Annettes Schuca – Eine Schule gestaltet sich neu

 

Dass in einem städtischen Gebäude ein Kellerraum von ca. 80 qm renoviert wird, ist eigentlich nicht weiter bemerkenswert. Auch die dabei investierten Summen sind keineswegs gewaltig: Bei öffentlich beachteten Baumaßnahmen geht es meistens um andere Beträge als dreißig- oder vierzigtausend DM.

Für das Annette-Gymnasium ist die Verwandlung des Raumes 005 dennoch ein besonders wichtiger Vorgang geworden: Wegen des erreichten Zieles – der Einrichtung einer Schulcafeteria - , aber mindestens ebenso wegen der Erfahrungen auf dem Weg dahin, die für weitere Schritte zur "Schule als Lebensraum" Mut machen.

Am Anfang standen die Projekttage im März 1997. Eine Gruppe von Schülern setzte sich gemeinsam mit ihrem Lehrer, Herrn Gebauer, das Ziel, eine Woche lang ein Pausencafé einzurichten und zu betreiben. Anstelle der Verkäuferin, die sonst täglich im Auftrag eines Bäckereibetriebes mit einem Brötchensortiment in die Schule kam, wollten sie auf eigene Rechnung einen Pausenverkauf von Lebensmitteln organisieren. Dabei sollte das bisherige Angebot um weitere gesunde Produkte wie Obst, Müsliriegel und Getränke ergänzt und die Preiskalkulation möglichst abnehmerfreundlich sein.

Die Erfahrungen der Projektwoche bestätigten, dass durchaus ein Bedarf an einer solchen Einrichtung bestand: Ein Teil der Schüler kam ohne ein vorbereitetes Pausenfrühstück in die Schule, andere deckten ihren Bedarf an Pausenleckereien durch Kurzausflüge in die benachbarten Supermärkte und Kioske, und was in den Pausen verzehrt wurde, entsprach nicht immer den Standards einer halbwegs gesunden Ernährung.

Außerdem fehlte es ganz offensichtlich an Möglichkeiten, seine Freistunden – das betraf vor allem die Oberstufenschüler - oder die Zeit zwischen dem Unterrichtsende und nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften einigermaßen angenehm in der Schule zu verbringen. Die vorhandenen Aufenthaltsbereiche (alter Oberstufenraum, Kellerflure, eine Ecke vor der Aula) waren für die Schüler wenig einladend, und die Übermittagbetreuung, die etwa zeitgleich aufgebaut wurde, war ein Angebot nur für die jüngsten Schüler.

Dennoch schien die Fortführung der "Pausencafeteria" an dem Raumproblem scheitern zu müssen. Das Annette-Gymnasium verfügt aufgrund seiner gleichmäßig hohen Schülerzahlen über keinerlei Raumreserven; andererseits durfte die während der Projektwoche genutzte Fläche in der Pausenhalle aus Sicherheitsgründen (Fluchtwege, Bewegungsflächen) nicht auf Dauer zugestellt werden. Es mussten andere Lösungen gefunden werden.

Neue Anstöße, das Problem wieder engagierter zu bearbeiten, kamen dann um die Jahreswende 1997/98 von der Schülervertretung: Könnte man nicht den Kellerraum 005, der doch nur gelegentlich bei völlig überanspruchter Raumkapazität mit Kursen belegt wurde, für einen provisorischen Schulkiosk nutzen? Zumindest ein Probelauf sollte in den letzten anderthalb Monaten des Schuljahres organisiert werden!

Das Anliegen wurde in der Schulkonferenz vom 10.3.1998 im Zusammenhang einer grundsätzlichen Diskussion über die bauliche Gestaltung und Ausstattung der Schule aufgegriffen und von allen Gruppen positiv bewertet. Zur genaueren Abklärung der Perspektiven wurde eine Arbeitsgruppe "Innengestaltung" eingerichtet, die sich vorrangig mit der Einrichtung einer Cafeteria befassen wollte. Auch die Schulkonferenz votierte für eine Nutzung des Raumes 005.

Mehr als ein Provisorium, das war allen Beteiligten klar, stand dafür im Keller tatsächlich nicht zur Verfügung: Risse zogen sich durch den Putz, ein Teil der Außenwand war von Feuchtigkeit durchzogen, Deckenplatten standen kurz vor dem Absturz. Kaltes Neonlicht fiel aus ramponierten Deckenleuchten und die Akustik war grauenhaft. Aber mochte der Raum auch wenig einladend sein, so gab es doch bald einen Stamm von Schülern, die den Kiosk in Raum 005 betreiben wollten!

