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Brennende Liebe

Und willst Du wissen, warum
So sinnend ich manche Zeit,
Mitunter so thöricht und dumm,
So unverzeihlich zerstreut,
Willst wissen auch ohne Gnade,
Was denn so Liebes enthält
Die heimatlich verschossene Lade,
An die ich mich öfters gesellt?
Zwei Augen hab' ich gesehn,
Wie der Strahl im Gewässer sich bricht,
Und wo zwei Augen nur stehn,
Da denke ich an ihr Licht.
Ja, als du neulich entwandest
Die Blume vom blühenden Rain
Und “Oculus Christi” sie nanntest,
Da fielen die Augen mir ein.
Auch giebt's einer Stimme Ton,
Tief, zitternd, wie ein Hornes Hall,
Die thut's mir völlig zum Hohn,
Sie folget mir überall.
Als jüngst im flimmernden Saale
Mich quälte der Geigen Gegell,
Da hört' ich mit einem Male
Die Stimme im Violoncell.
Auch weiß ich eine Gestalt,
So leicht und kräftig zugleich,
Die schreitet vor mir im Wald
Und gkeitet über den Teich;
Ja, als ich eben in Sinnen
Sah über des Mondes Aug'
Einen Wolkenstreifen zerinnen,
Das war ihre Form, wie ein Rauch.
Und höre, höre zuletzt,
Dort liegt, da drinnen im Schrein,
Ein Tuch mit Blute genetzt,
Das lege ich heimatllich hinein.
Er ritzte sie nur an der Schneide,
Als Beeren vom Strauch er mir hieb,
Nun hab' ich sie alle beide,
Sein Blut und meine brennende Lieb'.

Annette von Droste Hülshoff

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