Zur Geschichte des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums Münster 1690-1945

Bernd Weber

Vorbemerkung

1. Zur Schulgründung 1690

2. Hinweise zur Geschichte der Schule bis 1871

3. Von der Katholischen Höheren Töchterschule zur realgymnasialen Studienanstalt (1872-1909)

4. Zwischen Mündigkeit und vaterländischer Hingabe - Die Katholische Höhere Mädchenschule bis zum Ende des Kaiserreiches (1909-1918)

zurück

Vorbemerkung

Jedes Schuljubiläum legitimiert sich historisch und ist insofern ohne historische Erinnerung gar nicht denkbar.

Die Geschichte einer Schule bietet eine Fülle von Lern- und Anschauungsmaterialien, wie eine Schule und die an ihr beteiligten Lehrer/-innen und Schülerinnen - im gesamten Untersuchungszeitraum der vorliegenden Studie war das Annette-Gymnasium eine Mädchenschule - mit pädagogischen, (bildungs-) politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit umgegangen sind. Dies leistet Geschichte freilich nur dort, wo die Geschichte einer Schule im Spannungsfeld pädagogischer, politischer und gesellschaftlicher Ziele und Interessen gesehen wird. Konkret heißt dies: Die Geschichte der Annetteschule kann nicht rekonstruiert werden, ohne zugleich über bestimmte pädagogische, politische und soziale Trends und Tendenzen wie deren Rezeption in Münster zu sprechen. Dass bei der Geschichte einer ehemaligen Mädchenschule hier etwa der Geschichte der Frauenbildung und Frauenbewegung eine große Bedeutung zukommt, bedarf wohl kaum der Erwähnung. [1]

1. Zur Schulgründung 1690

1690 - die soeben erfolgreiche Glorreiche Revolution in England markiert mit der Durchsetzung einer parlamentarischen Monarchie einen Weg in die Moderne, der England in den folgenden 150 Jahren eine vergleichsweise leichte Anpassung an demokratische Prinzipien ermöglichen sollte. Gleichzeitig vollzog sich im 17. Jahrhundert Englands Aufstieg zur führenden See- und Kolonialmacht. Zeitgleich war der Absolutismus im Frankreich Ludwig XIV. für Kontinentaleuropa zum Modell einer zentralisierten politischen Ordnung geworden, das England gegenüber einen anderen Weg der Herausbildung frühmoderner Staatlichkeit kennzeichnet. Geschwächt durch die Folgen des 30jährigen Krieges, die osmanische Expansion wie die Unfähigkeit, auf die ökonomischen, sozialen und politischen Veränderungen der Neuzeit effektiv zu reagieren, zerfiel das ,Heilige Römische Reich Deutscher Nation' in eine kaum überschaubare Vielzahl von Herrschaftseinheiten, die allesamt ihre souveräne Selbständigkeit beanspruchten.

Dieser globale Rahmen des Gründungsjahres des heutigen Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums Münster kennzeichnet die Gleichzeitigkeit ungleicher Verhältnisse, die sich im deutschen Kontext angesichts konfessionellreligiöser, kultureller, ökonomischer und politischer Trennungslinien zwischen absolutistischen Territorialstaaten, Fürstbistümern und Abteien, Reichsstädten bis hin zu Graf- und Ritterschaften in besonderer Weise ausprägten. In europäischer Perspektive sicher Provinz[1], kam Münster im Jahre 1690 als Residenzstadt, als Hauptstadt des Fürstbistums Münster doch im "buntscheckigen Gebilde" [2] ,Deutschlands' schon von seiner Größe, dem Grad seines Ansehens und seiner Bekanntheit als Stadt des ,Westfälischen Friedens' eine Bedeutsamkeit zu, die die etlicher autonomer Reichsstädte übertraf, auch wenn der Wunsch nach politischer Unabhängigkeit der Stadt als souveräner Stadtstaat im 17. Jahrhundert am fürstbischöflichen Absolutismus gescheitert war.

Selbst wenn Münster 1690 als vom Fürstbischof bestimmte Residenzstadt von der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen "Blütezeit" ein wenig verloren haben mochte, so war eine für damalige Verhältnisse nach wie vor große Stadt wie Münster mit etwa 10.000 Einwohnern wie alle mitteleuropäischen Städte seit dem Hochmittelalter gekennzeichnet durch Handelsbeziehungen und Märkte, berufliche Spezialisierung im Kontext der Profilierung neuer Bedürfnisse, Geldwirtschaft sowie Freiräume, die insgesamt einen historischen Umbruch ankündigten: den Aufbruch einer bürgerlichen Gesellschaft, in der erstmals das im Mittelalter zunächst gegebene Bildungsmonopol der (höheren) Geistlichkeit, der Kloster- und Domschulen, gebrochen wurde. Neben Lateinschulen und den ihnen verwandten ersten Universitäten, Bürger- und Ratsschulen gab es in den Städten erstmals seit dem 14. Jahrhundert auch ,Deutsche Lese-, Schreib- und Rechenschulen' als Elementarschulen[3]. In diesem Prozess der Schulentwicklung stellte dann die Reformation eine epochale Wende dar, die in technischer Hinsicht durch den Buchdruck begünstigt und allerorten eine soziale Literalität, die relativ verbreitete Fähigkeit des Lesens und Schreibens, neu begründet[~].

Der Trend der Schulentwicklung findet seine Entsprechungen in Münster. Die älteste Schule der Stadt, das heutige Gymnasium Paulinum, kann auf einen Traditionszusammenhang bis in die Zeit Karls des Großen, die Gründung der Civitas Mimigernaford und des Bistums zurückblicken, auf das Jahr 805, indem der für die Christianisierung des Münsterlandes ernannte Luidger zum Bischof geweiht wurde. Aus der primär für die Ausbildung geistlichen Nachwuchses zuständigen Domschule wurde schon bald eine weit über die Grenzen Münsters bekannte Bildungsanstalt, von der aus Studenten im Mittelalter die Universitäten Köln, Leiden und Paris besuchten[5]. Im Zeitalter der Renaissance wandelte sich die ,Schola Paulina' zu einer Schule des Humanismus; auch während der Gegenreformation behielt sie unter Leitung des Jesuitenordens ihre hervorragende Stellung. Doch Gymnasium und Lateinschulen gehörten zur Welt des Mannes. Mädchen und Frauen blieben sie bis zum 20. Jahrhundert verschlossen.

Eine höhere weibliche Bildung und Erziehung vermittelten in Münster über Jahrhunderte hinweg die Frauenklöster, "so das alte Zisterzienserinnenstift St. Aegidii, das Niesingkloster der Augustinerinnen bei St. Servatii und seit dem 17. Jahrhundert auch die Niederlassung der Chorfrauen des Hl. Augustinus an der Hörsterstraße, die nach der Heimat der Nonnen das Lotharingerkloster genannt wurde"[6]. Bekanntlich hatten sich im Mittelalter zahlreiche Frauenklöster zu wahren Zentren der Wissenschaft und Kultur entwickelt, die neben Ordensfrauen auch vornehmen ,Laientöchtern' offenstanden. Erst mit der Verselbständigung der Universitäten seit dem 13.

Jahrhundert wurden Wissenschaft und wissenschaftlicher Lehrbetrieb zum männlichen Privileg. Der Mann verkörperte nunmehr das gelehrte Geschlecht[7], und Frauen wurden von Lateinschulen, den Vorläufern des modernen Gymnasiums, ferngehalten. [8]

Am Ausgang des 17. Jahrhunderts wird erneut die Bildung und Erziehung des jungen adeligen und gutbürgerlichen Mädchens Gegenstand pädagogischer Theorien. Darin reflektiert sich ein sozialer Wandel der Stellung der Frau der ,gehobenen Stände'. Auf dem Lande, wo Haus, Hof und Familie eine Wirtschaftsgemeinschaft verkörperten, blieb ebenso wie im handwerklichen Betrieb die frühzeitige Kinderarbeit wie die Einbeziehung der Frau in den Arbeitsprozess selbstverständlich, ebenso eine möglichst frühe Heirat der Mädchen, soweit sie nicht als Mägde oder Dienstpersonal gebraucht wurden[9]. Demgegenüber wurde die Frau im (groß-)bürgerlichen Bereich zunehmend an das eigene Heim, mit dessen Erziehungsaufgaben und Repräsentationspflichten, gebunden. Verbunden mit einem Abgrenzungsbedürfnis der eigenen Kinder von ,der Straße' entstand so auch ein neues Bedürfnis nach gehobener Mädchenbildung, abgetrennt auch von den Elementarschulen. Neue Ordensgründungen, für die die Namen Jeanne de Lestonnac, Johanna Franziska von Chantel, Angela Merici und Mary Ward stehen, kamen diesem

Bedürfnis entgegen. Die Letztgenannten gründeten die neuen weiblichen Schulorden der ,Ursulinen' bzw. ,Englischen Fräulein'. Als älteste eigenständige Mädchenschule Westfalens gilt die Gründung der französischen Chorfrauen von St. Michael in Paderborn (1658), der 1699 in Dorsten eine von Ursulinen gegründete und geleitete Elementarschule nebst ,Mädcheninternat für gehobene Ansprüche' folgte. In einer Dorsten gegenüber vergleichsweise großen Stadt wie Münster konnte jetzt gar die Gründung der ersten weltlichen - privaten(!) - höheren Mädchenschule der Stadt erfolgen: Im Jahre 1690 erstand im Kirchspiel Lamberti die sog. ,Demoisellen-Schule'[10]. Diese Schule, so ist zu vermuten, war den Töchtern der im Zuge der Modernisierungsprozesse des 17./18. Jahrhunderts auch in Münster aufsteigenden neuen - akademisch gebildeten - bürgerlichen Führungsschichten Stätte des Lernens, der Bildung und Erziehung. Nicht mehr vorrangig Besitz oder gar Herkunft i.S. der Erbmännergeschlechter definierten fortan die Zugehörigkeit zum ,höheren Bürgerstand', sondern Bildungsgrad und Universitätsstudien, die für die allenthalben erforderlichen höheren Beamtenstellen im Zuge des Ausbaues der staatlichen bzw. städtischen und kirchlichen Verwaltung sowie des Justizwesens qualifizierten. Im 17. Jahrhundert ist dieser Wechsel der städtischen Führungsschicht in Münster - im Rat der Stadt, im Dienst des Domkapitels bzw. der fürstbischöflichen Verwaltung feststellbar. Gegenüber den traditionellen Eliten, insbesondere gegenüber dem Adel, konnte gerade in der Individualisierung der Beziehung zu Kindern und ihrer auch schulischen Förderung Leistungsfähigkeit gegen , angeborene' Privilegien gewandt werden. Mit diesem Prinzip wurde langfristig die Legitimation der ständischen Gesellschaft infragegestellt. Eine gesonderte höhere Bildung' auch der Töchter war dann nur konsequent, zumal diese an der soeben gegründeten kleinen weltlichen ,Demoisellen-Schule' ja unter sich blieben; schon das gegenüber Klosterschulen mutmaßlich höhere Schulgeld sorgte für diese Exklusivität, die vor der ,Weltlichkeit' dieser Schule Motiv für die Schulwahl gewesen sein dürfte. Insofern ist es gar nicht so erstaunlich, dass sich unter den geistlichen Anstalten Münsters jetzt, am Ende des 17. Jahrhunderts, eine weltliche Schule behaupten kann.

Gründerin der Schule war Demoiselle de la Branche, mutmaßlich eine Tochter des in der Ludgeri-Leischaft ansässigen Perruquier Nicolas de la Branche[11]. Inwieweit es hier einen Zusammenhang mit den infolge der Religionspolitik Ludwig XIV. aus Frankreich vertriebenen Hugenotten gibt, muss offenbleiben. Sicher ist, dass etwa in Preußen - bedingt durch das Potsdamer Edikt von 1685, das den Hugenotten eine relative Autonomie einräumte - zahlreiche "französische Schulen" gegründet wurden: "Es gab, infolge der zahlreichen emigrierten französischen Gelehrten, aber auch vieler gebildeter Töchter aus verarmten französischen Adelsgeschlechtern, ein breites, vielfältiges, qualitativ sehr unterschiedliches Angebot an Hauslehrern oder Pensionaten"[12]

Jedenfalls sprach man fortan auch in Münster von der Demoisellen- bzw. Französischen Schule, deren zweite Schulleiterin, die Demoiselle Willemine (fr. Guillemine), ebenfalls der Herkunft nach Französin war. Gründerinnen und Namen der Schule sowie deren leitende Prinzipien, "erwachsenen Demoisellen Unterricht in der französischen Sprache und feiner Lebensart zu geben", verweisen auf die Orientierung der neuen bürgerlichen Eliten an der französischen Kultur, die sie mit dem europäischen Adel teilten. Französische Sprache, Küche, Sitten, gesellige Unterhaltung und Mode, allesamt Inbegriffe höfischer Formen, galten im Kontext der Vormachtstellung Frankreichs im 17. Jahrhundert als die gehobene Kultur schlechthin, als Signum höherer Bildung, die ihren Trägern zugleich auch eine soziale Exklusivität verlieh, die sie vom ,normalen Volk' abhob[13].

In der Tradition dieser zunächst relativ kleinen privaten höheren Mädchenschule steht die 300jährige Geschichte des heutigen Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster. Dieser Traditionszusammenhang erwächst keineswegs einem nachträglichen Legitimationsbedürfnis eines ursprünglich nur gegen Widerstände sich durchsetzenden Mädchengymnasiums. Anlässlich der Einweihung des Neubaus der ,Kath. höheren Mädchenschule zu Münster' im Jahre 1909 sprach der damalige Generalvikar des Bistums Münster, Dr. v. Hartmann, das Wissen um Tradition und Kontinuität der Schule im Blick auf die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen die Schule von seiner Mutter besucht wurde, klar aus: "Und was ich ihr verdanke, das verdanke ich indirekt dieser Schule"[14].

