Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit und in den Fünfziger Jahren

1945 - 1960

 

 

 

 

Verlust von Heimat und Wohnung bestimmten die Kindheit und Jugend von fünf  Großmüttern in der Nachkriegszeit. Die Schwierigkeiten des oft mühsamen Neuanfangs (13, 20) werden in den Interviews sichtbar u.a. in Hinweisen auf Ausgrenzung (7) und Benachteiligung (15) von Flüchtlingen. Unterschiede zwischen Stadt und Land werden auch bezogen auf Hunger und Wohnungsnot sichtbar.

Zerstört wurden vielfach die Lebensplanungen der Mädchen, vier Großmütter mussten ihre Schulausbildung abbrechen und einen Beruf ergreifen, der nicht ihrem Wunsch entsprach und von ihnen als Belastung empfunden wurde. (8, 13, 14, 15)

 

  

Familie

Erstaunlicherweise wuchsen alle Kinder – bis auf eine Ausnahme – in vollständigen Familien auf, die trotz der Änderung in der Aufgabenverteilung in Krieg- und Nachkriegszeit von der klassischen Rollenaufteilung zwischen Vater und Mutter gekennzeichnet waren. Alle Großmütter hatten zunächst auch diese Rollenvorstellungen übernommen und gaben ihre Berufstätigkeit mit der Eheschließung auf.

Trotz der Belastungen der Zeit wird auch in diesen Interviews die Familiensituation im nachhinein überwiegend als harmonisch beschrieben.

 

Im Jahr 1944 musste die Familie in den Westen flüchten. Es war eine harte Zeit. Sie waren über sieben Wochen mit Pferd und Wagen unterwegs. "Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben", sagte Frau S. Sie mussten ihr ganzes Hab und Gut zurück lassen und nahmen nur das Pferd, den Wagen und einige Nahrungsmittel mit. Tagsüber mussten sie sich selbst verpflegen, abends gab es eine warme Mahlzeit aus den Lagern, die für die Flüchtlinge aufgeschlagen wurden. Nach einiger Zeit kam Frau S. auf einem Bauernhof unter, der auch eine Hühnerzucht hatte. Der Rest der Familie kam ebenfalls auf verschiedenen Bauernhöfen in der Nähe unter, wo sie arbeiten und ihren Unterhalt verdienen mussten. Sie brauchten ja schließlich ein Dach über dem Kopf. Zu dieser Zeit war es nicht einfach, etwas zu finden. Sonntags traf Hedwig S. sich mit ihren Eltern und Geschwistern. Das war der einzige Tag in der Woche, an dem sie wieder eine Familie sein durften. (13)

 

 

Auf einem Umweg über drei Flüchtlingslager, in denen sie ihren Mann ausfindig machen konnte, traf sie sich mit meinem Opa in Warendorf und sie zogen in die „Tönneburg“;  dies war ein Häuserblock mit vier provisorischen Wohnungen, außerhalb von Warendorf gelegen, die von der Stadt an jeweils zwei einheimische und zwei Flüchtlingsfamilien vermietet wurden. (7)

 

In Warendorf war der Großteil der Bevölkerung katholischen Glaubens, sodass die Familie meiner Oma, die evangelisch war, zu einer Minderheit gehörte. Die evangelische Kirche war zu dieser Zeit sehr arm. Nicht nur die katholischen Jugendlichen zeigten höchste Gewaltbereitschaft Evangelischen gegenüber, sondern auch die Erwachsenen und sogar die Kirchenvertreter waren nicht gut auf die evangelischen Bürger zu sprechen. Während eines Gottesdienstes predigte ein katholischer Pastor von der Kanzel: “Hütet eure Kinder vor den evangelischen Kanalhorden!“ (7)

 

Die Rollen der Eltern waren klassisch verteilt. Die Mutter blieb den ganzen Tag zu Hause, kümmerte sich um das Haus und die Kinder, und der Vater verdiente das Geld. (21)

 

Auch war die Rollenverteilung bei den Jungen und Mädchen festgelegt. Die Mädchen mussten die weniger körperlich anstrengenden Arbeiten verrichten, z. B. Mithilfe im Haushalt, Nähen, Handarbeiten usw.

Die Jungen hingegen mussten auf dem Feld und bei sonstigen körperlich schweren Arbeiten helfen.

