Westfälische Landes-Eisenbahn GmbH:
SPNV-Reaktivierung in der Diskussion


 

 Aktuelle Übersicht zum Thema vom 16.03.2006
von Michael Schumann

Seit einigen Jahren bereits wird beim Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Münsterland (ZVM) und den politischen Gremien in der Stadt Münster und im Kreis Warendorf über eine Reaktivierung des Streckenabschnittes Münster – Sendenhorst – Neubeckum im SPNV diskutiert.

Nach Einstellung des Personenverkehrs auf diesem Teilstück zum 27.09.1975, wird der Personenverkehr heute durch eine Schnellbus- und eine Regionalbuslinie zwischen Neubeckum und Münster und innerhalb Münsters zusätzlich durch eine CityBus-Linie bedient.

Die Verbandsversammlung des Zweckverbandes SPNV Münsterland hat in der Sitzung am 14. September 1998 die Schienenverbund Münsterland GmbH als fachlichen Dienstleister des Zweckverbandes mit einer vertiefenden Untersuchung zur Reaktivierung des SPNV auf der WLE-Strecke beauftragt. Diese Untersuchung wurde gemeinsam mit der WLE als Eigentümerin der Infrastruktur durchgeführt. Zur Vorbereitung der Entscheidung über eine mögliche Reaktivierung der WLE-Strecke sollten die konzeptionellen Überlegungen für den Betrieb und die technische Ausstattung der Strecke weiter entwickelt werden. Das Gutachten enthält Angaben zu den Planungs-, Investitions- und Betriebskosten, zu möglichen Betriebskonzepten sowie zum Ausbau der Infrastruktur.

Das Ergebnis des Gutachtens konnte der Zweckverband auf seiner Sitzung vom 13. März 2000 zur Kenntnis nehmen. Demnach soll die Infrastruktur zwischen Münster (Westf) Hbf und Münster-Wolbeck sowie zwischen Albersloh und Neubeckum eingleisig, zwischen Münster-Wolbeck und Albersloh zweigleisig ausgebaut werden. Haltepunkte sind vorgesehen in Münster Hbf, Münster-Halle Münsterland (neuer Haltepunkt am Kongresszentrum/Cineplex-Großkino), Münster-Loddenheide (neuer Haltepunkt am Gewerbepark Loddenheide), Gremmendorf, Angelmodde, Wolbeck, Albersloh, Sendenhorst, Tönnishäuschen, Enniger und Neubeckum.

Die Höchstgeschwindigkeit soll im Abschnitt Münster – Wolbeck auf 80 km/h, im übrigen Abschnitt auf 100 km/h ausgelegt sein. Das Gutachten favorisiert ein Betriebskonzept, welches einen 20-Minuten-Takt zwischen Münster Hbf und Wolbeck, zwei bis drei stündliche  Verbindungen bis Sendenhorst und einen Stundentakt bis Neubeckum mit Zugkreuzungen in Münster-Loddenheide, Wolbeck sowie auf dem zweigleisigen Abschnitt Wolbeck – Albersloh („fliegende Kreuzung“) vorsieht.

Die Investitionskosten für die Reaktivierung der Strecke liegen bei 43,14 Mio. €, zuzüglich 6,54 Mio. € Planungskosten. Nach Abzug des Förderanteils des Landes NRW verblieben für die WLE ein Eigenanteil von insgesamt 8,9 Mio. € (hauptsächlich für die Instandsetzung der Strecke) und für die Kommunen ein Eigenanteil von 0,61 Mio. € für die Bahnübergänge und Haltepunkte. Die jährlichen Betriebskosten beliefen sich dem Gutachten zufolge auf 1,94 bis 2,61 Mio. €.

Der gesamte Streckenabschnitt war nach der Einstufung in den vordringlichen Bedarf des ÖPNV-Bedarfsplans (1998) und Aufnahme in den ÖPNV-Ausbauplan NRW (2001) vom Zweckverband SPNV Münsterland in die Weiterentwicklung des Integralen Taktfahrplans NRW (ITF 3) nach 2006 auf Landesebene eingebracht worden. In der integrierten Gesamtverkehrsplanung NRW wurde die Reaktivierung der WLE-Strecke nach eiem Erlass des Ministeriums für Verkehr, Energie und Landesplanung NRW (MVEL) nur noch als disponibles Projekt berücksichtigt.

Das neue ÖPNV-Gesetz NRW ermöglicht für die Reaktivierung von Schienenstrecken für den SPNV eine Förderung der Investitionskosten für die Infrastruktur nach § 12 und eine Förderung der Betriebskosten nach § 11 über den jährlich aufzustellenden SPNV-Finanzierungsplan NRW. Wenn bei der Reaktivierung der WLE-Strecke die Investitionskosten und die Betriebskosten gefördert werden, ist keine gesonderte Beteiligung der Region erforderlich. Weder für die Investitionskosten noch für die Betriebskosten besteht derzeit Klarheit über den Zeitpunkt und die Höhe der Förderung durch das Land NRW.

Bis zum Jahr 2006 war eine Förderung der Reaktivierung der WLE-Strecke aufgrund der geringen Mittelzuweisung des Landes für den Regierungsbezirk Münster (nur 6,3 Mio. € bis 2006) nicht realisierbar. Um die Voraussetzung zu schaffen, dass nach 2006 für die großen Projekte im Münsterland Fördermittel vom Land zur Verfügung gestellt werden, wurden seitens des ZVM entsprechende Anträge rechtzeitig bei der Bezirksregierung Münster gestellt.

Der seit Mitte Dezember 2005 vorliegende Entwurf des Verkehrsinfrastrukturbedarfsplans für NRW bis zum Jahr 2015 beinhaltet allerdings bisher hauptsächlich Projekte im Bereich Rhein/Ruhr, Köln/Bonn und Aachen. Die Verbandsversammlung des ZVM fordert daher nachdrücklich, u.a. das Reaktivierungsprojekt Münster - Neubeckum in den Bedarfsplan aufzunehmen.

Zudem: Innerhalb der Gebietskörperschaften gibt es weiterhin unterschiedliche Auffassungen zur Reaktivierung. Nachdem sich nach Diskussion des Projektes in den politischen Gremien der Rat der Stadt Münster bereits am 13. September 2000 mit der überwältigenden Mehrheit aus CDU, SPD, GAL, UWG und PDS gegen die Stimmen der FDP für eine Reaktivierung der Strecke ausgesprochen hat, ist im Kreistag Warendorf eine endgültige Entscheidung „pro WLE“ nicht erkennbar: Bei der CDU-Fraktion, die im Kreistag über eine absolute Mehrheit verfügt, gibt es teilweise massive Vorbehalte hinsichtlich des Betriebskonzeptes. Die Warendorfer FDP-Kreistagsfraktion lehnt eine WLE-Reaktivierung klar ab. Ihrer Meinung nach ist der derzeit bestehende Schnellbusverkehr ausreichend; eine Wiederaufnahme des Personenverkehrs wird als Verschwendung von Steuergeldern angesehen. Für die Reaktivierung haben sich die Oppositions-Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ausgesprochen.

Angesichts der ungewissen Perspektiven besteht für eine Entscheidung der Verbandsversammlung des ZVM und auch der Gremien der betroffenen Gebietskörperschaften zur Reaktivierung der WLE aktuell somit leider kein Handlungsbedarf.