Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus und Krieg 1933 – 1945

 

 

 

 

Acht Großmütter und zwei Großväter sind zwischen 1923 und 1934 geboren, nahezu die Hälfte der Interviewpartner. Das unmittelbare Lebensumfeld der Kinder – Familie, Freunde, Arbeit und Freizeit, auch Schule -  erscheint in den Interviews nahezu unverändert gegenüber den 20´er Jahren; nur in drei Fällen wird vom Terror der Nationalsozialisten berichtet, der sich auch auf die Familie auswirkt (7, 8,12). So waren Väter zeitweise im Konzentrationslager.

 

Vom Krieg waren dagegen alle Familien betroffen, sei es durch Bombenalarm und -bedrohung, Lebensmittelverknappung oder dadurch, dass die Väter und Brüder zum Kriegsdienst eingezogen wurden. So brach Maria N. (8) ihre Schulausbildung in der 11. Klasse des Gymnasiums ab, um im Familienbetrieb zu helfen, nachdem die Brüder eingezogen wurden. Drei Familien mussten zu Ende des Krieges flüchten.

Fragen zur politischen Situation wurden explizit von den Schüler/innen nicht gestellt, von sich aus haben die Großeltern das  Thema „Hitlerjugend“ nur mit dem Freizeitaspekt: Fahrten und Sport angesprochen, eine ideologische Übereinstimmung mit dem NS – Regime zur damaligen Zeit wird in keinem Interview sichtbar. Mit dem Aufwachsen im Nationalsozialismus erschien dieser offenbar als selbstverständlich und wurde nicht als Bedrohung verstanden. (12) Nur einmal wird die zwangsweise – für die Familie aus wirtschaftlichen Gründen notwendige – Mitgliedschaft im BDM und später in der Partei erwähnt (8). Jedenfalls waren die entsprechenden Jahrgänge Mitglied im Jungmädelbund bzw. BDM oder Jungvolk bzw. HJ. 

Anders der Bericht der Großmutter aus Magdeburg (7); sie erlebt als junge Ehefrau politische Verfolgung und Terror in der NS – Zeit.

 

 

Familie

 

Die Rolle des Vaters war, die Familie zu beschützen und das tägliche Geld zu verdienen. Er wurde von seinen Kindern sehr verehrt. Die Mutter musste sich als Hausfrau um Ab-rechnungen und wirtschaftliche Zusammenhänge der Praxis ihres Mannes kümmern. Gleichzeitig entschied sie aber alles, was Haushalt, Kinder und Geld betraf. Die Familie meiner Oma war im Gegensatz zu anderen Familien sehr reich. Sie konnte sich vieles leisten, konnte öfter mal in Urlaub fahren, besaß Haustiere und hatte zwei Hausmädchen, die putzten, kochten und sonst sehr viel im Haushalt halfen. (12)

 

Da das Haus meiner Oma durch den Krieg vollkommen ausgebombt war, wohnte ihre Familie sowie drei weitere, fremde Personen zwei Jahre lang umsonst bei einem Bauern. Dieser hatte genug Nahrung, so dass er sie für wenig Geld an meine Oma verkaufte

In der Kriegszeit hatten alle immer ein kleines Köfferchen neben ihrem Bett stehen, das nur mit dem Nötigsten gepackt war. Wenn Fliegeralarm war, mussten sie sich schnell anziehen, ihr Köfferchen nehmen und zum nächsten Luftschutzbunker laufen. (16)

 

Wenn ihr Vater nach Hause kam und sein Butterbrot nicht gegessen hatte, stritten sie sich immer um dieses „Hasenbrot“. Oft wurde auch ein großer Topf Gemüsesuppe gekocht und dieser musste auch für eine ganze Woche reichen. Die Leute waren froh, wenn die Suppe angebrannt war, denn dann hatte sie wenigstens Geschmack. Die Bratkartoffeln wurden mit „Muckefuck“ (Kornkaffee) gebraten, denn sie hatten keine Butter, Fett, etc. Sie haben das Brot mit Maismehl gebacken, da sie im Krieg nichts anderes hatten. Oft war das Brot innen noch flüssig. Dann schnitten sie es auf, legten es auf ein Blech und backten es nochmals.

Als einmal das Essen sehr knapp war, nahm Christel R.´s Mutter ihre Puppe und ging damit zu einem Bauern. Für die Puppe bekam sie dann einige Kartoffeln. Christel R. hatte sehr an der Puppe gehangen und war sehr traurig darüber, dass sie sie abgeben musste.„Ich habe diese Puppe sehr gemocht, denn sie hatte echte Haare und ich habe extra für sie Kleidung genäht, damit wir mehr zum Essen bekamen.“ (16)

 

Schule

 

Die starke Veränderung des Schullebens während des Nationalsozialismus wird in den Berichten in Nebenbemerkungen deutlich: Abhängen der Kruzifixe in den Klassen (8), Hitlergruß zu Beginn des Unterrichts (8) oder unter den Lehrern/innen (12), Beeinträchtigungen des Religionsunterrichts (13), ideologische Schulung auch durch Kinobesuche (8), Bevorzugung von aktiven bzw. sich aktiv gebenden HJ /BDM – Mitgliedern (16). Von der ideologischen Durchdringung der Unterrichtsinhalte wird nichts berichtet. Abgesehen von diesen Bemerkungen erscheint der schulische Alltag in den Interviews im Vergleich zum vorhergehenden Zeitraum nahezu unverändert.

