Vorbei ist auch der Hass auf Deutschland

Annette-Gymnasium: Norweger Hans Gran über menschliche Abgründe und Menschlichkeit

 

Der Norweger Hans Gran hat viel von der Welt gesehen in seinen 85 Lebensjahren: sowohl menschliche Abgründe als auch Menschlichkeit. Einen Abgrund zum Beispiel als er mit 19 Jahren die deutsche Eroberung von Norwegen miterlebte und zum ersten Mal in seinem Leben Brutalität beobachtete. „Da war für mich klar, dass ich an der Heimatfront teilnehmen wollte“, erinnert er sich heute. Die Heimatfront war der norwegische Widerstand gegen die nationalsozialistische Besetzung Norwegens von 1941 bis 1945.

Und wenn der alte, aber vitale Mann mit dem schneeweißen Haar und den blauen Augen im Kreise der Klasse 10 a des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums sitzt und ihnen von Dynamitanschlägen auf Munitionsfabriken und dem Beseitigen von Kollaborateuren berichtet, sind die Schüler erstaunt. „Ich bin überrascht, dass Herr Gran so offen ist und bei keiner Frage ausgewichen ist oder das als seine Privatsache angesehen hat“, meint die Schülerin Josephine Kummer.

Ohne Umschweife redet er über die damaligen Minister Norwegens, die mit Hitler verhandeln wollten („Feiglinge!“), den damaligen König von Norwegen, der stattdessen ins Exil nach London ging und von da aus den Widerstand unterstützte („ein starker Anführer und Vorbild“) und über seine Erlebnisse im Widerstand. Aber er redet auch über Deutschland: „Nach dem Zweiten Weltkrieg bin ich drei Jahre lang nach München zum Studieren gegangen mit einem Stipendium der Amerikaner.“ Und 1960 kehrte Gran zurück nach Deutschland als Fremdenverkehrsdirektor Norwegens für Deutschland, Österreich und die Schweiz, um Norwegen als Urlaubsziel den Deutschen schmackhaft zu machen.

Vorbei sind die Zeiten, als er in Oslo für 25 Mitglieder der Heimatfront, deren Namen er aus Sicherheitsgründen nicht kannte, verantwortlich war und jeden Tag um sein Leben fürchten musste. Vorbei ist die Zeit, als am Ende des Krieges die Lage für ihn so brenzlig wurde, dass er nach London fliehen musste. Und vorbei ist auch der Hass auf Deutschland. „Die Deutschen können stolz auf ihre Leistungen im Wiederaufbau sein. Meine schönste Erinnerung an Deutschland ist die Fußballweltmeisterschaft letztes Jahr.“

Und nachdem die Schüler sich ausgefragt haben, stellt auch er einige Fragen über tagespolitische Themen. „Weil jedes Zusammentreffen von Kulturen wichtig ist und mich die Meinungen der Schüler interessieren“, erklärt Gran. Übrigens findet dieses Treffen auch in seinem Privatleben statt: Seine Frau Christel ist Deutsche.

 

Westfälische Nachrichten, 21.05.2007

 

 

 

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