Literatur der Jahrhundertwende –
Impressionismus und Symbolismus
(1890-1920)
Das Ende des alten und der Beginn des neuen Jahrhunderts ist literarisch durch eine Fülle unterschiedlicher Bestrebungen und Stilrichtungen gekennzeichnet. Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, dass sie als Gegenströmungen zum Naturalismus auftreten, einer Richtung der europäischen Literatur zwischen 1880 und 1900, die die objektive und naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit fordert. Zwar sind auch sie auf dem Boden des zweiten Kaiserreiches im Zeitalter des Imperialismus mit seinem politischen und wirtschaftlichen Herrschaftsstreben entstanden; ihre Anhänger wollen jedoch mit dem Zeitgeschehen, der Alltagswirklichkeit und der Weltanschauung des Materialismus nichts zu tun haben. Die so genannten Neuklassiker besinnen sich auf Werte und Formen der klassischen Überlieferung, die sie als Ausdruck vornehmen (aristokratischen) Lebensgefühls pflegen; die Vertreter der "Neuromantik" finden wieder Gefallen am Nichtalltäglichen, am Geheimnisvollen und Wunderbaren. Größere Wirkungen üben in der Jahrhundertwende jedoch zwei andere Kunstrichtungen aus: Impressionismus und Symbolismus. Mit dem Begriff Impressionismus (lat. "impressio": Eindruck), den man von der zeitgenössischen französischen Malerei übernimmt, wird ein neues Kunstideal bezeichnet: Nicht Erscheinungsformen einer vermeintlich objektiven Wirklichkeit sind ihm wichtig, sondern subjektive Eindrücke, die von Augenblick zu Augenblick wechseln und feinste Halbtöne, Schattierungen, Stimmungen erfassen. Ihre gesteigerte Empfindungskraft richten die Impressionisten nicht nur auf die Außenwelt, sondern auch auf seelische Regungen, die nun psychologisch genau wiedergegeben werden.
Während der Impressionismus mit der Darstellung subjektiver Eindrücke stärker sensualistisch orientiert ist, d.h. sich im Wesentlichen auf Sinneswahrnehmung bezieht, ist der Symbolismus eine eher spiritualistische Kunstrichtung, die das Wirkliche als geistig oder Erscheinungsweise des Geistigen deutet. Diesen hintergründigen Zusammenhang in allen Dingen gestaltet der Symbolist in konzentrierter Form mit Hilfe des Symbols oder Sinnbildes. Einige Künstler, die sich dem Symbolismus zugehörig fühlen, vertreten die Forderung nach einer Kunst um der Kunst willen ("l'art pour l'art"), die nur von einem erlesenen Kreis eingeweihter Kunstverehrer angemessen aufgenommen werden kann. Diesen verschiedenen Strömungen liegt die Erfahrung sozialer Entfremdung und Isolierung zugrunde, ein Krisenbewusstsein, das sich sowohl mit dem Bewusstsein von Niedergang, Weltmüdigkeit und Verfall ("Decadence") und dem Ende des bürgerlichen Zeitalters ("Fin de siede") verbinden kann als auch mit Erneuerungsstreben und Aufbruchsbegeisterung. Das optimistische Stilbemühen der Zeit findet seinen deutlichsten Niederschlag im so genannten Jugendstil der bildenden Kunst; dessen Tendenz zur Erlesenheit und Stilisierung beeinflusst auch die Literatur, so dass von einem literarischen Jugendstil gesprochen werden kann. Im Sinne des Jugendstils wurden Bücher mit dekorativen Drucktypen, Illustrationen, Titelseiten und Einbänden ausgestattet. Die bedeutendsten Leistungen der Epoche liegen auf lyrischem Gebiet. Bevorzugt wird eine durch Metrum, Reim und Strophenform gehobene Sprache, wobei der Symbolismus zu strengeren Formen neigt. Die literarischen Zentren der Zeit sind Wien, Berlin und München. Zum Text "Der Panther" Rainer Maria Rilke Der Einfluß Rodins