 

Maria besuchte die Volksschule bis zur fünften Klasse, dann riet ihr ein Lehrer eine höhere Schule zu besuchen, an der sie nach einer Aufnahmeprüfung bis zur elften Klasse (damals Obersekunda) blieb und dann die Schule abbrechen musste, da ihre Brüder zum Krieg eingezogen wurden  und sie so im Familienbetrieb arbeiten musste .        

Maria brach ihre Ausbildung nur ungern ab, da sie eine  glückliche Schulzeit hatte.

 

Damals waren die Lehrer sehr streng. Wenn man z.B. aus dem Fenster geschaut hatte, wurde sofort auf die Hand geschlagen. Den Jungen wurde mit dem Rohrstock auf das Gesäß geschlagen und den Mädchen auf die Hände. Manche Kinder haben die Hände mit Zwiebeln eingerieben, damit sie anschwollen und sie nicht mehr schreiben konnten. „Als ich einmal in der Pause mit meiner Freundin aus dem Fenster schaute, um ihr zu zeigen wo ich wohne, wurde mir sofort auf die Finger geschlagen.“

Andere Strafen waren nachsitzen, einen Satz 100 mal oder einen Zusatzaufsatz schreiben. „Wenn man seine Lehrerin am Nachmittag auf der Straße sah, musste man sofort zu ihr laufen, einen Knicks machen und ihr die Hand schütteln. Ansonsten gab es auch eine Strafarbeit.“ (16)

Am letzten Schultag vor den Ferien versammelten sich die Klassen in der Aula. Sie stellten sich klassenweise und der Größe nach auf. Dann wurde das Hitlerlied gesungen und die ganze Zeit musste die rechte Hand ausgestreckt bleiben. Sobald man sie ein Stück herunternahm, kam der Lehrer und hat sie wieder nach oben geschlagen. „Keiner wollte in die erste Reihe, da die Lehrer dort immer gesehen haben, wenn man die Hand ein Stück herunternahm. Stand man aber hinter jemanden, so konnte man seine Hand auf die Schulter des Vordermannes legen.“ (16)

Früher wurde diejenigen gemobbt, die nicht im BDM war. Die Kinder, die mit einer BDM- oder HJ - Uniform in die Schule kamen, hatten immer die besten Noten und die besten Zeugnisse. Christel R. wollte auch gerne eine BDM Uniform in der Schule tragen, aber ihre Eltern haben ihr dies nicht erlaubt. Sie durfte die Uniform nur anziehen, wenn sie zu einem Treffen des BDM ging. (16)

 

Arbeit  und Freizeit

 

Der Krieg bedeutete für alle Kinder Einschränkungen in der freien Zeit. Mithilfe im Haushalt oder Familienbetrieb wurde in größerem Maße erforderlich. Neben dem „Dienst“ in BDM und HJ, dem Pflichtjahr für Mädchen traten von der Schule organisierte Ernteeinsätze, Aktionen zum Sammeln von Kartoffelkäfern, zum Unkrautjäten, zum Sammeln für das Winterhilfswerk u.a. hinzu. Die Bedrohungen des Bombenkrieges schränkten den Freiraum der Kinder und Jugendlichen weiter gravierend ein.

 

Zu der Zeit war ihr Vater im Konzentrationslager, da er Leute, die in seinem Laden mit "Heil Hitler" grüßten, heraus warf und sich dafür einsetzte, dass die Kreuze in den Klassenzimmern nicht abgehängt wurden. So musste Maria später, damit die Familie ihren Landhandel behalten durfte, in die NSDAP eintreten. Erst als ihr Vater wieder aus dem Konzentrationslager kam und später auch ihr Bruder aus dem Krieg zurück kehrte, konnte sie den heimischen Betrieb verlassen.

Sie ging nach Bremen und arbeitete dort ein Jahr in einer Familie als Haus- und Kindermädchen. (8)

 

Am Nachmittag musste meine Oma als erstes ihre Hausaufgaben erledigen und anschließend beim Wiederaufbau des durch den Krieg zerstörten Hauses helfen.

Als Spielsachen besaß sie Puppen, einen Puppenwagen, einen Kaufladen, Rollschuhe, ein Seilchen, Bälle, viele Bücher, Malbücher und Gesellschaftsspiele.

Auf Wiesen und Feldern oder in Wäldern spielte sie mit ihren Freunden „Räuber und Gendarm“ oder sammelte Beeren. Des weiteren vertrieben sie ihre freie Zeit besonders gerne mit „Hüpfkästchen“, „Himmel und Hölle“ und „Pinnchenkloppen“. Außerdem pflückten die Mädchen Blumen und flochten sie zu einem Kranz zusammen.(14)

 

 

Nach ihrer Schulzeit war es selbstverständlich, dass meine Oma in der Gastwirtschaft, im Friseursalon und im Haushalt ihrer Mutter ohne Berufsausbildung mitarbeiten musste. Für 18 Monate ging sie mit 19 Jahren auf Wunsch ihrer Mutter in ein von Nonnen geführtes Krankenhaus, um als Küchenkraft ausgebildet zu werden (jedoch ohne Lehrvertrag und ohne Sozialversorgung). Mit 22 Jahren arbeitete sie in einem schönen großen, sehr gepflegtem und gefragtem Hotel und verdiente somit zum ersten Mal selbständig Geld. Ihr anfänglicher Lohn betrug 180 DM.

Für ihre Mutter und ihren ältesten Bruder galt es als selbstverständlich, dass sie einen Beruf ergreifen würde, mit dem sie den elterlichen Betrieb unterstützen konnte, somit kam der Wunsch meiner Oma, einen Beruf zu lernen, in dem man sich um Kinder kümmert, gar nicht erst in Frage. (14)

 

 

 

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