2. Hinweise zur Geschichte der Schule bis 1871

Der eigentliche Ausbau des höheren Mädchenschulwesens mit Gymnasialbildung begann in Deutschland erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der auch die Münsteraner Vorgängerschule des heutigen AnnetteGymnasiums durch eine dynamische Expansion geprägt war, einer Zeit, in der erstmals die Bildungsbeschränkungen für Frauen im Kontext eines teilweise massiven Protestes gegen die sonstigen sozialökonomischen, kulturellen und politischen Benachteiligungen der Frau thematisiert wurden. Nicht zuletzt dadurch konnten die höheren Mädchenschulen die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert erfolgenden grundlegenden Reformen des höheren Schulwesens für die männliche Jugend um 100 Jahre zeitversetzt ,nachholen'. Aus sachlogischen Gründen kann demnach für die ersten 180 Jahre der Demoisellenschule in Münster ein gedrängter Überblick genügen[1].

Die von Demoiselle de la Branche gegründete Schule übernahm - wie gesagt - die Jungfer Maria Anna Willemin, nach der heute die Stiege benannt ist, die an der Westseite des heutigen Annette-Gymnasiums die Verbindung von der Schützenstraße zur Grünen Gasse bildet. Jungfer Willemin - der Status des Unverheiratet-Seins gehörte bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts quasi zur Qualifikation einer Lehrerin - vermachte ,ihrer' ,französischen' Schule in ihrem am 25.08.1777 eigenhändig verfassten Testament die Summe von 300 Reichsthalern, die der "löbliche Magistrat in Münster" zugunsten der Schule zu verwalten hatte. Die Zinsen dieses Legats verbuchte die Schule bzw. deren Nachfolgeinstitutionen bis zu den Inflationsjahren nach dem 1. Weltkrieg. Nach dem Tode der Jungfer Willemin (11.08.1787) führte deren Schwester die Schule weiter, unterstützt von ihrer Nichte, der Jungfer Anna Elisabeth Löper, die später das Haus an der Syndikatstiege im Lambertikirchspiel, in dem die Schule untergebracht war, käuflich erwarb. Ein Bericht vom November 1809 betont nicht zuletzt um dieser Initiative und Stiftung willen die Verdienste der jetzt 60jährigen Anna Elisabeth Löper, die für ihre Aufgabe über "hinlängliche Kenntnisse" verfüge und "musterhaft in ihrem Betragen" sei[2]; gleichzeitig gibt dieser Bericht einen Einblick in die Schule, die von "ungefähr 60" Schülerinnen besucht werde, die je 3 Reichsthaler im Jahre zu entrichten hätten. Ausdrücklich heißt es hier: "arme Kinder besuchen diese Schule nicht", eine Feststellung, die die einleitenden Hypothesen zur Schulgründung bestätigen, die die Schule als ,höhere Töchterschule' charakterisieren. Auch A.E. Löper sicherte mit ihrem Testament die weitere Existenz der Schule, indem sie hier am 09.10.1819 festhielt: "Mein Erbe ist also schuldig der Schuljungfer, die die von mir fortgesetzte französische Schule nach meinem Absterben fortsetzen wird...". Diese frühen Formen einer selbständigen beruflich-bürgerlichen Existenz als Frau wurden nicht nur durch den Verzicht auf eine eigene Familie erkauft; Schule und Beruf mussten vielmehr als Lebensaufgabe schlechthin angesehen werden, der man bis zum Tode verpflichtet war, die angesichts des auf Schulgeldzahlungen basierenden knapp kalkulierten Haushaltes nur enge materielle Spielräume beließ und gesellschaftlich nur mäßiges Prestige versprach, da höhere Mädchenschulen nach wie vor nicht im Rang eines damals ungleich höher als heute eingeschätzten Gymnasiums standen, das immer noch allein dem männlichen Geschlecht vorbehalten war.

Seit der Schulgründung im Jahre 1690 hatten sich Stadtbild, kulturelle Bedeutung Münsters und damit die Schulpolitik wie die allgemeine politische Situation Münsters grundlegend verändert. Aus der fürstbischöflichen Residenzstadt, die sich im ausgehenden 18. Jahrhundert durch zahlreiche bildungspolitische Reformen - nicht zuletzt die Universitätsgründung im Jahre 1780 - auszeichnete, war infolge der Politik Napoleons 1802 bzw. 1815/16 eine preußische Provinzialhauptstadt geworden. Der bis 1819 noch ungebrochene preußische Reformwillen im Bildungssektor führte zwangsläufig zu einem sich auch in der Stadtöffentlichkeit Münsters artikulierenden Bildungsinteresse, so dass es nicht verwundern kann, wenn jetzt auch die Stadt Münster nach dem Tode A.E Löpers am Fortbestand der ,französischen Schule' interessiert war, die den Zeitumständen entsprechend im Konzessionsantrag bei der KöniglichPreußischen-Schulkommission jetzt als ,Privatschule für Mädchen gebildeter Stände' bezeichnet wird. Seit dem 03. l 1.1819 konnte sie unter der Leitung der Coesfelder Medizinalratswitwe Antoinette Nicolay fortgeführt werden. Dank einer Beilage des 'Westfälischen Merkur' vom 04.09.1823 kann der Stunden- bzw. Lehrplan der ,Unterrichts

und Bildungsanstalt für Töchter in Münster' präzise rekonstruiert werden. Zu den allgemeinen Bildungszielen der Schule äußerte sich deren Leiterin wie folgt: "lch werde fortwährend dahin streben, meinen Zöglingen solche Kenntnisse in Kunst und Wissenschaft zu verschaffen, welche für das bürgerliche Leben die Zeit von unseren Töchtern fordert. Da aber alle äußere Bildung ohne Veredlung des Herzens und alles Wissen ohne christlichen Sinn nichts ist, so wird die Erweckung eines frommen christlichen Sinnes mein Hauptstreben sein. Dieser Sinn kann nur durch die Religion erzeugt und befestigt werden; die Religion muss ins Leben treten, denn durch sie allein werden häusliche und gesellige Tugenden möglich. Dann nur ist unser Lebensglück und unsere Zufriedenheit gesichert, dann ist die treue Erfüllung unserer Berufspflichten leicht und segensvoll. Glücklich wird die Zukunft unsere Töchter zeigen, wenn sie an der Hand der Religion früh und freudig sich der Tugend weihen. Sie werden mit stillem frommen Sinn wirken für das Wohl vieler [31.

Mit Religion ist hier selbstverständlich der kath. Religionsunterricht wie der katholisch geprägte Geist der Schule überhaupt gemeint. Neben 3 Stunden Religion standen Deutsch (5 Std.) und Geschichte (3 Std.) im Mittelpunkt des Unterrichts, ferner Französisch (4 Std.), Geographie (3 Std.) und 3 Stunden auf Haushaltsführung und alltägliche Geldgeschäfte abgestellter Unterricht im Rechnen, ferner je eine Stunde mathematische Geographie und Naturkunde. Hinzu traten 5 Stunden "Händearbeit", die "Stricken, Nähen, Stopfen, Zeichnen, Petit-Point-Sticken, überhaupt alle Arten von Stickereien, sowohl in Seide als in Wolle, Chenille und Crep, Häkeln und Klöppeln usw." umfassten. "Diejenigen, welche Unterricht in Musik, Gesang und Tanz wünschten, konnten ihn erhalten; er musste jedoch ebenso wie der Zeichenunterricht (3 Std.) besonders bezahlt werden." Der Deutschunterricht umfasste neben Grammatik, der gesonderten Übung des mündlichen Vortrages auch die Lektüre älterer und neuerer deutscher Literatur und Dichtung. Zum besseren Verständnis derselben wurde eigens eine Stunde "Götterlehre" gehalten, die wohl als Einführung in die Welt der Antike gesehen werden darf. "Die Betonung des Deutsch- und Geschichtsunterrichts macht deutlich, wie sehr sich das Bildungsideal gegenüber der früheren Zeit gewandelt hat, in der das Französische im Vordergrund stand. Es ist der Weg von der Aufklärung zur Romantik, vom Weltbürgertum zum vaterländischen Bewusstsein, der sich an der Bewertung der Unterrichtsfächer ablesen lässt. Dieser Wandel zeigt sich auch darin, dass der Name Demoisellenschule einer deutschen Bezeichnung gewichen ist." Immerhin sollte der Französischunterricht auch zu einer Konversation im Französischen befähigen; wer hier zusätzlich schriftliche Übungen absolvieren wollte, konnte weiteren Privatunterricht erhalten. Vormittags von 9-12 und nachmittags von 2-5 Uhr wurde Unterricht erteilt. Die Teilnahme an einem ganzen Lehrgang kostete 24 Reichsthaler Schulgeld; auch war bei entsprechender Schulgeldreduzierung eine auf den Vormittag bzw. Nachmittag reduzierte Teilnahme am Unterricht möglich. Die mit dem Schulgeld verbundene soziale Exklusivität der Schule wird erkennbar, wenn man bedenkt, dass 1833 ein städtischer Elementarschullehrer durchschnittlich 210, ein Landschullehrer jedoch nur 78 Taler im Jahr erhielt[4].

Das vorgestellte Curriculum der Schule entsprach in seiner Struktur vergleichbaren evangelischen höheren Mädchenschulen, wie sie etwa der Schwelmer Schulkommissar Ferdinand Hasenclever (1796-1831) oder der Detmolder Generalsuperintendent Ewald im Fürstentum Lippe begründet hatten. Mit der Konzentration auf ästhetisch-literarische Momente wie die Aufgaben der Gattin, Hausfrau und Mutter in der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht war das Curriculum der "Unterrichts- und Bildungsanstalt für Töchter in Münster" ganz auf die Rolle der höheren Töchter und künftigen bürgerlichen Frau hin orientiert. Anders als für Frauen in bäuerlichen Betrieben, kleinbürgerlichem Handel und Gewerbe oder gar für Fabrikarbeiterinnen, die es in Münster zu dieser Zeit eh noch nicht gab, bestand für Frauen der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht kein direkter wirtschaftlicher Zwang zur Berufsarbeit, die analog zur Muße des Adels für bürgerliche Frauen eh als unschicklich galt; bestenfalls wurde ihnen die Berufstätigkeit als Gouvernante, Gesellschafterin oder Lehrerin zugestanden, falls sich keine Heiratschancen geboten hatten[5].

Die von A. Nicolay angesprochene schulische Zielorientierung der "Erfüllung unserer Berufspflichten" muss demnach im Sinne der als selbstverständlich interpretierten ,Berufung der Frau' verstanden werden, die ihr in der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht zugeschriebene Sorge um die Zufriedenheit von Mann und Kindern durch intensives Bemühen um die Kinder wie durch wohlgeordnete Haushaltsführung, die sie in der Regel primär durch Auswahl und Beaufsichtigung des Dienstpersonals regelte, sicherzustellen. Den Kindern wurden hier im bürgerlichen Milieu erstmals in größerem Ausmaß Freiräume des Kind-Seins durch Spielzeug, Kinderbücher, -kleidung usw. ermöglicht, die eine i. S. höherer Töchterbildung sensibilisierte Mutter entsprechend zu fördern wusste. Insgesamt dürfte diese Schulbildung eine Voraussetzung gewesen sein für jene mit der durch den Wandel der Arbeitswelt zunächst nur der bürgerlichen

Familie ermöglichten Abgrenzung des Privatraumes Familie von der Öffentlichkeit und der mit diesem Prozess einhergehenden Veränderung der MutterKind- wie der Ehegattenbeziehung, "die am besten mit den Stichworten ,Emotionalisierung' und ,Intimisierung' etikettiert ist"[6]. Freilich war mit dieser Abgrenzung auch die Ausgrenzung der Frau aus der politischen Öffentlichkeit wie der politischen Beteiligung überhaupt verbunden. Wenn überhaupt erwartet - eine politische Streitkultur war ja unbekannt oder galt als radikal und demokratisch und damit in der Regel als verwerflich -, so reichte hier Zeitungslektüre völlig aus, um an den Konversationen der repräsentativen ,Gesellschaften' bzw. ,Empfangstage' im Salon teilnehmen zu können, die in ,gutbürgerlichen Kreisen' den gehobenen und höheren Beamten-, Akademiker-, Offiziers- und Kaufmannsfamilien Münsters - selbstverständlich waren. Plaudereien über Kunst und Literatur galten bei diesen Gelegenheiten als überaus standesgemäß; für die beteiligten Damen der Ort, um ihre höhere Töchterbildung zu beweisen.

