Kindheit
und Jugend in der Weimarer Republik 1920 - 1933

Sechs der interviewten Großmütter und ein Großvater sind geboren zwischen 1910 und 1919 und haben Kindheit und Jugend überwiegend in der Zeit der Weimarer Republik verlebt.
Die
unterschiedlichen Lebensumstände werden in den Interviews deutlich: bürgerliches
Leben in einer hessischen Kleinstadt und am Niederrhein, Leben auf dem Dorf im Münsterland
und in Siebenbürgen.
Die
Not der Zeit spiegelt sich nicht in den Interviews, die politischen Unruhen und
das Elend der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg mit Arbeitslosigkeit,
galoppierender Inflation und auch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise nach
1929 haben entweder die Familien wenig berührt bzw. sind den Kindern nicht
bewusst geworden.
Dagegen werden die emanzipatorischen Ansätze der Weimarer Republik für die Mädchen sichtbar: alle haben eine Ausbildung erhalten bzw. eine weiterführende Schulbildung und so ein eigenständiges Leben führen können. Dennoch ist die Prägung auf die Rolle als Hausfrau und Mutter überdeutlich; Anneliese (2) gibt selbstverständlich den Plan Pharmazie zu studieren auf, als sie sich verlobt. Auch die Berufswahl der anderen erfolgt im Bereich der klassischen Frauenberufe.
Familie
Prägend
für die Familiensituation war die große Kinderzahl (vier bis neun Kinder),
eine stabile, im nachhinein als harmonisch gekennzeichnete Familienstruktur mit
klarer Rollenaufteilung und geregelten familiären Abläufen.
Die
Mahlzeiten wurden im allgemeinen gemeinsam eingenommen, zeitweilig bestand ein
fester Speiseplan; der Tagesablauf unterlag teilweise festen Regeln z.B. für
das Nachhausekommen und die Zubettgehzeiten, wobei bei Regelverstoß körperliche
Strafen durchaus üblich waren.
Unter
den Eltern hatte der Vater die Vormachtsstellung, so wie es bei den meisten
Familien üblich war. Die Mutter erklärte sich mit seinen Entscheidungen immer
einverstanden, mit einem Lächeln meinte Käthe S. aber auch, ihrer Mutter sei
sowieso nichts anderes übrig geblieben als sich zu fügen. (4)
Sie
hatte Respekt vor ihrem Vater, und es gab von den Kindern keine Widerworte und
keine Diskussionen. Sie wurden mit Schlägen und Hausarrest bestraft, wenn sie
zum Beispiel zu spät nach Hause kamen. (1)
"Iss
anständig" oder "Geh gerade" waren alltägliche Ermahnungen.
Morgens, mittags, nachmittags und abends mussten alle Kinder brav am Tisch
sitzen. Wenn die Kinder aus der Schule nach Hause kamen, wartete ihre Mutter
bereits mit dem Mittagessen auf sie. Der tägliche Speiseplan richtete sich nach
den Erträgen im Garten. Durch diesen mussten sie auch in Kriegszeiten nie
Hunger leiden, da die Erträge reichlich waren.
Durch
den großen Garten hatte die Familie die Möglichkeit während des Krieges
einige Gänse zu halten, die die Kinder auf die Weide treiben mussten. Ansonsten
besaß die Familie nie Haustiere. (2)
Die
Mahlzeiten fanden immer zu bestimmten Zeiten gemeinsam statt. Es gab damals
keine besonderen Essensgewohnheiten, die Mahlzeiten waren verglichen mit heute
anspruchslos.
Lieblingsgerichte
waren Himmel und Erde, ein Gemisch von Äpfeln und Kartoffeln, Dicke Bohnen und
der sonntägliche Pudding und Kuchen. Während der Kriegszeit gab es oft Engpässe
bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln, so im „Steckrübenwinter“ 1917 und
in der Nachkriegszeit nach beiden Weltkriegen. (3)
Arbeit
und Freizeit
Die
unterschiedlichen Lebensumstände werden beim Thema Arbeit und Freizeit
besonders deutlich: Während für die Kinder auf dem Land Arbeit selbstverständlich
war und Freizeit eher ein Fremdwort, wurden dem Mädchen in der Stadt (2) während
der Zeit im Gymnasium die häuslichen Pflichten erlassen.
Ein
fester Aufgabenkatalog – geschlechtsspezifisch aufgeteilt – gehörte jedoch
in der Regel für alle Kinder dazu.