Bereits bei der ersten Sitzung der schulinternen Arbeitsgruppe "Innengestaltung" (Mai 1998) wurden konkrete Schritte zur Verbesserung der Situation benannt: Durch Eigenleistung von Lehrern, Schülern und Eltern, unter Nutzung von Mitteln des in Eigenverantwortung der Schule verwalteten Etats für "Kleininstandsetzungen" und mit Hilfe des Fördervereins, der seine Bereitschaft zur Hilfe zugesagt hatte, sollten die gröbsten baulichen Mängel beseitigt werden. Dass man zusätzlich auf die Hilfe des Hochbauamtes angewiesen sein würde, war allen Beteiligten klar. Die Summen, über die jetzt gesprochen wurde, lagen im Bereich einiger Tausend DM.

 

 

Währenddessen arbeitete das Cafeteria-Team bereits erfolgreich. Allerdings wurde bald deutlich, dass die bisherige rein ehrenamtliche Organisation nicht auf Dauer durchgehalten werden konnte. Auf der ersten Schulpflegschaftssitzung zu Beginn des neuen Schuljahres wurde deshalb angeregt, den Förderverein als Träger einzusetzen, der dann auch eine externe Kraft für die Betreuung der Cafeteria einstellten könnte.

Nachdem die Zustimmung der Stadt eingeholt und die rechtlichen Bedingungen wie Gemeinnützigkeit und Steuerbefreiung eines Zweckbetriebes geklärt worden waren, wurden in Abstimmung mit der Schulkonferenz die Rahmenbedingungen des Arbeitsvertrages festgelegt, unter dem zum 1.12.98 eine Studentin als Hilfskraft eingestellt wurde.

Je konkreter man den Betrieb plante, desto deutlicher wurde auch, dass die notwendigen baulichen Veränderungen und die Ausstattung der Cafeteria den bisher vorgestellten Rahmen bei weitem sprengten. Hier musste Grundsätzliches geschehen, und das würde teurer, als die der Schule verfügbaren Mittel es erlaubten.

Ein Besuch der zuständigen Dezernentin, bei dem Frau Boldt im August 1998 auch ein längeres Gespräch mit der Schülervertretung führte, brachte eine Wende. Zum einen eröffnete sich dem Annette-Gymnasium die Chance, in ein laufendes Programm zur Ausstattung von Schulen einzusteigen, das mit Landesmitteln auch Förder- und Betreuungsangebote unterstützt. Zum anderen stellte Frau Boldt über die Pädagogische Arbeitsstelle des Schulamtes den Kontakt zu Frau Kreysern von der "Akademie für Gestaltung im Handwerk" her, die in regelmäßiger Abstimmung mit Lehrern, Eltern und Schülern ein Nutzungskonzept und einen daran orientierten Gestaltungsvorschlag entwickelte. Dabei wurden die jeweils nächsten Schritte der Erneuerung stets mit den direkt Betroffenen besprochen, so dass praxisorientierte Entwürfe des Thekenbereichs und der übrigen Innengestaltung entstanden.

Zur Sicherung der baulichen Voraussetzungen (Wandsanierung, Elektro- und Wasserinstallationen) wurde das Hochbauamt um Unterstützung gebeten. Eine genaue Aufnahme der erforderlichen Arbeiten brachte dann allerdings im Dezember 1998 eine deutliche Ernüchterung: Über 20000 DM würde es kosten, den Raum für den Cafeteriabetrieb vorzubereiten. Das war deutlich mehr Geld, als der Schule einschließlich der Sondermittel für diesen Zweck zur Verfügung stand. Mit Hilfe der zuständigen Sachbearbeiter im Hochbauamt und im Schulamt gelang es dann aber, die notwendigen Instandhaltungs- und Umbauarbeiten kostengünstig zu planen und so aufzuteilen, dass zumindest mittelfristig sowieso unvermeidbare Maßnahmen jetzt vorgezogen wurden. Außerdem profitierte die Schule von einem zusätzlich aufgelegten Förderprogramm "Wir machen unsere Schule fit"; die daraus verfügbaren Mittel deckten die Umbauarbeiten, die neben den vom Hochbauamt übernommenen Sanierungen von der Schule zu tragen waren.