Mittlerweile hatten die Gymnasien in Preußen ihr spezifisches Profil gewonnen; mit dem erfolgreich bestandenen Abitur wurden fortan berufliche Karrieren möglich, die bislang nur Angehörigen privilegierter Schichten offengestanden hatten. Doch nach wie vor waren die Gymnasien männlichen Schülern vorbehalten. In Münster war mit der seit 1851 aufgebauten städtischen Anstalt - dem späteren Ratsgymnasium - seit 1859/60 eine neunklassige Realschule 1. Ordnung und damit neben dem traditionsreichen Gymnasium Paulinum eine zweite höhere Schule für Jungen entstanden. Höhere Mädchenschulen blieben demgegenüber wie die ,Unterrichts- und Bildungsanstalt für Töchter in Münster' sog. "nicht berechtigte" Schulen, da ihre Abschlüsse weder ein Studium noch sonstige berufliche Karrieren ermöglichten. Zwar bedurften sie einer staatlichen Konzession, doch waren weder der Lehrplan noch die Qualifikation der Lehrerinnen streng festgelegt, auch unterstanden sie nicht der Aufsicht des Provinzialschulkollegiums in Münster. Dies gilt auch für die ersten öffentlichen höheren Mädchenschulen Westfalens (etwa in Minden 1817)[7]; gerade indem hier Ausbildung und Prüfung der Lehrer und Lehrerinnen an Lehrer-Seminaren zu erfolgen hatte, die ja sonst der Ausbildung der Lehrer/-innen der Volksschulen dienten, wurde vor der Öffentlichkeit der Status der ,höheren Mädchenschule' in eindeutiger Weise verdeutlicht. In Konsequenz der fehlenden Berechtigungen war anders als im grundständigen neunjährigen Gymnasium auch die Jahrgangsklassenfolge nicht eindeutig festgelegt. Vergleicht man die Unterrichtsfächer der Töchterschule in Münster mit denen des Gymnasiums, werden weitere Unterschiede erkennbar: lernte man hier eine Fremdsprache (Französisch), waren es dort zusätzlich schwergewichtig Latein und Griechisch (oder Englisch an Realgymnasien), ferner wurde dem Deutschunterricht, der Geschichte, Geographie und insbesondere der Mathematik ein ungleich größeres Gewicht eingeräumt, ganz zu schweigen von den Fächern Physik und Naturbeschreibung, die in der Töchterschule gänzlich fehlten, während das Gymnasium die Handarbeit (Stricken usw.) nicht kannte[8]

Ausbau und weiterer Entwicklung der von Frau A. Nicolay geleiteten "Unterrichts- und Bildungsanstalt für Töchter in Münster" förderlich war sicher das mit der Schule verbundene kleine Internat, dessen Pensionspreis in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts jährlich etwa 140 Thaler betrug, wofür den ,Zöglingen' Unterricht, "anständige Wohnung und gesunde Kost" angeboten wurden[9]. Immerhin, der Ruf der Schule muss weit über Münster hinaus gut gewesen sein, da 1827 die nunmehr acht Jahre als Schulleiterin tätige Frau Nicolay als Leiterin der höheren Mädchenschule St. Leonhard in Aachen berufen wurde, verbunden mit einer gegenüber ihrer bisherigen Stellung besseren Dotierung durch die Stadt Aachen. Da die Existenz von Privatschulen mit der Person der jeweiligen Leiterin engstens verknüpft war, folgte der Annahme dieses Angebots durch Frau Nicolay eine vierjährige Existenzkrise der Schule, die erst auf Forderungen der Elternschaft nach Fortführung der Schule und entsprechenden Bemühungen der Stadt mit der 1831 erfolgenden Übernahme der Schule durch Fräulein Catharina Költgen beendet wurde. Die aus Bonn stammende C. Költgen hatte eine entsprechende Qualifikation durch ihre siebenjährige Arbeit am "Institute Schön in Düsseldorf" erworben; unter ihrer bis 1865 andauernden Leitung der jetzt ,Höhere kath. Töchterschule' benannten Schule, deren Räume im Hause Ludgeristraße 171 untergebracht waren, gewann diese weiter an innerem und äußerem Profil. Das Curriculum der Schule knüpfte an den oben vorgestellten Lehrplan der Frau Nicolay an, wurde jedoch im Interesse des Anspruchs einer höheren Mädchenschule systematisch um Englisch als zweiter Fremdsprache für die "befähigten Schülerinnen" erweitert. Der fremdsprachliche Unterricht schloss jetzt schriftliche Übungen und das selbständige Verfassen kleinerer Aufsätze ein. Dank der Bemühungen von Frau Költgen, die selbst "geläufig Französisch und Englisch" sprach wurden fortan zumindest im Ansatz auch Kirchengeschichte, Religion und Naturkunde auf einem dem Gymnasium vergleichbaren Niveau unterrichtet, da "zwei qualifizierte Geistliche" - wie es in einem Bericht vom 13.08.1859 heißt - und Professor Dr. Karsch für die Naturkunde gewonnen werden konnten.

Diese Profilierung der Schule, die in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts von durchschnittlich 30, in den fünfziger Jahren von etwa 44, 1856/57 immerhin von 55 Schülerinnen besucht wurde und jetzt zwei Klassen umfasste, die von vier Lehrerinnen - darunter einer Französin und einer Engländerin - und vier Lehrern unterrichtet wurden[10], entsprach nicht nur dem anwachsenden Bedürfnis einer gehobenen Frauenbildung, sondern auch der veränderten Schulsituation in Münster selbst. Mit dem am 01.05.1832 gegründeten kath. Lehrerinnenseminar, das unter Aufsicht des Provinzialschulkollegiums der Ausbildung kath. Volksschullehrerinnen diente und bis 1926 Bestand haben sollte, war nämlich als Übungsschule eine dreiklassige Seminartöchterschule verbunden, an der u.a. auch Französischunterricht erteilt wurde. Von hier galt diese am Domplatz gelegene Seminarschule, die nach dem Willen der Stadt nicht als höhere Töchterschule geführt werden sollte, den Münsteranern doch als eine höhere Schule, was sich in der umgangssprachlichen Bezeichnung ,Töchterschule' spiegelt. Für evangelische Schülerinnen Münsters stand mit der am 04.10.1852 unter Leitung von Frau Emilie Koch gegründeten Privatschule ebenfalls eine höhere Mädchenschule zur Verfügung, aus der das heutige Freiherr-vom-SteinGymnasium hervorgehen sollte.

In diesem Spektrum Münsteraner höherer Mädchenschulen konnte sich die private kath. Höhere Töchterschule Fräulein Költgens zunächst gut halten. Stieg die Einwohnerschaft der Stadt Münster von 1800 (ca. 14.000 Einwohner) bis 1870 (ca. 24.500 Einwohner) um etwa 75%[11], so wuchs die Schülerinnenzahl der Schule von 1840 (20) bis 1856 (55) immerhin um 175%; bis 1870 konnte diese Zahl von 55 Schülerinnen in etwa gehalten werden, in Verbindung mit den neu entstandenen Schulen Indiz für eine allmählich wachsende Bildungsbeteiligung von Mädchen. Das Ansehen der Költgen'schen Schule spiegelte sich nicht nur in Berichten der die Privatschulen seit 1841 regelmäßig überprüfenden Schulkommission in Münster, die diese "als nützlich und wünschenswert" einschätzte, sondern auch in den hier vermittelten Qualifikationen der Schülerinnen, die über externe Prüfungen auch Lehrerinnen werden konnten. Dennoch blieben die städtischen Zuschüsse geringfügig; im wesentlichen musste sich die Schule durch Schulgeld selbst finanzieren. Faktisch bedeutete dies - wie oben schon erläutert - für die Schulleiterin und sonstigen Lehrkräfte größte persönliche Opfer, da der Spielraum der Schulgeldforderungen begrenzt war. Durch das seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts stark ausgebaute Volksschulwesen, das nahezu schulgeldfrei war, erwuchs den privaten "nicht berechtigten" höheren Mädchenschulen in Verbindung mit damals in der Nähe Münsters entstehenden klösterlichen Erziehungsanstalten - etwa der von "zahlreichen Mädchen höherer Stände" besuchten Bildungsanstalt der ,Genossenschaft vom hl. Herzen Jesu' in Marienthal (1864-1873)[121 - eine derartige Konkurrenz, dass es nicht verwundern kann, wenn die neue Leiterin der Schule, Hedwig Biermann, die diese nach dem Tode Fräulein Költgens (1865) übernommen hatte, um finanzieller Schwierigkeiten willen am 14. Mai 1871 auf die Leitung der Schule verzichtete, da ihr eine Weiterführung nicht mehr möglich erschien.

3. Von der Katholischen Höheren Töchterschule zur realgymnasialen Studienanstalt (1872-1909)

Auch in der Öffentlichkeit Münsters sollte spätestens mit der 1865 erfolgten Gründung des ,Allgemeinen Deutschen Frauenvereins' (ADF) die Frage der Frauenbildung nicht mehr verstummen, ungeachtet der weiterhin noch lange Zeit vorherrschenden Auffassung, dass höhere Bildung - und gleichberechtigte zumal - eine "Versündigung am ureigensten Wesen der Frau" darstelle, wie Hedwig Güldenpfennig als Leiterin des Annette-Gymnasiums Münster anlässlich der Abiturientia 1927 erinnerte[l]. Ungeachtet aller Differenzierungen und Spaltungen innerhalb der Frauenbewegung - erinnert sei nur an die proletarische und konfessionelle Frauenbewegung und hier an die für das überwiegend katholische Münster bedeutsame Gründung des ,Katholischen Deutschen Frauenbundes' (KDF, Köln 1903) zur "Förderung der Frauenbewegung nach den Grundsätzen der katholischen Kirche" - bestand ein prinzipieller Konsens in dem Erfordernis einer verbesserten Mädchen- und Frauenbildung. Wenn gerade auf diesem Sektor in der Epoche des Deutschen Kaiserreiches (1871-1918) die vergleichsweise größten Erfolge der Frauenbewegung erreicht wurden, so spielten hier globale ökonomische, soziale und politische Faktoren, die einen beschleunigten gesamtgesellschaftlichen Wandel vom agrarischen zum modernen Industriestaat einleiteten, eine nicht minder große Rolle. War Deutschland zu Beginn des Kaiserreichs noch primär agrarisch-ländlich geprägt, so war es am Vorabend des ersten Weltkrieges im Unterschied zu seiner politischen Verfassung zu einem ökonomisch hochmodernen Industriestaat geworden, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung in Industrie, Verkehr, Handel, Banken und Versicherungen beschäftigt war und in Städten lebte. Dieser Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung führte auch in bürgerlichen Familien zu einer Enttabuisierung der Frauenerwerbsarbeit, was im Bereich der Arbeiterklasse schon aus Gründen des Schritthaltens mit den steigenden Lebenshaltungskosten nach wie vor schiere Notwendigkeit war[2]. Dieser globale gesellschaftliche Wandel im Deutschen Kaiserreich, der - wie im einzelnen noch zu zeigen sein wird - die Bildungschancen von Frauen und entsprechende Initiativen in hohem Maße begünstigte, lässt sich im gleichen Zeitraum auch an der Entwicklung der Stadt Münster aufzeigen, einer Entwicklung, ohne die auch der rasante, im Vergleich zu ihrer bald zweihundertjährigen Vorgeschichte geradezu explosionsartig erfolgende Aufstieg der katholischen Höheren Töchterschule nicht möglich gewesen wäre[3].

Münster wuchs im Zeitraum von 1870 bis 1914 von einer Mittelstadt zur Großstadt mit über 100.000 Einwohnern heran, ohne seine Signatur als Verwaltungsstadt zu verlieren. Gerade der Ausbau der Verwaltungsapparate und Dienstleistungen, der Eisenbahnen und des Kanals (1899), mit dem erste größere Industrieansiedlungen in Münster verbunden waren, ferner die für die Garnisonsstadt Münster folgenreichen Heeresvergrößerungen bedingten diese Expansion Münsters, die 1875 und 1903 mit ersten Eingemeindungen verbunden war.

Bei aller Kontinuität eines dominant katholisch-konservativ geprägten bürgerlichen Milieus der Stadt bedeuteten diese Prozesse der Modernisierung Münsters in der Zeit des Kaiserreiches auch einen grundlegenden Wandel. Allein mit dem allgemeinen und gleichen Männerwahlrecht zum Reichstag wurden politische Konflikte virulent. Von der Struktur der Stadt her waren dies weniger soziale Fragen im Kontext der Arbeiterbewegung, aber die Fragen nach einer freiheitlichen Verfassung wie die nationale Frage - bei aller katholisch geprägten, freilich allmählich schwindenden Distanz zu Preußen und zum protestantischen Herrscherhaus der Hohenzollern - bewegen jetzt auch die Münsteraner, und selbst der Katholizismus verliert etwas von seiner monolithischen Struktur. Mit der Herausbildung einer modernen Öffentlichkeit ändern sich die Kommunikationsstrukturen wie die Qualifikationserfordernisse insgesamt. Fortan bildet auch das Mädchenschulwesen einen Gegenstand öffentlichen Interesses, von dem die Stadt, Kommunalpolitik und gesellschaftliche Gruppen, politische Parteien und nicht zuletzt die Kirchen nicht mehr absehen können. Untrüglicher Indikator sind - wie im einzelnen noch zu zeigen sein wird - ein Kuratorium (Schulkomitee) und das bischöfliche Protektorat als neues Fundament der Katholischen Höheren Töchterschule, das deren rapiden Aufstieg und Ausbau ermöglichen und sichern sollte.

Diese Skizze der Voraussetzungen von Aufstieg und Ausbau der Katholischen Höheren Töchterschule bliebe unvollständig, ja unverständlich, wenn nicht auch der Katholizismus, die katholische Kirche Münsters im Kontext des Kulturkampfes wenigstens kurz näher in den Blick treten würde. Immerhin erwarb Münster als "Brennpunkt des ,Kulturkampfes"' (1871- 1878/1887) "den Beinamen eines ,Nordischen Rom"'[4]. Nicht die Ereignisgeschichte, erst die sozialkulturellen und politischen Dimensionen dieses Konfliktes erschließen jene Form des Katholizismus, die sich von der konfessionellen Struktur Münsters zumal als eine weithin homogene, deutlich abgegrenzte katholische (Teil-)Kultur etabliert hatte, die sich zwangsläufig durch die beschriebenen Modernisierungsprozesse herausgefordert sah, insbesondere durch den seit der Französischen Revolution ins Bewusstsein getretenen, mit Gewissens- und Religionsfreiheit unlösbar verbundenen weltanschaulichen Pluralismus. Vorgeschichte wie I. Vaticanisches Konzil (1869/70) selbst können in diesem Zusammenhang als Versuch der katholischen Kirche gesehen werden, sich entschieden von aller Moderne und damit selbstverständlich auch von Liberalismus und Demokratie abzugrenzen.

