Idee bringen: Die Schüler sollen im Klassenverband mehr Verantwortung für ihr  Lernen übernehmen und die Unterrichtenden sollen sie in dieser Verantwortung stärken.

WN: Profitieren auch die „normalen“ Schüler von einem solchen Förderkonzept?

Schulte: Ich bin fest überzeugt davon, dass eine solche Kultur der individuellen Förderung das Lernklima positiv beeinflusst.

Epping: Die Erfahrung zeigt: Wenn beispielsweise ein Schüler in der Klasse keine sozialen Kontakte hat, bindet das die Energien aller, und alle leiden darunter. 

WN: Am Gymnasium gibt es fast 1200 Schüler. Sie fangen nun mit der Förderung für  eine kleine Gruppe von vier bis fünf Schülern an. Das ist doch nicht mehr als ein Tropfen auf einen heißen Stein, nicht wahr?

Epping: Wir müssen  schauen, ob wir  unser Angebot irgendwann auch einmal für die höheren Klassen machen können. Aber irgendwo müssen wir beginnen, wenn wir auf Dauer etwas erreichen wollen. Das ist doch das typische Problem in Deutschland: Wir fangen einfach nicht an.

aus: vom 27.8.2005