 

Auch eine Ausbildung wurde für die Mädchen als nicht sinnvoll angesehen. Die Jungen konnten schon einen Beruf nach eigenen Wünschen erlernen. (18)

 

 

Schule

Große Klassen und Schichtunterricht, verspätete Einschulung und verlängertes Ende der Schulausbildung kennzeichneten die schulische Situation besonders in der Stadt. Änderungen in den Unterrichtsinhalten im Zuge der Entnazifizierung werden von den Kindern in den Interviews nicht reflektiert, das Lehrerverhalten dagegen wird immer noch als sehr streng bezeichnet; auch körperliche Bestrafungen werden noch genannt, jedoch von der Schulaufsichtsbehörde nicht mehr geduldet (22).

 

 

Bevor die Kinder eingeschult wurden, waren sie in einer Spielgruppe. Einen Kindergarten, so wie heute, gab es nicht. Meine Oma wurde mit sieben Jahren in die Grundschule eingeschult. In einer Klasse gab es durchschnittlich 35 Kinder. Mädchen und Jungen wurden gemeinsam unterrichtet. Mit 15 Jahren schloss sie die Schule ab. Die Kinder wurden in den Fächern Deutsch, Mathematik, Naturkunde, Geschichte, Erdkunde, Sport, Religion, Musik und Handarbeit für Mädchen sowie Holzsägearbeiten für Jungen unterrichtet. Im Gegensatz zu der Hitlerzeit wurde wenig Wert auf Sport gelegt. Es gab Schichtunterricht mit täglich 5 bis 6 Stunden Unterricht. Eine Woche lang im Wechsel hatte die eine Hälfte der Kinder vormittags Unterricht und die andere Hälfte nachmittags.

Die Kinder saßen bis zu zwei Stunden an ihren Hausaufgaben. Diese bestanden zum einen Teil aus Auswendiglernen und zum anderen aus Rechnen und Schreiben. Für Fächer wie Erdkunde oder Geschichte mussten sie viel auswendig lernen oder Gedichte wie "Die Glocke" für Deutsch.

Damals gab es noch körperliche Züchtigung durch die Lehrer wie z. Bsp. mit einem Rohrstock in die Handfläche schlagen, an den Ohren ziehen, vor die Tür gehen, sich in die Ecke stellen oder Strafarbeiten mit Themen wie "Ich darf meine Hausaufgaben nicht vergessen" schreiben.

Die Klassenarbeiten wurden streng bewertet. Schwerpunkte wurden auf Deutsch und Mathematik gelegt. (19)

 

Die Lehrer waren alles andere als milde, wobei es unter ihnen besonders strenge und eher gutmütige gab. Ein Beispiel der ersten Kategorie stellte der Englischlehrer dar, dessen Verhalten die Schule jedoch nicht gutheißen konnte und ihn vom Dienst suspendierte. Dieser Lehrer hatte seine ganz eigene Strategie, Störenfriede los zu werden: jeder, der auf den Fluren rannte , wurde an der Haut unter dem Kinn gepackt und bekam auf jeder Seite des Gesichts eine Ohrfeige verpasst. Im Gegensatz dazu war der Lateinlehrer sehr milde gestimmt, er erlaubte den Schülern, das Wörterbuch in der Arbeit zu benutzen. Herrn W.s Meinung nach rührte diese Milde daher, dass der Lehrer im Krieg zu viele schreckliche Ereignisse miterlebt hat und nun nichts anderes wollte , als ein geruhsames Leben zu führen. (22)

 

Die Zeit in den Pausen haben sich die Schüler mit verschiedenen, heute unbekannten, Spielen vertrieben:

1.   Mit Steinen wurde zwischen Basketballständern hindurch geschossen, sehr zum Nachteil der Schuhspitzen, die dabei völlig ruiniert wurden. Mehrere Mannschaften spielten gegeneinander.

2.   Das klassische Versteckspiel

  3.   Pfennigmünzen wurden gegen eine Wand geworfen. Der, dessen Münzen der Wand am nächsten waren, bekam den Einsatz.(22)

 

 

In den Schulpausen spielten die Mädchen auf dem Schulhof Hinkepinke, Brennball, Völkerball oder sie sprangen Seilchen, also die Spiele die heute noch auf Schulhöfen gespielt werden. (10)

 

Arbeit und Freizeit

Auch die Nachkriegszeit forderte von den Kindern und Jugendlichen verstärkte Mithilfe in der Familie, beim Aufbau des zerstörten Hauses (14) wie auch besonders bei der Nahrungsmittelversorgung (15).