Auf der anderen Seite bleibt festzuhalten, dass von den liberalen Gegnern der Kirche, die den jetzt aufbrechenden Konflikt zwischen Staat und Kirche als ,Kulturkampf', als Kampf zwischen modern-liberaler und vormodern-konservativer Kultur, interpretierten, selbst liberale Prinzipien verletzt worden sind, von der Meinungsfreiheit bis hin zur Gewissensfreiheit. Was die liberalen Kräfte und Parteien als Kulturkampf deuteten, war für Reichskanzler Bismarck eine Frage der Staatsräson, denn die Gründung der katholischen Zentrumspartei (1870) schien ihm von ihrer die Interessen der katholischen Kirche vertretenden, ihrer föderalistischen und antipreußischen Zielrichtung her mit den Interessen des preußisch-deutschen Kaiserreichs unvereinbar zu sein. Zum Handeln gezwungen durch kirchlichen Lehrerlaubnisentzug und Exkommunikation jener Theologen und Lehrer, die als Beamte aus der Sicht des Staats "nach dem Konzil nichts anders als seit ihrer Anstellung vorher lehrten"[6], war Bismarck zu einem offensiven Vorgehen gegen Zentrum und katholische Kirche entschlossen, um jenes als politische Kraft zu vernichten und diese zu schwächen. Im vorliegenden Kontext können die Einzelmaßnahmen des Staates gegen kirchliche Rechte, Institutionen und Amtsträger nicht näher entfaltet werden. Wichtig bleibt, dass eine Schwächung der katholischen Kirche insgesamt nicht erreicht werden konnte, da Kirchen- und Papstbindung in den Jahren des Kulturkampfes noch gesteigert wurden und die überwiegende Mehrheit der Katholiken in Münster wie im Kaiserreich überhaupt sich politisch am Zentrum orientierten. Im Blick auf die Kath. Höhere Töchterschule Münsters jedenfalls dürfte offenkundig sein, dass die katholische Kirche in dieser massiven Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat von ihrem Selbstverständnis und universalem Erziehungsanspruch her nicht zuletzt an Schulfragen besonders interessiert sein musste. Für die Kirche in Münster bedeutete dies, dass die am 14. Mai 1871 aus finanziellen Gründen geschlossene Kath. Höhere Töchterschule weitergeführt werden musste, da ja sonst neben der zur Domschule gehörenden ,Seminartöchterschule' nur die ,Evangelische Töchterschule' (heute: Freiherr-vom-Stein-Gymnasium) als Alternative geblieben wäre, was in der Kulturkampfatmosphäre untragbar erscheinen musste.

In dieser Situation schwerwiegender Konflikte zwischen Staat und Kirche und völliger Ungewissheit über die Zukunft der konfessionell geprägten Schulen war es nur konsequent, wenn 1872 sechs angesehene Bürger der Stadt, drei Kleriker und drei Laien, ein Schulkomitee (Kuratorium) gründeten, das als Fundament der neuen Kath. Höheren Töchterschule fungieren sollte. Wenn man Stellung und Namen dieser Herren kennt, wird die bisherige Hypothese zur Gewissheit, dass die katholische Kirche Münsters jetzt ein existentielles Interesse am Fortbestand der Schule hatte. Geistliche wie Laien des Kuratoriums waren nämlich Exponenten katholischkirchlicher Interessen während der ,Kulturkampf'-Konflikte in Stadt und Bistum Münster: Generalvikar Dr. Giese, staatlicherseits als "einflussreicher Vertreter der kompromisslosen katholischen Haltung" eingeschätzt[7], der Pfarrer von St. Lamberti und Stadtdechant Hermann Kappen, als solcher Wortführer des Stadtklerus, ferner Präses Heinrich Kömstedt, seit 1866 Präses im bischöflichen Collegium Ludgerianum (Knabenseminar, das im ,Kulturkampf' geschlossen werden musste) und bis zur Amtsenthebung (1873) geistlicher Schulinspektor (!) der katholischen Elementarschulen der Stadt Münster. Als Laienvertreter des Kuratoriums ist als erster Franz von Hatzfeld zu nennen, der seit 1863 Kreisgerichtsrat in Münster und 1870-1883 Zentrums-Abgeordneter im preußischen Abgeordnetenhaus war, ferner der Zentrums-Stadtverordnete in Münster, Kaufmann Havixbeck-Hartmann, der während der Stadtverordnetenwahlen von 1872 die höchste Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte, sodann der Weinhändler Kayser. Dieses Kuratorium begründete nun die ,Kath. Höhere Töchterschule zu Münster' neu, "um den katholischen Schülerinnen der Stadt eine höhere Ausbildung durch Unterricht (...) sowie durch Erziehung nach katholischen Grundsätzen angedeihen zu lassen"[8]. Zu diesem Zweck verpflichtete sich das Kuratorium zur Beschaffung, Einrichtung und Instandhaltung der Schullokale sowie "... einer Anzahl von Dienstwohnungen für die Vorsteherin und Lehrerinnen der Anstalt", ferner zur "Gewinnung und Besoldung einer den gesetzlichen Vorschriften entsprechenden Vorsteherin". Auch die Anstellung und Besoldung der Lehrkräfte, "von welchen die Lehrerinnen seitens der Vorsteherin vorgeschlagen werden", war ebenso Aufgabe des Kuratoriums wie die "Festsetzung des Schulgeldes für die einzelnen Klassen und Hebung desselben seitens eines hierfür bestellten Beamten...". Mit dieser Verpflichtung war erstmals die materielle Existenzgrundlage der Schulleiterin wie die des Kollegiums relativ unabhängig von dem faktischen Besuch der Schule und dem daran gekoppelten Schulgeldaufkommen, was ja in der Geschichte der Schule bislang stets der Fall war und die Lehrerinnenexistenz permanent belastete. Das mit diesen Garantien übernommene Risiko war gewiss nicht gering, jedoch angesichts der oben dargestellten tiefen Verbundenheit der katholischen Bevölkerung Münsters mit der Kirche durchaus kalkulierbar.

Von diesem geistesgeschichtlich-politischen Interessenzusammenhang kongenialer Motive bewegt war die erste ,Vorsteherin' der neu fundierten Schule, die damalige Erzieherin in der Familie des Herzogs von Croy zu Dülmen, Frau Maria Elmering, die ihre besser dotierte und gesicherte Stellung aufgab, um als Schulleiterin ihr Engagement und ihre Person einzubringen, damit "...nur die Erziehung der weiblichen Jugend in religiös-christlichem Geiste gewährleistet würde"[9]. Motiv und Selbstverpflichtung müssen zudem unter dem Aspekt gewürdigt werden, dass ja nach wie vor nicht nur für Schulleiterinnen, sondern Lehrerinnen überhaupt der Status des Unverheiratetseins quasi Berufspflicht waren. Im Stapelschen Hof, einem ehemaligen Adelssitz an der Jüdefelderstraße/Ecke Kuhstraße, nahm die Schule den Unterricht am 15.10.1872 in zwei Klassen mit insgesamt 49 Schülerinnen auf; schon nach einem Jahr kam eine dritte Klasse hinzu. Mit der Schule verbunden war ein von Therese Elmering geleitetes kleines Pensionat, in dem durchschnittlich 10 Schülerinnen wohnten. Da die Schule wie höhere Mädchenschulen dieser Zeit überhaupt nach wie vor keinerlei Berechtigungen und entsprechende berufliche Karrieren eröffnen konnte, war eine strenge Normierung der Lernziele und Lehrpläne nicht erforderlich. Die Schülerinnen im Alter von etwa 10-12 Jahren hatten in der Regel vor Eintritt in die I. Klasse eine nach drei Stufen differenzierte dreiklassige Pfarr- bzw. Elementarschule besucht; die Höhere Töchterschule sollte eine über diese allgemeine Volksschulbildung hinausreichende ästhetisch-literarische und fremdsprachliche Bildung vermitteln, die noch ganz von patriarchalisch-traditionalistischen Frauenbildern bestimmt war, denen damals eine katholisch geprägte Konzeption durchaus entsprach, wenn noch das katholische Herders Konversationlexikon von 1904 in dem Sonderbeitrag ,Frauenbewegung und Frauenvereine' schreibt: "Eine der Hauptaufgaben des 20. Jahrhunderts wird sein, die Frau ihrem eigentlichen Wirkungskreis: dem Haus, der Familie, immer mehr zurückzugeben"[10]. So auch das Bild in Tagungen zur höheren Mädchenbildung in Weimar und Berlin von 1872 und 1873: die bürgerliche und gebildete Frau als Gesprächspartnerin und geistig wache Lebensgefährtin des Mannes, die ferner etwa die Hausaufgaben ihrer Kinder zu kontrollieren und Lernhilfen zu geben vermag und etwa im kaufmännischen Bereich mit nützlichen Fremdsprachenkenntnissen aushelfen kann. Dass an der katholischen Schule ferner selbstverständlich eine Festigung in Glauben und Kirchenbindung angestrebt wurde, bedarf kaum der Erwähnung.

Neben Deutsch, Geschichte, Länderund Völkerkunde und natürlich Religion legte die Katholische Höhere Töchterschule von Anfang an Wert auf Fremdsprachen, nämlich Französisch und Englisch. Neben Maria Elmering unterrichteten anfangs eine, später zwei Lehrerinnen. Zusätzlich konnte ab 1876/77 der Geistliche und Privatdozent Dr. theol. Bautz für den Religionsunterricht gewonnen werden, eine Tatsache, die die Bedeutung dieses Unterrichtsfaches für das Erziehungs- und Bildungskonzept der Schule nochmals unterstreicht.

Die Kath. Höhere Töchterschule finanzierte sich - von einem einmaligen städtischen Zuschuss über 500 Reichsthaler im Jahre 1873 abgesehen - bis zum Jahre 1904 ausschließlich aus Schulgeldern sowie Mitteln, die von Seiten des Kuratoriums aufgebracht wurden. Von daher kann es nicht verwundern, wenn sich die Schülerinnen vor allem aus der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht Münsters rekrutierten; Töchter alteingesessener Kaufmannsfamilien, aus bildungsbürgerlichen Kreisen wie Professoren, Juristen, Ärzten, Apothekern, Gymnasiallehrern, besuchten die Schule, ferner auch aus selbständigen Handwerkerfamilien. Mit der Expansion der Schule zur Jahrhundertwende hin öffnete sich die soziale Zusammensetzung der Schülerinnenschaft bis hin zur unteren Mittelschicht aufstiegsorientierter mittlerer Beamten- und Angestelltenfamilien. Die bedingt durch die Folgen des Il. Weltkrieges relativ junge, gleichwohl älteste im Schularchiv des Annette-Gymnasiums erhaltene Urkunde, das von Maria Elmering in einer schlichten Wachstuchkladde handschriftlich erstellte Schülerinnenverzeichnis der Jahre 1872-1878, belegt ferner den relativ hohen Anteil von Adeligen unter den Schülerinnen der Kath. Höheren Töchterschule. Den Zuspruch, den die Schule erfuhr, bestätigt das Urteil des damaligen Vorsitzenden des evangel. Schulvorstandes in Münster, des Konsistorialrates Niemann, der ausdrücklich die Kath. Höhere Töchterschule als für Töchter gebildeter (kath. ) Familien "angemessen" bezeichnete.

Ungeachtet des in der Bezeichnung ,Höhere Mädchenschule' zum Ausdruck kommenden Anspruchs zählten die Münsterschen wie vergleichbare Schulen in der Sicht des preußischen Unterrichtsministeriums nach wie vor zum ,niederen Schulwesen' und unterstanden demnach auch jetzt noch nicht der Aufsicht der Königl. Provinzialschulkollegien. Die staatliche Aufsicht über die Kath. Höhere Töchterschule Münsters nahm der dort hauptamtlich tätige Kreisschulinspektor Feldhaar wahr und nicht einer der acht lokalen städtischen Schulvorstände[11], Beleg für die Tatsache, dass die Schule von Schülerinnen aus dem ganzen Stadtgebiet besucht wurde, ferner von etlichen Schülerinnen aus dem näheren und weiteren Umland, die im Pensionat oder privat in der Stadt untergebracht waren. Der unter der Leitung von Maria Elmering eingeleitete Aufstieg und Ausbau der Schule setzte sich ungeachtet des allzu frühen Todes Maria Elmerings sie starb infolge eines schweren Herzleidens 38jährig am 18.03.1878 - unter ihrer Nachfolgerin Elisabeth Schöningh (Schulleiterin von 1878-1908) kontinuierlich fort, eine, begünstigt durch die oben dargestellten sozioökonomischen Veränderungen, nahezu unaufhaltsame Entwicklung, ohne Einsatz und Bedeutung der Vorsteherinnen wie des Kollegiums gering zu achten. Noch unter der Schulleitung Maria Elmerings musste die Schule infolge ihrer Expansion 1875/ 76 aus dem Stapelschen Hof in das aufgrund der kulturkampfbedingten Ausweisung des Jesuitenordens freigewordene Jesuitenkloster an der Schützenstraße 55 übersiedeln, das wesentlich günstigere räumliche Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der Schule wie des Pensionats bot und gleichzeitig auf diese Weise weiterhin einem kirchlich geförderten Zweck zugeführt werden konnte.

Trotz der unbestritten doktrinären und konservativ-antimodernen Haltungen des Katholizismus insgesamt, die weiter oben beschrieben worden sind, geht die Wirklichkeit der kath. Kirche im Deutschen Kaiserreich insgesamt wie in Stadt und Bistum Münster keineswegs darin auf. Gerade in der uneingeschränkten Förderung der Kath. Höheren Töchterschule durch das Bistum und die Bischöfe Münsters, die auch in den auf den ,Kulturkampf' folgenden Jahrzehnten das Protektorat über die Schule innehatten und im Kuratorium der Schule durch Vertreter der höheren Geistlichkeit vertreten waren, kann man zumindest hier, in der konsequenten Förderung höherer Mädchenbildung, Impulse des damaligen Reformkatholizismus erkennen, der - getragen von katholischen Intellektuellen - den Versuch unternahm, "Katholizismus und moderne Kultur, moderne Bildung, moderne Wissenschaft zu versöhnen"[12]. Dieser Weg wurde zweifellos beim weiteren Ausbau der Kath. Höheren Töchterschule Münsters beschritten. Zunächst berief das Kuratorium der Schule mit Elisabeth Schöningh eine außerordentlich erfahrene Pädagogin als Schulleiterin (18781908), die bislang am Haas'schen Institut in Köln, dann an dem Königlichen Institut in Dresden und zuletzt an der Kath. Höheren Töchterschule in Berlin tätig war. Unter ihrer tatkräftigen Leitung wurde in den Folgejahren eine damals an Gymnasien wie selbst mittleren (Jungen-)Schulen übliche dreiklassige Vorschule aufgebaut und in die Töchterschule integriert, so dass deren Schülerinnen diese vom ersten Schuljahr an besuchen konnten, ohne zuvor auf eine allgemeine Volksschule gehen zu müssen. Mit diesen Vorschulklassen meldete die Höhere Töchterschule nicht nur ihren Anspruch auf Gleichberechtigung mit den berechtigungsfähigen Höheren (Jungen-)Schulen an; zugleich steigerte sie damit ihre soziale Exklusivität, denn die Töchter der Ober- und Mittelschicht waren somit von Anbeginn ihrer Schulzeit unter sich. Kein Wunder, dass vom Dt. Lehrerverein, dem Interessenverband der Volksschullehrer in der Zeit des Kaiserreiches, stets aufs neue - wenn auch vergeblich - die Aufhebung dieser Vorschulklassen zugunsten einer allgemeinen Elementarschule für das gesamte Schulwesen gefordert wurde[13].

