Prignitzer
Eisenbahn übernimmt SPNV im Westmünsterland
von
Michael Schumann 26.12.04
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Zum Fahrplanwechsel am 12. Dezember 2004 hat die Prignitzer Eisenbahn GmbH (PEG) die SPNV-Leistungen auf der Kursbuchstrecke 412 Dortmund – Lünen Hbf - Coesfeld (Westf) – Gronau – Enschede (Westmünsterland-Bahn, RB 51) aufgenommen. Bis zum 11. Dezember 2004 wurde die Westmünsterlandbahn durch die DB Regio NRW GmbH bedient. Mit dem Betreiberwechsel geht auch eine
Modernisierung des Fahrzeugparks einher: Während DB Regio NRW auf der
Strecke über Jahre hinweg Triebwagen der Baureihe Vt 624 einsetzte,
kommen bei der PEG fabrikneue dieselmechanische Triebwagen des Typs
„Talent“ (BR 643) des Herstellers Bombardier Transportation zum
Einsatz. Insgesamt wurden elf dreiteilige Fahrzeuge (Vt 643.08 - 643.18)
von der PEG über Angel Trains International als Leasinggeber beschafft,
wobei ein Fahrzeug ein von den Aufgabenträgern nachträglich bestelltes
Ersatzfahrzeug ist, das zur zusätzlichen Sicherung der betrieblichen
Stabilität dienen soll. Die Fahrzeuge verfügen über Klimaanlage, Videoüberwachung,
Armlehnen und Kopfstützen an allen Sitzplätzen, Tische an den vis-à-vis
angeordneten Sitzen in der 1. Klasse sowie Ablagenetze und Klapptische an
den hintereinander angeordneten Sitzen der 2. Klasse. Auffallend auch der
Bezug der Bestuhlung: Während die Sitze in der 2. Klasse in blauem Bezug
gehalten sind, präsentieren sich die Sitze in der 1. Klasse mit rotem
Bezug. Neu ist auch ein Babywickeltisch im behindertenfreundlichen WC. Die
automatische Haltestellenansage erfolgt in deutscher und niederländischer
Sprache. Die Betriebsaufnahme der Prignitzer Eisenbahn auf der eingleisigen Westmünsterland-Bahn ist das Ergebnis eines in den Jahren 2001/2002 unter Federführung des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr Münsterland (ZVM) europaweit durchgeführten Wettbewerbsverfahrens. Das Verfahren hat der ZVM gemeinsam mit den Zweckverbänden Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und dem SPNV Ruhr-Lippe (ZRL) sowie den niederländischen Partnern Gemeente Enschede und Provincie Overijssel durchgeführt. Im Zuge des Verfahrens hatten sich insgesamt sieben
Verkehrsunternehmen beworben und Angebote für die Verkehrsleistungen
abgegeben. Unter diesen haben die fünf Aufgabenträger das wirtschaftlich
günstigste Unternehmen ausgewählt. Die Prignitzer Eisenbahn erhielt den
Zuschlag und wurde mit dem Betrieb für die Dauer von sieben Jahren
beauftragt. Insgesamt werden auf der 105 km langen Strecke 1,2 Mio.
Zug-Kilometer pro Jahr zurückgelegt, davon rd. 60.000 Zug-Kilometer pro
Jahr in den Niederlanden. Der gemeinsame Verkehrsvertrag stellt strenge Anforderungen an die Pünktlichkeit der Fahrzeuge. Der von den Aufgabenträgern geforderte Pünktlichkeitsgrad wird von 95 % auf 98 % erhöht, wobei die zulässigen Verspätungsminuten von fünf Minuten auf drei Minuten gesenkt werden. Mit dem Ausschreibungsverfahren werden zudem weitere Qualitätsmaßstäbe insbesondere hinsichtlich der Sauberkeit geschaffen. In ausgewählten Zügen, vornehmlich im Berufsverkehr, wird mit Unterstützung der PEG durch einen selbständigen Vertragspartner ein Bordservice mit einem qualitativ hochwertigen Angebot zu fairen Preisen angeboten. Das Betriebskonzept der PEG sieht einen
