Frühe Jahre

Rilke verlebte einsame Kindheitsjahre; die Trennung der Eltern und der anschließende Aufenthalt in den Militärschulen Sankt Pölten und Mährisch-Weißkirchen, die er aus gesundheitlichen Gründen verlassen mußte, hinterließen traumatische Erinnerungen. Nach dem Besuch einer Handelsakademie in Linz studierte er Philosophie, Kunst und Literatur in Prag, München und Berlin. Mit dem Band Leben und Lieder (1894) trat er erstmals als Dichter an die Öffentlichkeit. 1897 lernte er in München Lou Andreas-Salomé kennen, die er 1899 und 1900 auf Reisen in ihre Heimat Rußland begleitete. Tiefen Eindruck hinterließ die Begegnung mit Tolstoi während ihrer zweiten Reise. Die Weite und Schönheit der russischen Landschaft und das vergeistigt-tiefgründige Wesen der Menschen, denen er dort begegnete, führten ihn zu der Erkenntnis, daß Gott in allen Dingen gegenwärtig ist. Seine Gefühle schlugen sich in dem Werk Vom lieben Gott und Anderes (1900) nieder. Seinen ersten großen Erfolg erzielte Rilke mit seiner 1899 geschriebenen und 1906 veröffentlichten lyrischen Prosadichtung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. In den Jahren nach 1900 vollzog sich in Rilkes zunächst von den französischen Symbolisten beeinflußten Dichtungen ein Wandel. Er entwickelte eine ausgeprägte poetische Eigenständigkeit, das lyrische Ich trat zurück, statt dessen nahm das Gegenständliche mehr Raum in seiner Dichtung ein, was sich bereits in den Gedichtbänden Das Buch der Bilder (1902; erweitert 1906) andeutete und in Das Stunden-Buch (1905) deutlich sichtbar wurde.

 

Der Einfluß Rodins

In Paris begegnete Rilke im Jahr 1902 dem Bildhauer Auguste Rodin, dessen Sekretär er von 1905 bis 1906 war. Rodin vertrat die Auffassung, jegliches künstlerische Schaffen stelle eine religiöse Handlung dar. Rilke machte sich diese Sichtweise zu eigen und suchte in seinen Versen, das Ebenmaß einer vollkommenen Skulptur zu verwirklichen. Seine in diesen Jahren entstandenen Gedichte erschienen gesammelt in dem Werk Neue Gedichte (1907), dessen zweiter Teil als Der Neuen Gedichte anderer Teil 1908 erschien. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges hielt sich Rilke häufig in Paris auf und unternahm von dort Reisen durch Europa und Nordafrika. Von 1910 bis 1912 lebte er auf Schloß Duino bei Triest (heute Italien). Dort entstanden die Gedichte des Bandes Das Marien-Leben (1913), die später von dem deutschen Komponisten Paul Hindemith vertont wurden. Außerdem verfaßte er auf Schloß Duino die ersten zwei der insgesamt zehn Duineser Elegien (1923).

Mit der Abfassung seines bedeutendsten Prosawerkes begann Rilke 1904 während eines Aufenthalts in Rom: In dem teilweise autobiographischen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) schildert Rilke die Bedrängnis und das Reifen eines sensiblen jungen Dichters in Paris.

 

Spätwerk

Während des 1. Weltkrieges lebte Rilke hauptsächlich in München. 1919 siedelte er in die Schweiz über und lebte dort – unterbrochen von kurzen Aufenthalten in Paris und Venedig – bis zu seinem Tod. In der Abgeschiedenheit eines Schlößchens nahe Siders vollendete er die Duineser Elegien und verfaßte innerhalb von nicht einmal 14 Tagen Die Sonette an Orpheus (1923). Die beiden Gedichtzyklen gelten als Rilkes poetische Meisterwerke. In seinen Elegien beschreibt er den Tod als Übergang vom Leben in einen Zustand nicht sichtbarer, doch absoluter Substanz der inneren Wahrheit. Die Verschmelzung der äußeren Realität mit der inneren Wahrheit stellte für ihn das erstrebenswerte, aber unerreichbare Ideal der Einheit dar. In seinen Sonetten pries Rilke das Leben und den Tod als kosmische Erfahrungen. Der an Leukämie erkrankte Rilke starb wenige Wochen nach seinem 51. Geburtstag.

Rilke und seine Krankheit

Zum Text "Der Panther"

Die Epoche des Impressionismus und Symbolismus 1890 - 1920