 

Der Wegfall der durch die Nationalsozialisten organisierten Freizeitgestaltung hinterließ keine Leerräume, die Kinder spielten wieder überwiegend im Freien mit einer großen Schar Gleichaltriger. Übereinstimmend wird auch von gemeinsamen Abenden in der Familie berichtet.

Für die Jugendlichen entwickelten sich in den fünfziger Jahren jedoch deutlich zusätzliche Freiräume. Es bestanden zwar noch strikte Regelungen für die Ausgehzeiten und Verstöße wurden hart bestraft, aber der Umfang der Freizeitaktivitäten nahm zu (Milchbar). Kino und Musik erhielten einen größeren Stellenwert. Grenzen setzten hier die beschränkten finanziellen Möglichkeiten, alle jungen Frauen gaben Lohn und Gehalt zuhause ab und bekamen nur ein kleines Taschengeld zur freien Verfügung. Der Rest wurde, nach Abzug von Kostgeld, für die Aussteuer angelegt.

 

 

Gelegentlich ging sie ins Kino. Man musste 1.- DM Eintritt zahlen, und der Saal war immer sehr gut besucht. An den Film "Maske in blau" mit Marika Rökk konnte sich meine Großmutter noch sehr gut erinnern.

Die Musikrichtung " Rock' n 'Roll" mochte meine Oma besonders gern. Ihre Lieblingssänger waren Elvis Presley und Bill Haley. (19)

 

Mit 17 Jahren ging meine Oma abends ab und zu ins Kino oder zu ihren Freundinnen. Sie musste jedoch um 21 Uhr wieder zuhause sein. Im Sommer durfte sie etwas länger draußen bleiben. Wenn sie sich verspätete, gab es Schläge oder Hausarrest. (17)

 

Während der Ausbildung bekam sie jede Woche 5 DM Taschengeld, welches ihr zur freien Verfügung stand. Strumpfhosen oder ähnliches bezahlten ihre Eltern. Das eigene Geld gab sie z.B. auf Jugendfesten aus. Für Kleidung oder Freizeitaktivitäten gab die Befragte nur wenig Geld aus. Ausgegangen wurde auch eher wenig, aber wenn von der Jugend  ein Fest gefeiert wurde, durfte sie auch bis zum Ende bleiben, wurde aber immer von einem Nachbarn mitgenommen, um so sicher nach Hause zu kommen. Gegen einen festen Freund hatten die Eltern nichts einzuwenden, aber dennoch wurde dieses Thema gerne umgangen und nicht angesprochen. (21)

 

Angefangen zu arbeiten hat Hedwig S. schon sehr früh. Sie hat immer im Haushalt und auf dem Feld mitgeholfen. Als sie 14 Jahre alt war, nach der Flucht, hat sie auf dem Hof gearbeitet, auf dem sie auch wohnte. "Es war die schlimmste Arbeit, die ich je gemacht habe" erzählt sie. Sie musste bei der Hühnerzucht täglich Hunderte tote Küken aussortieren, die nicht zum Schlachten durften. Dies tat sie vier Jahre lang, und es war nicht einfach für sie. Sie verdiente anfangs 20 Mark im Monat und später 50 Mark im Monat. Nach der Währungs-reform kaufte sie sich davon Kleidung, da sie ja nicht viel hatte nach der Flucht. Als sie 18 Jahre alt war und in das Mädchenheim zog, arbeitete sie in einer Fabrik, zu der das Mädchenheim gehörte. Dort musste sie stricken und weben. Das Geld, das sie da  verdiente, sparte sie. Sie wollte irgendwann, wenn sie genug Geld zusammen hatte, ihren Freund heiraten und mit ihm zusammen ziehen. Nach sieben Jahren Sparen war es dann soweit; sie konnte heiraten und mit ihrem Mann eine Wohnung nehmen. Das Geld reichte sogar noch für Möbel.(13)

 

Resümee

 

 

Erstaunlich ist das Beharrungsvermögen gesellschaftlicher Strukturen: Die Rollenverteilung zu Beginn der Fünfziger Jahre ist noch praktisch unverändert gegenüber derjenigen in den Zwanziger Jahren, die großen Leistungen der Frauen in der Kriegs- und Nachkriegszeit, bei Flucht und Wiederaufbau wirken sich zunächst nicht auf Rollenvorstellungen (18) und die innerfamiliäre Geschlechterbeziehung aus bzw. führen umgekehrt eher zu Konflikten (20).