Fahrzeugeinsatz entsprechend dem Fahrgastaufkommen vor: So können
bestimmte Leistungen während der Verkehrsspitzen im Berufs- und Schülerverkehr
insbesondere zwischen Dortmund und Coesfeld von den Standorten Dortmund
und Coesfeld aus mit zusätzlichen Fahrzeugen verstärkt werden. Für die Verkehre auf der Westmünsterlandbahn hat die PEG 25 Triebfahrzeugführer und fünf Zugbegleiter eingestellt, zusätzlich sind im Bereich Verwaltung/Marketing drei Mitarbeiter tätig. 30 Prozent der Zugleistungen wird die PEG mit vertragsgemäß Zugbegleitpersonal fahren. Personaleinsatzstellen sind Dortmund Hbf, Coesfeld und Gronau. In den Bahnhöfen Coesfeld und Gronau werden in den Nachtstunden auch die Fahrzeuge abgestellt. In Dortmund fungiert die Dortmunder Eisenbahn GmbH für die PEG als Dienstleister in den Bereichen Fahrzeugabstellung, Betankung, Fahrzeugreinigung und -wartung. Die Beheimatung der Triebwagen erfolgt im PEG-Werkstattstützpunkt in Mülheim-Styrum, wo auch die Fristarbeiten durchgeführt werden. In Mülheim-Styrum befindet sich seit Januar auch der Sitz der örtlichen Betriebsleitung für die Verkehre im Westmünsterland und im Raum Oberhausen. In Coesfeld hat die PEG zum 1. Januar 2005 im Bahnhofsgebäude ein Kundencenter in Räumen eröffnet, die zuvor von der Westfalenbus GmbH genutzt wurden. Hier erhalten Fahrgäste Informationen zum Unternehmen sowie zum Fahrplan- und Tarifangebot. Darüber hinaus bietet die PEG am Standort Coesfeld auch den Verkauf von Verbundfahrausweisen an. Hoffnungen auf die Einrichtung eines PEG-Kundencenters hatte sich auch die Stadt Lüdinghausen gemacht, zumal in der ehemaligen Kreisstadt seit der Schließung der von der Regionalverkehr Münsterland GmbH betriebenen Mobiliätätszentrale „frag und fahr“ zum 23.12.2004 Fahrkarten und Reiseauskünfte nur noch am Fahrkartenautomaten am Bahnhof erhältlich sind. Die Prignitzer Eisenbahn hat auf den Stationen Gronau
(Westf), Epe, Ahaus, Legden, Rosendahl-Holtwick, Coesfeld (Westf), Lette
und Lüdinghausen eigene Fahrkartenautomaten und Fahrkartenentwerter
aufgestellt; die zuvor dort stationierten Automaten und Entwerter der DB
Regio AG wurden abgezogen. In
Dülmen sowie an den niederländischen Stationen Enschede, Enschede-De
Eschmarke und Glanerbrug auf dem gemeinsam mit DB Regio bedienten grenzüberschreitenden
Streckenabschnitt Gronau (Westf) - Enschede stehen den Fahrgästen
weiterhin die Automaten der DB Regio AG zur Verfügung. Gleiches gilt für
die Stationen zwischen Selm und Dortmund Hbf auf Wunsch der dort zuständigen
Zweckverbände SPNV Ruhr-Lippe und Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. Mit der DB
AG wurde eine Vertriebs- und Tarifkooperation vereinbart, so dass an den
PEG-Automaten über den Münsterland-Tarif hinaus auch Fahrkarten zu
ausgewählten Tarifpunkten im DB-Netz nach dem DPT-Tarif erworben werden können.
Bereits zum 01.08.2004 eröffnete die PEG in Lünen
ein Ticketcenter mit DB-Fahrkartenagentur. Es befindet sich in einem