Im Jahre 1886 wurde die offiziell ,Kath. Höhere Töchterschule und Pensionat der Geschwister Schöningh' benannte Schule von 212 Schülerinnen (200 kath., 8 evang., 4 jüdisch) besucht, differenziert in fünf aufsteigenden Klassen, die von Elisabeth und Caroline Schöningh sowie weiteren sieben fest angestellten Lehrerinnen und acht für einige Stunden verpflichteten Lehrern unterrichtet wurden. Die fest angestellten unverheirateten Lehrerinnen wohnten zunächst alle im Pensionat der Schule, wo sie gegen entsprechenden Gehaltsabzug auch beköstigt wurden und mit je vier Pensionatsschülerinnen den Schlafraum teilten sowie bestimmte Aufsichtszeiten einzuhalten hatten[14]. Mit der zunehmenden Expansion der Schule - 1894 unterrichteten 12 festangestellte und 6 weitere, 1899 15 bzw. 4 und 1904 18 bzw. 2 Lehrkräfte - konnte das kleine Pensionat für die wachsende Zahl der Lehrerinnen keine Unterkunft mehr bieten, die jetzt mehrheitlich in eigenen Wohnungen in der Stadt lebten. Das Jahr 1905 markiert eine neue Ausbaustufe der Schule, was nicht nur die sprunghaft steigende Anzahl der Lehrkräfte auf 26 Lehrer/-innen belegt, sondern auch der jetzt erstmals im Adressbuch der Stadt Münster verzeichnete Name: ,Kath. Höhere Töchterschule und Lehrerinnenbildungsanstalt'. Allerdings war dieses Lehrerinnenseminar schon in den Jahren zuvor der Schule angeschlossen worden, wie aus der Satzung des ,Vereins für das kath. höhere Mädchenschulwesen in Münster' aus dem Jahre 1901 hervorgeht, in der ausdrücklich das mit der Schule verbundene, im Unterricht von ihr getrennte "3klassige Lehrerinnen-Seminar, namentlich für mittlere und höhere Mädchenschulen" aufgeführt wird[15].

Bevor die mit diesem Ausbauzustand verbundene innere Differenzierung der Schule näher erläutert wird, muss ein Blick auf die allgemeine Entwicklung der Höheren Mädchenschulen wie die Lehrer/-innenbildung gerichtet werden. Während im Zuge der geschilderten Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesse eine stärkere Berücksichtigung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächerkanons sowie der modernen Fremdsprachen im Curriculum der Gymnasialbildung unausweichlich war, so dass nach erbittertem Widerstand der altsprachlich-humanistischen Gymnasien im Juni 1900 die Gleichberechtigung (Zugang zu den universitären Studieneinrichtungen und zu den Berufslaufbahnen im öffentlichen Dienst) von drei Gymnasialtypen - Humanistisches Gymnasium, Realgymnasium und lateinlose Oberrealschule mit mathemat.-naturwiss. Schwerpunkt - beschlossen wurde[16], waren zu diesem Zeitpunkt die Höheren Mädchenschulen nach wie vor keine ,berechtigten' Schulen, die Frauen den Zugang zur Universität oder zu höheren Berufslaufbahnen hätten eröffnen können. Obwohl die Bildungsangebote etwa in Französisch oder Englisch dem der (Jungen-)Gymnasien durchaus entsprachen, konnte der spätere Status der Schülerinnen nach wie vor im wesentlichen nur über die Heirat erworben werden: Doch waren, wie weiter oben schon angesprochen, seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die Forderungen nach dem Abitur für Schülerinnen und einem akademischen Frauenstudium in der Öffentlichkeit des Kaiserreichs nicht mehr verstummt. Die konservative Wende in der allgemeinen Politik seit 1878 - erwähnt seien nur die Stichworte ,Antisemitismusstreit' in Deutschland 1878 ff., Sozialistengesetz (1878-90) und Verlagerung der parlamentarischen Basis der Politik Bismarcks von den Liberalen zu den Konservativen - wie die staatlicherseits betriebene Begrenzung der Bildungsansprüche und Kontrolle der Bildungsbeteiligung durch eine systematische Verteuerung der berechtigten Bildung - u.a. durch Erhöhung der Schul- und Studiengelder wie eine Erschwerung der Neugründung vollberechtigter Schulen "... ließen die Auseinandersetzungen jedoch bis ins 20. Jahrhundert dauern, ehe Mädchenabitur und Frauenstudium durchgesetzt wurden"[17]. Die vorgebliche Angst vor der Entwicklung eines ,akademischen Proletariats', der "Überfüllung der akademischen Karrieren", war in Wirklichkeit "Sorge vor gesellschaftsverändernden Konsequenzen einer allzu großen Bildungsbeteiligung". Diese restriktive Politik fand nochmals Ausdruck in den ministeriellen Bestimmungen für das höhere Mädchenschulwesen aus dem Jahre 1894, die eine Kursdauer von nur neun Jahren verbindlich machten, Frauen aber wenigstens an diesen Schulen "Leitungspositionen" einräumten. Immerhin gelang einer Wortführerin der bürgerlichen Frauenbewegung und Gründerin des ,Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen-Vereins', Helene Lange, die Einrichtung von Gymnasialkursen für Mädchen. 1896 bestanden die ersten so vorbereiteten Schülerinnen als Externe an einem Berliner (Jungen-)Gymnasium die Reifeprüfung; ein Universitätsstudium war jedoch zunächst nur im Ausland möglich. Erst im Jahre 1900 erhalten Frauen endlich zunächst in Baden, schließlich 1908 auch in Preußen das lang erkämpfte Immatrikulationsrecht an Universitäten. Bevor dieser Weg an der Kath. Höheren Töchterschule in Münster im einzelnen nachgezeichnet wird, noch ein Wort zur Lehrerinnenbildung, da diese - wie erwähnt - auch an der Münsterschen Schule institutionalisiert wurde.

Im Unterschied zur universitären Gymnasialbildung erfolgte die Volksschullehrer- wie Lehrerinnenbildung im 19. Jahrhundert und darüber hinaus an Lehrerseminaren, die den erfolgreichen Abschluss einer Volksschule mit anschließendem 3jährigen Besuch einer so genannten ,Präparandenanstalt' bzw. einen diesem Zeitraum entsprechenden Besuch der unteren und mittleren Klassen einer höheren Schule voraussetzten. Die dreijährige Lehrerseminarbildung, die mit der ersten Volksschullehrerprüfung abschloss, glich einer auf die Beherrschung bestimmter Stoffgebiete und Unterrichtsmethoden abzielenden Fachschulbildung, auf der es keine Forschung und die ihr entsprechende freie Lehre gab. Gegenüber ihren männlichen Kollegen waren die Lehrerinnen durch geringere Bezahlung und den ,selbstverständlichen' Eheverzicht zusätzlich diskriminiert; die Abschaffung des ,Lehrerinnenzölibats' kam erst 1920. Für kath. Lehrerinnenanwärterinnen blieb in Westfalen eine eigene Lehrerinnenbildung im 19. Jahrhundert den beiden kath. Seminaren in Münster und Paderborn vorbehalten. Erst seit der Jahrhundertwende bot sich z.B. in Münster mit der Kath. Höheren Töchterschule eine Alternative an.

Mit diesem Hinweis wird die Blickrichtung wieder zurückgelenkt auf den Ausbau der Kath. Höheren Töchterschule, die mit der oben dargestellten Integration einer dreijährigen Vorschule begannen hatte. Ferner nutzte die Schule die ministeriell eingeräumten Möglichkeiten höherer Mädchenschulen in Preußen voll aus[18]: zehnklassige Form (inklusive Vorschule) sowie damals keineswegs übliche weibliche Schulleitung. Auch im Blick auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Höheren Mädchenschule wurden hier besondere Akzente gesetzt, wenn auch insgesamt die Bestimmungen von 1894 maßgebend waren, die "religiös-sittliche Bildung" und "Erziehung zu echter Weiblichkeit" als Ziele der Höheren Mädchenschule definierten und darin immer noch im Bannkreis eines von der Romantik bestimmten Frauenideals verblieben, das ästhetische Gemütsbildung und nicht geistige Selbständigkeit und Fähigkeit zu selbständiger Lebensgestaltung anvisierte. Entsprechend sollte im Deutschunterricht eine Literatur im Mittelpunkt stehen, "die dem weiblichen Anschauungs- und Empfindungskreise nahe liegt". Hier wie im Geschichtsunterricht, der "Liebe zum Vaterlande" und eine "höhere sittliche Auffassung des Lebens" vermitteln sollte, waren Gesinnungsbildung und nicht reflektierte Urteilsfähigkeit vorherrschend. Der gravierendste Unterschied gegenüber dem Gymnasium zeigte sich freilich im Fehlen der Mathematik und des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Schnelles Rechnen - so die Bestimmungen -, Naturgeschichte und Naturlehre konnten hier keinen Ersatz bieten.

Im letzten Schuljahr (1907/08) unter der Leitung von E. Schöningh wurde die Schule von 655 Schülerinnen besucht, die in insgesamt 22 Klassen von 26 Lehrerinnen und 6 Lehrern unterrichtet wurden. Mit dieser Ausbaustufe der Schule war das Schulgebäude in der Schützenstraße 55, das ehemalige Jesuitenkloster, natürlich heillos überfüllt, so dass schon Räume in Häusern der Nachbarschaft angemietet werden mussten. Im Jahre 1904 "waren die Raumverhältnisse derart beengt, dass die Regierung das Weiterbestehen der Schule von einem Neubau abhängig machte." Das Kuratorium der Schule, das sich im Jahre 1901 (14.12.) eine Vereinssatzung gegeben hatte und als ,Verein für das kath. höhere Mädchenschulwesen in Münster' ins Vereinsregister eingetragen worden war, hatte in § 8 seiner Satzung schon diese Zielperspektive aufgenommen: "Etwaige Überschüsse werden zur Ansammlung eines Fonds zum Bau eines eigenen Schulhauses verwendet"l 19].

Hatten sich Schule und Trägerverein wie erwähnt - bislang nahezu ausschließlich durch Schulgeld selbst finanziert, so wurde jetzt zur Jahreswende 1904/05 erstmals ein namhafter Zuschuss beim Magistrat der Stadt Münster beantragt, der in seiner Sitzung vom 25.01.1905 für die Kath. Höhere Töchterschule 6000,-- Mark für das Jahr 1905 bereitstellte[20]. Diesem Zuschuss folgte in den Folgejahren eine fortwährende Unterstützung sowie die Bewilligung von 390.000,-- Mark, die als Hypothek auf das geplante Schulgebäude eingetragen werden sollten, dessen Baukosten ohne Inneneinrichtung ca. 334.000,-- Mark betrugen. Auf Initiative des Kuratoriums/Vereins und hier insbesondere Domkapitulars Rüping und Oberstabsarztes Dr. Müller, der als Vorsitzender der Baukommission nach Baubeginn Tag für Tag den Fortgang der Arbeiten überwachte, wurden nun Grundstückserwerb und Errichtung des Schulneubaues energisch betrieben, der

von Stadtbaumeister Bender und dem Architekten Moll entworfen und ausschließlich von einheimischen Unternehmen ausgeführt wurde. Nach Erwerb der Häuser Grüne Gasse 38-46 entstand so in den Jahren 1907-1909 "im Kleinhäusergewirr der Grünen Gasse" "ein stattlicher Monumentalbau", der am 23.01.1909 bezogen und feierlich eingeweiht werden konnte. Fortan wurden bis zur Kriegszerstörung im Jahre 1943/44 die kleinen schmalen Giebelhäuser der Grünen Gasse von dem im Stil der Zeit sowohl durch holländische Renaissance- wie Barockformen geprägten dreigeschossigen Schulgebäude mit zusätzlichem Dachgeschoss überragt, von dessen Flurfenstern aus der Blick auf die Dächer der alten Stadt fiel. Mit diesem in Ausstattung und Einrichtung (u. a. 24 Klassenräume, Turnhalle/ Aula, Physik- und Chemieraum) sich auf der Höhe der Zeit befindlichen Schulbau waren auch von den Räumlichkeiten her die Voraussetzungen geschaffen für den im gleichen Jahr erworbenen - den (Jungen-)Gymnasien gleichberechtigten - Status der Schule,

wobei der Neorenaissancestil ihres Neubaues symbolisch den Anspruch der Neuzeit wie den klassischer Bildung repräsentiert, die jetzt endlich auch für Frauen Wirklichkeit werden sollte.