Ihre
Pflichten waren Essen machen, auf die Geschwister aufpassen, sich um die
Haustiere kümmern, also die Kühe melken , die Schweine füttern, sich um den
Hund und die Katze kümmern und eben noch andere verschiedene Arbeiten, die täglich
auf einem Hof erledigt werden müssen, wie zum Beispiel das Wäschewaschen.(4)
Von
17.00 bis 19.00 Uhr war Arbeitsstunde. Das bedeutete, dass sich die Kinder nicht
auf der Strasse aufhalten durften. Die Lehrer machten Kontrollgänge durch die
Straßen. Abends saß man dann im Kreis der Familie: Man las, spielte Karten, Mühle,
Dame oder Domino, man verrichtete Handarbeiten, z.B. Nähen Stopfen etc.
Abgesehen davon, dass es keine abendlichen Ausgehmöglichkeiten gab, war dies
auch, als Anneliese älter wurde, ein Tabuthema. (2)
Mein
Großvater hatte in seiner Jugend an den Nachmittagen die Schularbeiten zu
erledigen und die übrige Zeit zur freien Verfügung um mit den Freunden
gemeinsam zu spielen, wobei sie besonders mit Bällen spielten oder an Turngeräten
turnten; er war auch Mitglied in einem Turnverein.
Bücher
bekamen mein Großvater und seine Brüder von seinen Eltern geschenkt, die
vorwiegend erdkundliche oder geschichtliche Themen hatten, seine Lieblingsbücher
jedoch waren die vielen Bände von Karl May.
Kinobesuche
waren damals eine äußerste Seltenheit, mein Großvater kann sich nur an den
ersten Farbfilm „Die Drei von der Tankstelle“ erinnern.
Taschengeld
bekam er nicht, wie die anderen Kinder bekam er nur für Schulausflüge Geld. Für
Spielzeug wurde nur zu Festtagen wie Weihnachten Geld ausgegeben, für
ordentliche Kleidung wurde mehr ausgegeben, aber kaum etwas für Freizeitaktivitäten.
(3)
Schule
Die
Berichte über die Schulzeit variieren erwartungsgemäß zwischen Land und
Stadt. In der Volksschule auf dem Land wurden Kinder verschiedener Klassenstufen
in zum Teil sehr großen Klassen zusammen unterrichtet (1), die Landschule in
Siebenbürgen dagegen hatte einzelne Klassen pro Jahrgang (4); die Stadtkinder
hatten Gelegenheit das Gymnasium zu besuchen (2, 3). Übereinstimmend berichten
die Großeltern von strenger Disziplin und körperlichen Strafen; trotzdem sind
die Erinnerungen an die Schulzeit schön, und erstaunlicherweise hatten alle Großeltern
gute Noten!
Die
ersten drei und die letzten fünf Klassen lernten zusammen. In den ersten drei
Klassen waren circa 50 Schüler/innen und in den letzten fünf Klassen circa 80
Schüler/innen, die alle zugleich unterrichtet wurden. Während die eine Klasse
morgens unterrichtet wurde, mussten die anderen nachmittags zum Unterricht
erscheinen. Zu früheren Zeiten wurden den Schülern/ innen keine
Arbeitsgemeinschaften angeboten. Die evangelischen Schüler/innen gingen schon
um 7.00 Uhr zur Schule, die Katholiken besuchten die Kirche um 7.15 Uhr und
erschienen danach erst um 8.00 Uhr im Unterricht. Die Schule endete jeden Tag um
13.00 Uhr. (1)
Es
gab die Grundschule, welche 7 Jahre lang dauerte, danach folgte das Gymnasium,
und dann konnte man noch auf die Universität gehen. Der Großteil der Kinder
bzw. Jugendlichen hatte allerdings nur die Grundschule besucht. Aufs Gymnasium
und auf die Universität sind nur die Kinder von sehr reichen Leuten, die in der
Stadt wohnten gegangen. Egal wie klug, wenn man nicht reich war, hatte man
ungerechterweise keine Chance. Das beste Beispiel dafür ist Käthe selbst. Sie
war Klassenbeste und hat trotzdem nur die Grundschule gemacht. Danach hat sie
zwei Jahre lang eine Ausbildung als „Bewahr-Anstaltsleiterin“ gemacht. Das wäre
heute gleich zusetzten mit einer Ausbildung als Erzieherin. (4)
Es
gab keine Probleme mit der Integration einzelner Schüler. Auch die Juden, die
die Schule besuchten, wurden nicht ausgeschlossen. In den Pausen spielte man in
kleinen Gruppen. Als die Mädchen noch klein waren, gab es Spiele wie Hinkekästchen,
Seilchenspringen, Ball spielen oder fangen. Die Älteren standen in Gruppen und
unterhielten sich. Es gab einen Jungen‑ und einen Mädchenschulhof, und
auch wenn es nicht untersagt war, entsprach es nicht der Norm, auf den
anderen
Schulhof zu gehen. Am Ende der Pause musste man "antreten". Mit einem
lauten "Abteilung Los!" marschierte man mit dem Lehrer an der Spitze
in die verschiedenen Klassen. (2)