Ladenlokal direkt am neu angelegten Busbahnhof in unmittelbarer Nähe zum
Hauptbahnhof und ersetzt das Ende Juni 2004 geschlossene Reisezentrum der
DB Personenverkehr GmbH. Darüber hinaus hat die PEG Interesse an der
Einrichtung eines Ticketcenters im Bereich des Bahnhofs Gronau. Hier
unterhält die DB Personenverkehr GmbH allerdings noch ein eigenes
Reisezentrum im Bahnhof. Zugverkehr im Westmünsterland lief in den ersten Betriebstagen nicht störungsfrei In den ersten Tagen nach der Betriebsaufnahme hatte die
Prignitzer Eisenbahn mit internen und externen Problemen zu kämpfen, die
einen reibungslosen Start im Westmünsterland zunichte machten. Am 12. Dezember 2004, dem Tag der Betriebsaufnahme, hatte
die PEG mit kostenlosen Fahrten auf der Gesamtstrecke geworben. Und dieses
Angebot wurde von den Fahrgästen durchaus angenommen: Nahezu alle Züge -
vom Morgen bis zum Abend - waren an diesem Tag sehr gut besetzt, teilweise
sogar hoffnungslos überfüllt. In Fahrtrichtung Dortmund mussten am
Vormittag ab Lüdinghausen sogar Fahrgäste an den Bahnsteigen zurückgelassen
werden. Am späten Nachmittag kam es dann zu einer Weichenstörung
im Bahnhof Gronau an der westlichen Ausfahrt in Richtung Enschede, so dass
der komplette Zugverkehr aus und in Richtung Enschede (betroffen waren
neben den Zügen der PEG auch die der DB Regio NRW in der Relation Münster
- Enschede) für mehrere Stunden eingestellt werden musste. Fahrgäste der
PEG, die das Angebot für einen Ausflug nach Enschede genutzt hatten und
in dieser Zeit die Rückfahrt antreten wollten, saßen in der niederländischen
Grenzstadt fest und erhielten in dieser Zeit auch keine Informationen zur
Betriebslage, da entsprechende Durchsagen des Fahrdienstleiters Gronau
ausblieben. Da nach 19 Uhr keine durchgehende Fahrtmöglichkeit zwischen
Enschede und Coesfeld/Dortmund besteht, konnten zahlreiche Fahrgäste ihr
Fahrtziel nicht mehr direkt erreichen und mussten teilweise lange Umwege
über Münster in Kauf nehmen. Am 13. Dezember 2004 kam es ebenfalls zu erheblichen Verspätungen
im Berufsverkehr, da die Automatik an zahlreichen Schrankenanlagen
ausgefallen war. Auch an den Folgetagen kam es immer wieder zu Verspätungen
und Zugausfällen, auch hervorgerufen durch defekte Türen oder
eingefrorene Weichen. Die Prignitzer Eisenbahn entschuldigte sich auf ihrer
Internetseite bei den Fahrgästen für die Probleme zum Betriebsstart. Im
PEG-Kundencenter am Hauptbahnhof in Lünen wurde wartenden Fahrgästen Glühwein
angeboten. |

Mit gut 50 Minuten Verspätung traf das Fahrzeug zur Präsentation in Dülmen ein.

Am Zug präsentieren sich von rechts nach
links: Herr Dr. Böhme (PEG), Herr Geuckler (ZVM), Herr Goeke
(Salesmanager Bombadier Transportation),
Herr Dr. Paßlik (stv. Verbandsvorsteher ZVM) und ein weiterer Herr.

Treffen mit dem Planzug in Dülmen.

Logovielfalt am neuen VT 643.09 der PEG.

Ein weiteres Treffen mit einem Planzug nach Enschede in Dülmen. Man beachte das Zuglaufschild im Führerstandfenster.
Blick in den Führerstand des Talent-Triebwagens. Foto: PEG
TALENT Foto: PEG
Die Aufnahmen machte, wenn nicht anders
vermerkt, Klaus Heisler am 08. November 2004.