4. Zwischen Mündigkeit und vaterländischer Hingabe - Die Katholische Höhere Mädchenschule bis zum Ende des Kaiserreiches (1909-1918)

Gemäß den preußischen ,Allgemeinen Bestimmungen über die Höheren Mädchenschulen und die weiterführenden Bildungsanstalten für die weibliche Jugend (1908)', die weitgehend auch von den übrigen deutschen Ländern übernommen wurden, umfasste die ,Höhere Mädchenschule' "10 aufsteigende Klassen", von den Vorschulklassen X bis VIII (Unterstufe) bis hin zu den Klassen IV bis I (Oberstufe)[1]. Nur wo dieser Ausbauzustand in Verbindung mit weiterführenden Frauenschulklassen oder einer Lehrerinnenbildungsanstalt (höheres Lehrerinnenseminar, fortan Oberlyzeum) gegeben war, sollte auch eine ,Studienanstalt' genehmigt werden, die zur Reifeprüfung und damit zum Universitätsstudium führen konnte. Für die bisherige Kath. Höhere Töchterschule trafen diese Bedingungen allesamt zu, so dass die Kath. Höhere Töchterschule (ab 1912 wurde die Höhere Mädchenschule in Abgrenzung zu trad. ,höheren' Mädchenschulen amtlich als Lyzeum bezeichnet) Münsters im Sinne der oben vorgestellten Bestimmungen am 15.10.1909 ihre Anerkennung als höhere Lehranstalt erhielt; die amtliche Anerkennung des Seminars (ab 1912: Oberlyzeum) und der im Oktober 1909 neu gegründeten realgymnasialen Studienanstalt folgte am 2. November des gleichen Jahres. Die überregionale Bedeutung der Kath. Höheren Mädchenschule, die jetzt das erste Mädchengymnasium der Stadt Münster verkörperte, kann man vollends erst ermessen, wenn man bedenkt, dass im Jahre 1909 in Preußen insgesamt nur 22, 1914 nur 43 höhere Mädchenschulen zum Abitur führen konnten und in der gesamten Provinz Westfalen 1914 nur drei Studienanstalten existierten.

Der erfolgreiche Besuch der lateinlosen 10klassigen Höheren Mädchenschule (bzw. Lyzeum) mit den Fächern Französisch, Englisch und jetzt erstmals auch Mathematik (u.a.) wurde mit dem ,Schlusszeugnis des Lyzeums' abgeschlossen, das bis 1912 auch als ,Reifezeugnis der Höheren Mädchenschule' bezeichnet wurde.

Die Ausbildungszeit am Höheren Lehrerinnenseminar, ab 1912 Oberlyzeum genannt, wurde im Zuge der Reformen von 1908 von drei auf vier Jahre verlängert. Die drei wissenschaftlichen Klassen des Oberlyzeums wurden mit der ,Reifeprüfung des Oberlyzeums' und dem entsprechenden Reifezeugnis erfolgreich abgeschlossen. Anschließend folgte ein praktisches Ausbildungsjahr in der sog. ,Seminarklasse des Oberlyzeums', in deren Zentrum neben Didaktik und Methodik der Unterrichtsfächer der höheren Mädchenschule selbständige Unterrichtstätigkeit der Seminarklassenschülerinnen unter Aufsicht ihrer Fachlehrer/-innen stand, vorwiegend in den drei Elementarklassen (Kl. X-VIII der Höheren Mädchenschule). Mit dem erfolgreichen Abschluss der Seminarklasse erhielten die Seminaristinnen die Berechtigung zur Anstellung als Lehrerin an mittleren und höheren Mädchenschulen. Unter bestimmten Voraussetzungen konnten die erfolgreichen Seminaristinnen vorübergehend über eine Zusatzprüfung - u.a. in Latein - auch die allgemeine Hochschulreife erlangen, wie umgekehrt Abiturientinnen der realgymnasialen Studienanstalt unter gewissen Voraussetzungen auch in die Seminarklasse des Oberlyzeums eintreten konnten. Jahrelang war der Weg zur Universität über das Oberlyzeum - damals als vierter Weg neben den drei gymnasialen Wegen bezeichnet - umstritten; ursprünglich infolge der geringen Anzahl der Studienanstalten von Seiten des Ministeriums aus pragmatischen Gründen eingeführt, verlor dieser Weg überall dort an Interesse, wo mit Lyzeum und Oberlyzeum die neuen gymnasialen Studienanstalten verbunden waren, wie dies ja an der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters der Fall war. Im Schuljahr 1912/13 interessierten sich hier trotz entsprechender Zeitungsanzeigen der Schule nur noch drei Schülerinnen für den Eintritt in die 3. Klasse des Oberlyzeums, die somit nicht mehr eingerichtet werden konnte, so dass das Oberlyzeum bis 1915 auslief. In diesem Jahr erfolgten die letzten Lehramtsprüfungen am Oberlyzeum der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters.

Mittelpunkt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters war seit 1909 die neue gymnasiale Studienanstalt, hier in der realgymnasialen Variante realisiert, deren Reifezeugnis die gleichen Berechtigungen gewährte wie das Abiturzeugnis eines Realgymnasiums für Schüler. Unterrichtsfächer, Lehrplan wie Stundenzahl waren mit dem Realgymnasium identisch. Dies bedeutete erstmals Mathematik-, Physik- und Chemieunterricht für Schülerinnen, ferner neben Französisch (3 Stunden wöchentlich) und Englisch (3 Stunden) erstmals Latein (6 Stunden!), dessen großes Gewicht von der damals durchgängigen Überzeugung getragen war, dass allein die Vertrautheit mit der lateinischen Sprache eine allgemeine Studierfähigkeit vermitteln könne und "... der Befriedigung höherer geistiger Interessen gerecht zu werden ..." vermöge[2]. Zum Fächerkanon der realgymnasialen Studienanstalt zählten ferner Religion (2), Deutsch (3), Geschichte (2), Erdkunde (1), Zeichnen (2), Turnen (3) und Singen (1 Std. wöchentlich). Voraussetzung für den Besuch der Studienanstalt war der erfolgreiche Abschluss der 3 Vorschulklassen sowie 4 weiterer Klassen der höheren Mädchenschule, also der Klasse IV des Lyzeums (vgl. Übersicht). Von hier führte sie in 6 Jahren zum Abitur und damit zur Hochschulreife. Entsprechend war mit der Reform von 1908 auch das volle Immatrikulationsrecht für Frauen an Universitäten eingeführt worden. Leistungsanforderungen wie Anspruch der Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters bringt indirekt die Warnung Oberstudiendirektorin H. Güldenpfennigs zum Ausdruck: "Ich bitte daher die verehrten Eltern meiner Schülerinnen, ihre Töchter nicht entgegen der Warnung der Schule der Studienanstalt zuzufahren. Die üblen Folgen müssten sich früher oder später bemerkbar machen"[3].

Die durch die Studienanstalt verstärkte Attraktivität der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters spiegelt sich in den Schülerinnenzahlen dieser Jahre: 1910/11 650, 1914/15 708, 1920/21 890 Schülerinnen! Davon kamen ca. 95% aus der Stadt Münster, die restlichen Schülerinnen aus dem näheren und weiteren Umland. Als einzige voll berechtigte Mädchenschule Münsters musste die realgymnasiale Studienanstalt gerade auf solche Mädchenschulen eine Sogwirkung ausüben, die den Kriterien der Reform von 1908 nicht entsprachen und somit fortan zu der Kategorie der ,mittleren' Schulen zählten oder zumindest keine gymnasiale Studienanstalt aufbauen konnten. Die Evang. Höhere Töchterschule Münsters (heute: Freiherr-vom-Stein-Gymnasium), jetzt Evang. Lyzeum und Oberlyzeum, zählte ebenso wie die 1897 gegründete und 1909 als Höhere Mädchenschule (Lyzeum und Oberlyzeum) anerkannte Schule des Klosters der Schwestern von der ,Göttlichen Vorsehung' in St. Mauritz (heute: Gymnasium St. Mauritz) zu den letztgenannten Schulen. So wurde der Antrag des Evang. Lyzeums auf Errichtung einer Studienanstalt mit realgymnasialem Kurs wegen des damit verbundenen zusätzlichen Zuschussbedarfs von Seiten der Stadt Münster am 23. März 1912 abgelehnt. Allein Ostern 1912 gingen daher 16 Schülerinnen dieser Schule auf die realgymnasiale Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters über, so dass die Schülerinnenzahl des Evang. Lyzeums und Oberlyzeums in den Jahren 19101915 mit durchschnittlich 410 Schülerinnen leicht rückläufig war. Der zunehmende Besuch evangelischer Schülerinnen in der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters hatte an deren Studienanstalt die Einführung eines gesonderten evangelischen Religionsunterrichts zur Folge, der etwa im Schuljahr 1914/ 15 von dem Oberlehrer Schmidt und von Pfarrer Dr. Meinardus erteilt wurde.

Mit diesen grundlegenden Strukturveränderungen der Kath. Höheren Mädchenschule wurde diese aus dem Geschäftsbereich der Königl. Regierung/ Regierungspräsident Münster entlassen und als Zeichen ihrer gymnasialen Gleichberechtigung der Schulaufsicht des Kgl. Provinzialschulkollegiums beim Oberpräsidenten der Provinz Westfalen unterstellt, was fortan nicht nur für die Studienanstalten, sondern für alle höheren Mädchenschulen im Sinne der Reform von 1908 zutraf. Als weiterer Ausdruck der neuen Bedeutung der Kath. Schule muss auch die Aufnahme ihrer Direktorin H. Güldenpfennig in das Kuratorium (e.V.) gewertet werden, das ja bislang eine rein männliche Domäne gewesen war. Umgekehrt stieg mit dem neuen Status der Schule naturgemäß der Anteil der Lehrer, da anders die mit der Reform von 1908 verbundenen Vorschriften zur Qualifikation der Lehrerschaft gar nicht zu erfüllen waren, die vorsahen, dass nur noch akademisch gebildete Lehrer/innen den gesamten wissenschaftlichen Unterricht im Oberlyzeum wie in den Klassen IV-I (UII-OI) der Studienanstalt übernehmen sollten. Selbst in den Klassen VI und V (UIII/OIII) der Studienanstalt wie in der Mittel- und Oberstufe des Lyzeums sollte von diesen Lehrkräften mindestens 50% des Unterrichts in den wiss. Fächern erteilt werden. Eine Quotenregelung sah vor, dass insgesamt wie innerhalb der akademisch gebildeten Lehrerschaft in der Regel die Hälfte, mindestens jedoch ein Drittel weibliche bzw. männliche Lehrkräfte vertreten sein sollten. Mit 17 akademischen Lehrkräften und weiteren 18 Lehrerinnen, die die traditionelle Seminarausbildung absolviert hatten sowie 5 nebenamtlich beschäftigten Lehrkräften im Schuljahr 1914/15 erfüllte die Kath. Höhere Mädchenschule Münsters annähernd diese Vorschriften zur Qualifikation des Lehrkörpers an Höheren Mädchenschulen mit gymnasialer Studienanstalt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die durchschnittliche wöchentliche Stundenzahl der Studienräte/-innen mit etwa 20 (!) Stunden bei einer sonstigen üblichen wöchentlichen Arbeitszeit von etwa 50-52 Stunden (!), ein Anzeichen für deren im Vergleich zur Gegenwart ungleich höheren Sozialstatus. Im Zuge der Reformen wurden auch Rang, Titel und Besoldung der Kollegien Höherer Mädchenschulen mit Studienanstalten den Gymnasien gleichgestellt. Natürlich konnten die Gehälter wie die laufenden Kosten der Privatschule jetzt nicht mehr allein durch das Schulgeld aufgebracht werden. Fehlbeträge deckte fortan die Stadt Münster, die daher seit 1910 durch den zweiten Bürgermeister Dieckmann mit Sitz und Stimme im Kuratorium (e.V.) der Kath. Höheren Mädchenschule vertreten war[4].

"Mit freudiger Dankbarkeit" - so die Schulleiterin der Kath. Höheren Mädchenschule H. Güldenpfennig - habe sie die neuen Bestimmungen über die Höhere Mädchenschule wie die zur Studienanstalt gelesen, die jetzt insgesamt unter Anknüpfung an reformpädagogische Impulse - etwa das Arbeitsschulkonzept G. Kerschensteiners - selbständiges Denken und Urteilen mit der Selbständigkeit der Schülerinnen im Bildungs- und Erziehungsprozess verbinden. Die erstmalige Einführung des Mathematik- und naturwissenschaftlichen Unterrichts für Schülerinnen nicht nur in der Studienanstalt, sondern schon in der Höheren Mädchenschule (Lyzeum) markieren diesen Ansatz. Stolz über das Erreichte spiegelt sich noch in der detaillierten Auflistung der Anschaffungen für die physikalische Lehrmittelsammlung in den Jahresberichten des Lyzeums/Realgymn. Studienanstalt zu Münster/W., so z.B. im Schuljahr 1914/15 "Weicheisenstäbchen zu Versuchen über magnetische Induktion", "Magnetnadel auf Fuß, mit Windrose", "Polwaage", "zwei Glasstäbe mit Glaskugeln" (u.a.). Gerade im Vergleich zu den Bestimmungen von 1894 wird der curricular-didaktische Aspekt der Reform von 1908 unübersehbar, der hier abschließend am Beispiel des Deutschunterrichts erläutert wird. Dazu H. Güldenpfennig: "ln den methodischen Bemerkungen zum deutschen Unterricht findet sich in den 94er Bestimmungen gleich anfangs folgender Satz: ,Das Beste, was der deutsche Unterricht den Schülerinnen im Leben mitgeben kann, ist eine verständnisvolle Liebe zu Worten und Werken unserer Muttersprache.' In den neuen Ausführungsbestimmungen steht:, Sie (die Lektüre) soll die Tätigkeit erziehen, den Aufbau und die logische Gliederung umfassenderer Gedankengänge zu erkennen und wird hierdurch eines der wichtigsten Mittel logischer Schulung...' Über die Behandlung der Klassikerlektüre sagen die alten Bestimmungen:, Die gelesenen Epen und Dramen sind den Mädchen zu einem ihrem Alter entsprechenden Verständnis zu bringen.' Weniger dehnbar ist die Ausdrucksweise in den (neuen) Ausführungsbestimmungen: , Bei Behandlung des dichterischen Lesestoffes soll die Schülerin das Kunstwerk als ganzes verstehen, erfassen und nachempfinden lernen'"15].