 

Die abschließenden Überlegungen der Schüler/innen  bei der Auswertung der Interviews im Frühsommer 2002 machten jedoch sehr gut Prozesse sozialen Wandels sichtbar verglichen mit der heutigen Lebenssituation der Mädchen, und zwar sowohl bezogen auf die Geschlechterrolle, auf Sicherung und Ausstattung der materiellen Existenz wie auch auf Selbständigkeit und Eigeninitiative:

 

„Das waren doch andere Zeiten“

 

 

Im Verlauf des Interviews habe ich viel Erkenntnisse gewonnen, z.B. dass die Erziehung früher viel strenger war. Die Mädchen wurden in ihre klischeehaften Rollen gedrängt, sie mussten von Anfang an im Haushalt helfen und hatten weniger Freiheiten als die Jungen! Jungen hingegen wurden oft bevorzugt, sie durften mehr und hatten bessere Berufschancen.

Weiterhin merkte ich während des Interviews, wie wichtig früher die Familie war und wie groß der Familienzusammenhalt war.

Es wurde nichts als selbstverständlich angenommen. Mit dem Essen musste sehr sparsam umgegangen werden, und etwas nicht zu essen oder gar wegzuschmeißen, wäre keinem in den Sinn gekommen. (20)

 

 

Die Kindheit und Jugend in der früheren Zeit war sehr streng und alles wurde kontrolliert. Man hatte klare Aufgaben zu Hause zu erfüllen und hatte nicht so viel Freizeit wie die Jugendlichen heute. Es gab die Prügelstrafe, die auch überall eingesetzt wurde, auch wegen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel in der Schule, wenn man nur aus dem Fenster guckte. Die eigene Meinung über die Politik durfte man nicht frei äußern, ohne Angst zu haben, dass man bestraft wurde. Die Kinder/Jugendlichen wurden zu vielem gezwungen und mussten schon früh wie Erwachsene sein. Die Schule war strenger als heute und die Schüler lernten viel mehr Gedichte auswendig. Es gab nicht so viel Spielzeug wie heute. Andere Dinge wie z.B. Nahrungsmittel waren knapp. Die Leute besaßen kein Auto, sondern legten ihre Wege zu Fuß, mit dem Bus oder der Straßenbahn zurück.(16)

 

 Im Nachhinein bezeichnet meine Oma ihr Familienleben als harmonisch und friedlich und sie “möchte ihre Kindheit wirklich nicht missen“. Allerdings hat sie zusammen mit ihrer Familie auch schreckliche Zeiten der Angst und Ungewissheit erleben müssen, vor allem auch, als ihre Brüder während und nach dem Krieg in Gefangenschaft gehalten wurden. Aber die Familie hat immer zusammen gehalten, sich gegenseitig unterstützt und Mut zur Hoffnung gemacht. (14)

 

 

Damals waren die Kinder in der Freizeit viel mehr auf sich gestellt, es gab nicht so viele Freizeitangebote wie heute. Die Kinder haben sich mehr draußen in der Natur beschäftigt, haben Ballspiele gemacht oder Versteckspielen. Es gab auch weniger Möglichkeiten für Kinder, allein für sich zu spielen, da es noch keine Computer und andere moderne Spielmöglichkeiten gab. (3)

 

Ich denke, dass meine Oma ihre Kindheit wirklich als schön empfunden hat und sich gerne an ihre Jugend erinnert. Da sie 1911 geboren ist und der erste Weltkrieg von 1914‑1918 war, machte ich sie darauf aufmerksam, dass sie mir nichts über die Auswirkungen des Krieges auf ihre Kindheit erzählt hatte. Da sie in einer relativ kleinen Stadt wohnte bekam sie von den direkten Bedrohungen nichts mit. Durch ihren Garten hatten sie und ihre Familie trotz Hungers nie ernsthafte Ernährungsprobleme. Auch für die nichterwähnten bescheidenen Verhältnisse hatte sie eine Erklärung: Da sie es nie anders kennen gelernt hatte und jeder Mensch gleich wenig hatte, stellte es für sie nichts Bedrohliches dar; Einschränkungen wie fehlendes Schuhwerk, das durch Holzschuhe ersetzt werden musste, waren für ein Kind nichts besonderes. (2)

 

 

Frau Karin W. hatte trotz der Flucht am Ende des Krieges eine sehr glückliche Kindheit und Jugend. Obwohl der Krieg einen schweren Schatten über ihr Leben warf, bekam Karin nur wenig vom Nationalsozialismus mit. Außerdem empfand sie als Kind den Nationalsozialismus nicht als so bedrohlich. (12)

 

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