Diesen Lernzielen wie der erreichten Emanzipation der Frauenbildung entsprach der Lektürekanon sowohl des Lyzeums wie der realgymnasialen Studienanstalt Münsters, in dem die Literatur der deutschen Klassik dominierte, die zunächst auch im Mittelpunkt der literarischen Aufsatzerziehung stand. Zur Klassenlektüre der Abschlussklasse des Lyzeums (Kl. I) zählten im Schuljahr 1910/11 Schiller, Wallenstein; Goethe, Dichtung und Wahrheit, Iphigenie; ferner Kleist, Der Prinz von Homburg und Michael Kohlhaas. In der Obertertia der Studienanstalt las man u. a. Lessing, Minna von Barnhelm; Goethe, Hermann und Dorothea Schiller, Die Jungfrau von Orleans; ferner standen "Belehrungen über Metrik und Poetik" im Vordergrund des Deutschunterrichts. Neben der Klassik nahmen Autoren der Romantik wie Eichendorff ebenso großen Raum ein wie in den jeweiligen Abschlussklassen 1914/15 die folgenden zeitgenössischen Autoren, die in einer verallgemeinernden literaturhistorischen Einordnung dem poetischen wie bürgerlichen Realismus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wie der so genannten Heimatliteratur zuzurechnen sind: Storm, Der Schimmelreiter; Raabe, Der Hungerpastor; Freytag, Die Journalisten u.a.; C. F. Meyer, Jörg Jenatsch; G. Keller, Das Fähnlein der sieben Aufrechten; M. v. Ebner-Eschenbach, Der Muff; O. Ludwig, Der Erbförster u. a. Dem entsprachen auch die literaturhistorischen Aufsatzthemen.

Dass im Deutschunterricht des Schuljahres 1914/15 auch der 1. Weltkrieg großen Raum einnahm, erscheint nahezu selbstverständlich; im einzelnen wird darauf noch zurückzukommen sein. Dieser unmittelbar gesinnungsbildende Gegenwartsbezug des Deutschunterrichts war freilich keineswegs eine rein zeitbedingte Konzession, folgte der Unterricht hier doch lediglich offiziellen schulpolitischen Anforderungen - die sich ebenso am Religions- wie Geschichtsunterricht aufzeigen ließen (!) - und fachdidaktischen Traditionen des Deutschunterrichts, der spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts primär der "Charakter- und Gesinnungsbildung" i.S. einer nationalen Identitätsbildung dienen sollte, die zunehmend in einem deutschtümelnd-völkischen Sinne definiert wurde[6]. Damit wurden rationale, die kognitiv-qualifizierenden Aspekte des Deutschunterrichts in den Vordergrund stellende fachdidaktische Konzepte verabschiedet, die von der Aufklärung wie vom Neuhumanismus geprägt waren. Als Vermittlungsorgan "deutscher Gesinnung" thematisierte der Deutschunterricht daher an der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters wie allen Schulen auch mehr oder minder allgemeine historisch-politische, sozialkundliche und geographische Probleme, die heute in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern erörtert werden.

Bei allem unbestreitbaren Bemühen der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters um Bildung und Leistungsfähigkeit ihrer Schülerinnen, ja um Mündigkeit der Frau, das sie weit über provinzielle Begrenztheiten hinaushob, bei aller gerade von der Schulleitung uneingeschränkt intendierten Selbständigkeit der Schülerinnen muss diese Schule wie die Schulen des Dt. Kaiserreiches überhaupt auch als Spiegel der Wilhelminischen Gesellschaft gesehen werden, die auf die forcierte Industrialisierung und Modernisierung nicht mit einer entsprechenden Reform des politischen Systems reagierte, so dass man von einem" autoritären Regime" (G.A.Craig) oder einem "pseudokonstitutionellen Semi-Absolutismus" (H.-U.Wehler) sprechen kann. Und staatliche Schulpolitik ist nun einmal nicht bereit zuzulassen, "dass Loyalitäten auf die der Staat notwendig angewiesen ist, in der Schule abgebaut werden"[7]. Natürlich ist die Qualität und Spannweite der staatlichen Einwirkungen wie der integrativen Funktion der Schule abhängig von den jeweiligen ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen, von den Gegebenheiten der Öffentlichkeit und dem Standard der Konfliktregelungsmechanismen. Angesichts der skizzierten Herrschaftsverhältnisse im Dt. Kaiserreich kann es daher nicht verwundern, wenn hier die Schulen gezielt als disziplinierendes und gesinnungsbildendes Element zu politischen, herrschaftsstabilisierenden Zwecken eingesetzt wurden. Dies war an der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters vom Selbstverständnis der Lehrer/-innen und zumal der Oberstudiendirektorin H. Güldenpfennig sicher nur bedingt der Fall, weil schon die katholische Prägung der Schule eine Totalidentifikation mit den politischen Strukturen und vorherrschenden Mentalitäten des Kaiserreiches verhinderte und die bewusst erstrebte Emanzipation der Frauenbildung schließlich gewisse Loyalitäten zu oppositionellen Tendenzen der bürgerlichen Frauenbewegung aufbaute.

Doch ungeachtet partieller Distanzierung war in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg der ,Kulturkampf' allmählich in Vergessenheit geraten. Maßgebliche Teile der kath. Kirche Deutschlands suchten schon von deren Selbstverständnis, das nach wie vor "von Autorität und Ordnung, Pflicht und Gehorsam" geprägt war[8], gerade im Jahrzehnt vor 1914 den engeren Anschluss an die konservativen Mächte des Kaiserreiches. Sicher vollzog sich dieser Prozess der Nationalisierung des deutschen Katholizismus in Münster aufgrund seiner exponierten Stellung im ,Kulturkampf' nur allmählich. Jedenfalls stand die nationale Begeisterung der Bevölkerung Münsters zu Beginn des Weltkrieges vergleichbaren Großstädten in nichts nach, was im Zusammenhang der Kriegsdienste der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters noch im einzelnen zu zeigen sein wird.

Wie alle Schulen des Dt. Kaiserreiches, so die These, war auch die Kath. Höhere Mädchenschule Münsters partiell ein Spiegel des vorherrschend monarchisch-obrigkeitsstaatlichen Selbstverständnisses der wilhelminischen Gesellschaft. Wie an nahezu allen Schulen zeigten dies nicht nur Unterrichtsinhalte, sondern auch die festgefügten sozialen Beziehungen, die selbstverständliche Sitzordnung in ,Reih und Glied' auf starren Bänken, das Antreten der Schülerinnen auf dem Schulhof wiederum in ,Reih und Glied', um von dort in die Klassen geführt zu werden; die jüngeren Klassen über eine Nebentreppe, die ,Großen', die einen eigenen Pausenhof hatten, über die Haupttreppe[9]. Verhaltens- und Kleiderordnungen - die ,Kleinen' hatten Schürzen und Schonärmel zu tragen - entsprachen diesen Ritualen. Und nicht zuletzt die Strenge der Schulzucht, für die Nachsitzen und "pädagogische" Züchtigung noch selbstverständlich waren: "Wisst Ihr noch die R-Stunden, wo Kreidestücke und schmierige Tafelschwämme durch die Luft sausten, was alles aber unsere Freundschaft mit Oberlehrer R.... nicht trüben konnte?" Und schon das Vergessen von Radiergummis im Zeichenunterricht - so Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen - erregten den "Zorn" der Lehrer/-innen, vor dem die Schülerinnen sich nur schwerlich "retten" konnten. Auch betuliche Bevormundung der Schülerinnen selbst außerhalb der Schule - die Warnung vor dem Besuch von Kaffeehäusern, Send usw. [10] - entsprach der gängigen Konvention.

Doch war das Schulleben der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters keineswegs vorrangig oder gar nur Ausdruck der "alten Schule", wie diese von der zeitgenössischen reformpädagogischen Kritik benannt wurde, einer Kritik, die bei aller Ambivalenz, pädagogischen wie politischen Unzulänglichkeit und Inkonsequenz geleitet war von dem Recht des Kindes auf ,natürliche Entwicklung', das schon Rousseau betont hatte[11]. Reformpädagogische Impulse wie etwa das Arbeitsschulkonzept G. Kerschensteiners, das Selbständigkeit und Selbsttätigkeit der Schüler im alltäglichen Lernprozess intendierte, wurden - wie gezeigt - von der Schulleiterin der Kath. Höheren Mädchenschule durchaus gefördert. Im Schulleben der Schule fanden derartige Impulse vielfältigen Ausdruck. Eine Abiturientin des ersten Abiturjahrganges 1915 erinnert sich:

"Wir wanderten mit unserer Klassenlehrerin in die nähere und weitere Umgebung der Stadt. Wir inszenierten Theaterstücke. Ich erinnere mich noch an eine Klassenaufführung in französischer Sprache, bei der ich -klein und zierlich - in Vaters langem Gehrock und Zylinder den Dichter Trissolin aus Molieres ,Femmes savantes' darstellte und Agnes Pröbsting und Klara Weber die Precieuses unübertrefflich agierten. Eine dreitägige Klassenfahrt nach Borkum war wohl der Höhepunkt unserer Primajahre - zu einer Zeit, als solche Unternehmungen noch nicht von der Schulbehörde gefördert wurden - , sicher modern und ganzheitlich gedacht. Sie werden verstehen, dass wir Schülerinnen stolz auf unsere Schule waren - und noch immer sind"[12].

Auch die zahlreichen und amtlich allen Schulen vorgeschriebenen patriotischen Feierstunden - genannt seien hier nur die alljährlichen ,Kaiser-Geburtstags-Feiern', die ,Königin-Luisen-Feier' aus Anlass des 100. Todestages der Königin Luise von Preußen am 18./ 19.07.1910, die ,Kaiserin-AugustaFeier' (30.09.1911), die ,Patriotische Feier' zur 100. Wiederkehr des Tages der Völkerschlacht bei Leipzig (18.10.1913) u.a. - dienten nicht nur der nationalen Gesinnungsbildung. Sie waren stets auch eine willkommene Möglichkeit zur Profilierung der Kath. Höheren Mädchenschule in der Öffentlichkeit der Stadt Münster wie der öffentlich bekundeten sozialen Verpflichtung der Schule, da diese im festlichen Rahmen mit Rezitationen, Musik- und Chordarbietungen inszenierten Feierstunden neben kurzen morgendlichen Feiern in der festlich geschmückten Schulaula in der Regel am Abend im Gesellenhaus des Kolping-Vereins an der Grünen Gasse oder gar im Rathaussaal stattfanden und der Reinerlös meist sozial-caritativen Zwecken zugutekam[13]. Anspruch und Selbstverständnis der Schule zeigten sich auch in den aus Anlass derartiger Feierstunden eigens gedruckten Programmheften, in den Darbietungen des Schulchores unter Leitung des Gesanglehrers Heinrich Krampe, der auch eigene Vertonungen etwa zu Liedern und Texten von Hermann Löns einstudierte, in den zu jedem Festakt üblichen Reden von Vertretern/-innen des Kollegiums oder der Schülerschaft. Gleichzeitig waren diese schulischen Feiern selbstverständlich auch ein Spiegel des anwachsenden ,vaterländischen' Nationalismus und monarchistischer Identitätsbildung. Die Auswahl der Texte und Lieder, das jeweilige "Hoch auf den Kaiser", der Chorgesang des Liedes "Der Kaiser ist ein lieber Mann" durch die Schülerinnen der unteren und mittleren Klassen, die gemeinsam zum Abschluss gesungene Nationalhymne des Kaiserreichs "Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlandes" deuten diesen Prozess schon an.

Formale Strukturen, Beziehungs- und Kommunikationsformen der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters dürfen ebenso wenig wie die zahlreichen schulischen Feierstunden darüber hinwegtäuschen, dass schulische Arbeit und Schulleben zentral von Bildungs- und Lernprozessen bestimmt waren, der Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, verbunden mit einer Leistungskonkurrenz und Auslese, die zumindest in der of fiziellen Bildungspolitik des Kaiserreiches gewollt und noch nicht problematisiert wurde. Waren 1909 32 Schülerinnen in die UIII der neuen realgymnasialen Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters eingetreten und traten in den Folgejahren von OIII-OII noch 11 neue Schülerinnen in diese Klasse ein, so erreichten von diesen 43 nur 15 Schülerinnen das Abitur im Jahr 1915. Als Schülerinnen mit Abitur nahmen sie im Dt. Kaiserreich eine ausgesprochene Pionierrolle wahr, bedenkt man, dass im gesamten Staat Preußen, der ja bekanntlich in West-Ost-Richtung von Aachen bis Königsberg und darüber hinaus reichte, nur 612 Schülerinnen (1915) die Abiturprüfung erfolgreich abschlossen[14].

Die erste Abitur-Reifeprüfung der Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters erfolgte am 23.25. März 1915 vor einer den Schülerinnen fremden Prüfungskommission im Gebäude des städt. Gymnasiums (heute: Ratsgymnasium). Die 15 Schülerinnen, denen nach erfolgreicher Prüfung das ,Zeugnis der Reife' zuerkannt wurde, waren damit zugleich die erste Abiturientinnenklasse der Stadt Münster, da ja in den letzten Jahren des Kaiserreiches nur die Kath. Höhere Mädchenschule Münsters Schülerinnen zum Abitur führen konnte. Die erfolgreiche Prüfung vor einer fremden Prüfungskommission, der die Schülerinnen ebenso unbekannt waren wie diese ihnen, belegt den Leistungsstand der Schule. Eine Abiturientin von 1915 erinnert sich:

"In fünf schriftlichen Fächern (Deutsch, Latein, Mathematik, Französisch oder Englisch und Physik) mussten wir unsere Kenntnisse nachweisen; dazu wurden wir in allen Fächern mündlich geprüft, nur Turnen, Musik und Zeichnen wurden uns erlassen. In Religion z. B. bekam jede Schülerin je eine Frage aus der Glaubenslehre, aus der Sittenlehre und aus der Kirchengeschichte. "

Leistungsethos und Selbstbewusstsein der ersten Abiturientinnen der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters spiegeln sich auch in der Tatsache, dass 13 von diesen 15 (= 87%) ein Universitätsstudium aufnahmen und mit dem Staatsexamen abschlossen: eine Volkswirtin, eine Apothekerin, drei Medizinerinnen und acht Philologinnen; sieben von diesen 13 Studentinnen erwarben zudem noch einen akademischen Doktorgrad! Und das Studium erfolgte in einer Zeit, in der das Frauenstudium noch in weiten Kreisen umstritten war, so dass sich die Studentinnen des Abiturjahrgangs 1915 in ihren ersten Semestern "vielfach noch die gleichberechtigte Anerkennung an der Universität erkämpfen mussten. " H. Stehling eine der 13 Studentinnen, die aus der realgymnasialen Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters hervorgegangen war - schreibt über diese Schwierigkeiten: "So wurden wir z.B. von einem hoch angesehenen Professor zu Beginn seiner Vorlesungen nur mit , Meine Herren' begrüßt, obschon wir Studentinnen in der Überzahl waren und nur einige Studenten, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen waren, im Hintergrund waren. Launige Varianten beliebter Studentenlieder entstanden: , Gaudeamus igitur, virgines dam sumus.'

Selbst bei den folgenden Kriegsabiturjahrgängen (1916-18) der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters blieb der Anteil der Abiturientinnen, die ein Universitätsstudium aufnahmen, mit durchschnittlich 63% relativ hoch. Doch die schweren Kriegsjahre beeinträchtigten den Schulalltag durch die zahlreichen Unterbrechungen des Unterrichts, hohen Stundenausfall, Kriegshilfsdienste der Schule sowie weitere nationale Feierstunden zunehmend. Die - ungeachtet heutiger Kenntnisse vom maßgeblichen deutschen Anteil am Ausbruch des 1. Weltkrieges - damals vorherrschende Überzeugung, das Dt. Reich befinde sich in einem legitimen Existenzkampf, verstärkte jetzt jenen vom liberalen Ursprung losgelösten vaterländischen Patriotismus, der hier im Blick auf Schulfeiern der Vorkriegsjahre schon angesprochen worden ist. Dieser Hinweis auf Kriegsbegeisterung und Ideologisierung des Krieges sowohl auf der nationalen wie der lokalen Ebene in Münster ist unerlässlich, will man die im folgenden dargestellten Kriegslasten und dienste der Kath. Höheren Mädchenschule angemessen verstehen und einordnen, weil anders ein völlig verzerrtes Bild entstehen müsste.

Auf Ersuchen des Vorstandes des "Vaterländischen Frauenvereins" verfügte das preußische Kultusministerium am 18.08.1914, dass sich alle Schulen für die weibliche Jugend - von den höheren Lehranstalten bis zu den Volksschulen - an der "Anfertigung von Liebesgaben für das Heer in dem Handarbeitsunterricht für die weibliche Jugend" beteiligen sollten und diese "Liebesgaben" - "wollene Strümpfe (...), wollene gestrickte Leibbinden, wollene gestrickte Unterziehjacken" - den örtlichen "Vaterländischen Frauenvereinen" zur Verfügung stehen sollten[15]. Entsprechend fand auch an der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters schon im August 1914 eine Besprechung in der Aula statt, um zu beraten, "wie und wo die Schülerinnen am besten ihre Kräfte in den Dienst des Vaterlandes stellen könnten." Bevor diese Dienste an einzelnen Beispielen näher geschildert werden, einige Hinweise zu weiteren kriegsbedingten Veränderungen des Schulalltags in Münster.

Stellten schon derartige Hilfsdienste, die bald auch ganze Nachmittage beanspruchten, eine hohe Belastung der Schülerinnen dar, unter der etwa die Nach- und Vorbereitung des Unterrichts durch die Hausaufgaben naturgemäß leiden musste, so wurde mit Fortdauer des Krieges auch der ordnungsgemäße Unterricht selbst beeinträchtigt. Bald schon reichte der stundenplanmäßige Handarbeitsunterricht für die "Liebesgaben" nicht mehr aus, so dass auch in wissenschaftlichen Fächern im Unterricht gestrickt wurde: "Während der Geist sich in französische und englische Lektüre vertiefte, strickten die Hände emsig Soldatenstrümpfe und Schals", erinnert eine Abiturientin des Jahres 1917[16]. Hinzu trat ein relativ hoher Stundenausfall. An "Siegestagen" anlässlich gewonnener Schlachten fiel der Unterricht regelmäßig aus, ferner erhielten die Schülerinnen jedes mal frei, sobald die jeweiligen Zeichnungen von ,Kriegsanleihen' einen bestimmten Betrag überstiegen, was an der Kath. Höheren Mädchenschule in jedem Kriegsjahr mehrfach der Fall war. Hinzu traten die zunehmenden Feierstunden, die Straßensammlungen der Schülerinnen, etwa am 24.06.1917 "zu Gunsten der Volksspende zum Ankauf von Lesestoff für Heer und Flotte", das Laubsammeln der gesamten Mittel- und Oberstufe in Mecklenbeck am 19.07.1918 und nicht zuletzt die wegen Kohleknappheit verlängerten Weihnachtsferien. Besonders einschneidend war dieser Unterrichtsausfall im Winter 1916/17; hier wurden die regulären Weihnachtsferien (21.12.191604.01.1917) bis zum 16. Januar verlängert; schon vom 09.-27.02. mussten alle Schulen Münsters wegen Kohlemangels wiederum geschlossen werden. Lediglich der Unterricht für die Oberprima der Kath. Höheren Mädchenschule wurde in einem Klassenraum der Mittelschule fortgeführt. Weitere Unterrichtseinschränkungen erfolgten vom 16.-24. März 1917.

Erschwert wurden die Unterrichtsbedingungen ferner durch den Kriegsdienst der eingezogenen Lehrer. Auch dürften die Schülerinnen dem hohen Unterrichtsausfall kaum eine aus ihrer Perspektive gesehen positive Seite abgewonnen haben; denn wenn auch der Luft- und Bombenkrieg anders als im 2. Weltkrieg in Münster keine Rolle spielte, so wurden die Lebensbedingungen doch im Fortgang des Krieges zunehmend erschwert durch Lebensmittelknappheit, Hunger und Schlangestehen vor Geschäften, was nun auch in Münster zum Alltag gehörte. Die sprichwörtliche Bezeichnung ,Steckrübenwinter' überspielt die Not eher, als dass sie diese angemessen zum Ausdruck bringen würde. Der Mangel an Nahrung, Brennstoffen und Kleidung wurde zu einem Überlebensproblem. Die mangelhafte Ernährungslage begünstigte naturgemäß die Anfälligkeit für Grippe- und andere Erkältungskrankheiten. So musste die Kath. Höhere Mädchenschule Münsters vom 21.10.-04.11.1918 geschlossen werden, da etwa 30% aller Schülerinnen wie des Lehrerkollegiums erkrankt waren. Eine gewisse Entlastung bot hier die Hilfe der neutralen Niederlande, die anders als im 2. Weltkrieg nicht von deutschen Truppen überfallen und besetzt worden waren. So erhielten 49 Schülerinnen der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters vom 20. März bis zum 01. Mai 1918 in einem Kinderheim in Apeldoorn "gute Aufnahme und Verpflegung".

Kann man schon die oben genannten Sammlungen der Schülerinnen zu den Kriegshilfsdiensten zählen, so dominierten an der Mädchenschule insgesamt doch die Handarbeits- und Kocharbeiten, das Einmachen von Obst und Gemüse für verwundete Soldaten sowie das Packen von Weihnachtspaketen für Soldaten - Weihnachten 1914 wurden z.B. insgesamt 746 (Weihnachten 1915: 475) Pakete mit Handarbeiten, Puppen und anderen selbst gefertigten Spielsachen, Tabak, Spekulatius (u.a.) "für unsere Krieger" zusammengestellt, wobei die Kosten durch schulinterne Verlosungen und Spargroschen der Schülerinnen aufgebracht wurden[17]. Das Engagement der Schülerinnen wie des Kollegiums beschränkte sich keineswegs auf die Unterrichtszeit; auch an Nachmittagen und während der Ferien arbeiteten einige ältere Schülerinnen vorübergehend als Schreibkräfte in einem Militärbüro, "mehrere Damen des Kollegiums waren in der Erfrischungsstation (im Hbf.) für die durchreisenden Krieger tätig", rund 600 Arbeitsstunden insgesamt brachten einige Schülerinnen von August bis November 1914 für Einmachen von Obst auf, das sie selbst in verschiedene Lazarette der Stadt bringen durften, andere arbeiteten in Kinderhorten, die eigens "für Kinder der im Feld stehenden Soldaten" eingerichtet worden waren. Mit besonderer Freude wurden die "täglich aus dem Felde eingelaufenen Dankschreiben der Krieger" von den Schülerinnen aufgenommen.

Dem Engagement der Schülerinnen wie des Kollegiums entsprach die Bereitschaft der Elternschaft der Kath. Höheren Mädchenschule zur Zeichnung von Kriegsanleihen, durch die in Erwartung der Rückzahlung durch die besiegten Kriegsgegner die Kriegslasten vorfinanziert werden sollten. Das gesamte Kollegium beteiligte sich jeweils in der Schule an der Werbung zwecks "Zeichnung von Kriegsanleihen" und suchte alle Eltern zu Mindestbeträgen zu animieren; bei einer Gesamtzeichnung von jeweils 25.000 Mark sollten die Schülerinnen einen schulfreien Tag erhalten. Bei allen 9 Kriegsanleihen der Jahre 1914-1918 wurde dieser Betrag bei weitem überschritten. Insgesamt erbrachten die ersten acht Kriegsanleihen allein an der Kath. Höheren Mädchenschule Münsters fast 590.000 Mark, eine in heutiger Kaufkraft gemessen nahezu unvorstellbare Summe, bedenkt man, dass der großzügige Neubau der Kath. Höheren Mädchenschule in den Jahren 1907-1909 nur 334.000 Mark gekostet hatte. Insgesamt trugen diese Kriegsanleihen mit der Niederlage Deutschlands zur Verarmung großer Teile des Bürgertums bei und waren auch eine Ursache der galoppierenden Inflation der Jahre 1919-1923.

Wo der Krieg derart in den Schulalltag eingriff, musste er auch die Unterrichtsinhalte verändern. Wie an vielen deutschen Schulen beteiligte sich auf ausdrücklichen Wunsch der Schülerinnen auch die Kath. Höhere Mädchenschule am "Kampf" gegen den "Fremdwörterunfug", wie dies der damals bekannte Autor populärwissenschaftlicher, pädagogischer und fachdidaktischer Schriften, der ,Wirkliche Geheime Oberregierungsrat' Dr. Adolf Matthias nannte[18]. Jeder Gebrauch von Fremdwörtern im Unterricht wurde mit 5 Pfennig geahndet, die als Spende für die Kriegshilfsdienste verwendet wurden. Auch Ziele und Inhalte der wissenschaftlichen Unterrichtsfächer veränderten sich. Etwa ein Viertel aller Themen der Deutschaufsätze der Studienanstaltsklassen des Schuljahres 1914/15 bezogen sich direkt auf die Gegenwart des Krieges. Die Belastungen des Krieges verlangten nach Sinngebung und Kompensation, Bedürfnisse, denen die schulischen Feierstunden der Kath. Höheren Mädchenschule während der Kriegsjahre entgegenkamen. Rheinlieder - "Sie sollen ihn nicht haben ..." wie Soldatenlieder - "Denn wir fahren gegen Engeland...", "Ich hatt' einen Kameraden" - und patriotische Kriegsdichtung sollten zur Steigerung der "Vaterlandsliebe" und zur "Bewunderung für den Opfersinn und Wagemut unserer Soldaten" beitragen. In den Lazaretten im Schützenhof und in der Hüfferstiftung (u.a.) trug der Schulchor "patriotische Lieder" vor. Feierstunden schlossen jetzt stets auch Vorträge über die "glänzenden Waffentaten der deutschen Heere" ebenso ein wie die verbreitete Technikbewunderung; so wurden die Oberstufenschülerinnen des Lyzeums und der Studienanstalt der Kath. Höheren Mädchenschule aus Anlass der Kaiser-Geburtstags-Feier 1917 von einer Studienrätin der Schule anhand eines größeren selbst gefertigten Modells eines Unterseebootes wie einer großen Längsschnittzeichnung "in die Geheimnisse dieses Wunderwerkes menschlichen Erfindergeistes" eingeführt. Gerade zu diesem Zeitpunkt wurde bekanntlich die Frage diskutiert, ob Deutschland den unbeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufnehmen sollte, was dann seit dem 1. Februar 1917 wieder der Fall war, ein Grund für den Kriegseintritt der USA, der die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten endgültig besiegeln sollte. Doch überwog bis in den Sommer 1918 hinein in Münster die Überzeugung, dass die "gerechte" deutsche Sache auch "Sieg und Frieden" bringen werde.

Wie alle anderen Münsterschen Schulen beteiligte sich auch die Kath. Höhere Mädchenschule an der Nagelung des ,Jung-Germanen', dem auf dem Prinzipalmarkt errichteten Kriegswahrzeichen Münsters, wobei der Höhe der Spenden entsprechend eiserne, silberne und goldene Nägel in das Wahrzeichen genagelt wurden. Nationales Hochgefühl und Ehrfurcht sind aber keinesfalls mit einem ausformulierten politischen Programm zu verwechseln, etwa der der deutschen Kriegsideologie immanenten Absage an westliche liberal-demokratische Traditionen und Optionen, einer Absage, die in der Agitation des Alldeutschen Verbandes wie der 1917 gegründeten Deutschen Vaterlandspartei bekanntlich schon mit offenem Antisemitismus verbunden war. Diesen gab es an der Kath. Höheren Mädchenschule dieser Jahre nicht. Als am 18.10.1918 die Schülerin der OI Susi Cohn an den Folgen einer Grippe mit anschließender Lungenentzündung starb, gaben ihr alle "... Lehrerinnen und Schülerinnen der Studienanstalt ... das letzte Geleit zum israelischen Friedhof." Ausdrücklich heißt es in der Schulchronik: "Die Schule wird der allzeit fleißigen und gewissenhaften Schülerin ein treues Andenken bewahren." Dieser symbolische Vorgang zeigt, dass die Kath. Höhere Mädchenschule Münsters bei aller kriegsbedingten Emotionalisierung nicht von vornherein verfestigte ideologische Schranken aufgebaut hatte, die der aus der Kriegsniederlage und den Revolutionsmonaten des Winters 1918/ 19 hervorgehenden Weimarer Republik an der Schule a priori keine Chance gegeben hätten.

(Dieser - hier gekürzte- Aufsatz erschien zuerst 1990 in der Festschrift des Annette-Gymnasiums)

zurück