Trotz der Bereitschaft der städtischen Mitarbeiter auch zu schnellen und unkonventionellen Entscheidungen hätten die Mittel nicht gereicht, diesen Raum so zu gestalten, wie er sich jetzt darstellt. Aber immer wieder fanden sich auch Eltern, Schüler und Lehrer, die ihrerseits zur Verwirklichung des Projekts beitragen konnten: Eine Schülermutter stellte den Kontakt zu einem großen Unternehmen der Holzbranche her, das dann kostenlos die Arbeitsplatten der Theke lieferte, ein Abiturjahrgang spendete ein Clubtelefon, Lehrer demontierten einen etwas schäbigen Hängeschrank der alten Schulküche, die Stadtschreinerei überarbeite dieses Möbel und auch die großen Arbeitstische, die verkratzt und mit zersplitterter Oberfläche im Keller gestanden hatten, Schüler ölten und wachsten diese Tische und schleppten schwitzend Schränke und das in ihnen gelagerte Büromaterial aus der künftigen Cafeteria in entlegene Räume. Fachkundige Eltern klärten die Wandgestaltung, beschafften Farbe und Werkzeug, der Hausmeister montierte ein Trägersystem für Wechselausstellungen, das wiederum ein Vater beschafft hatte, und auch für die abschließenden Malerarbeiten fand sich jemand mit Liebe zu intensivem Gelb.

Solche Leistungen sind schwer zu kalkulieren, insgesamt machten sie jedoch sicher ein Viertel der Gesamtkosten aus. Aber wichtiger noch war diese Erfahrung einer intensiven und erfolgreichen Zusammenarbeit nicht nur der am Annette-Gymnasium unmittelbar beteiligten Eltern, Lehrer und Schüler, sondern auch der zuständigen städtischen Ämter und nicht zuletzt der professionellen Helfer. Alle Beteiligten erlebten ganz konkret, wie ein "Lebensraum" entstand, der weder raumplanmäßig noch finanziell vorgesehen war oder auch nur möglich erschien.

Diese Erfahrung hat inzwischen auch schon Konsequenzen über diesen Raum hinaus gehabt. Dass eine Schule ihre Räume insgesamt gestalten kann, dass man eine Idee braucht, von der aus mit langem Atem nicht nur einzelne Räume, sondern ein ganzes Gebäude zum "Lebensraum" wird, wurde im Verlauf der gemeinsamen Arbeit vorstellbar. Man sah die Schule mit anderen, kritischeren Augen, sah die Mängel und Defekte, die ein Gebäude nach vierzig Jahren intensiver Nutzung nun einmal hat und die man so oder so reparieren kann: Ad hoc, wie es gerade notwendig ist, oder im Rahmen eines mittelfristigen gestalterischen Konzepts, über das man sich zuvor verständigt hat.

Innerhalb der Schule besteht inzwischen Einverständnis: Von der Cafeteria ausgehend sollen weitere Bereiche umgestaltet werden: Der Kellerflur mit seinem "Schlachthaus-Charme" zu einem Aufenthaltsbereich mit Ausstellungsflächen, die etwas antiquarische Schülerbücherei zu einem attraktiven Lesezimmer, ein Lagerkeller zu einem gut ausgestatteten SV-Raum, in dem die Schülervertreter motiviert auch über die weitere Gestaltung ihrer Schule diskutieren können. Und diese ersten Beispiele betreffen nur diesen Keller, von dem ausgehend eine ganze Menge an Räumen und Fläche auf solche Veränderungen wartet. Dass dabei auch wieder Eigeninitiative der Schüler, Lehrer und Eltern zum Tragen kommt, steht eigentlich außer Frage. Der Förderverein hat jedenfalls schon begonnen, Projektsponsoren zu werben!

Und noch etwas hat sich bereits verändert. Durch die Initiative eines Architekten und Schülervaters ist eine von ihm betreute Arbeitsgemeinschaft "Wohnen und Gestalten" entstanden, die sich seit einigen Wochen damit beschäftigt, was eigentlich die Qualität des eigenen Wohn- und Lebensumfeldes ausmacht. Dort überlegen Oberstufenschüler z.B., wann ihr Zimmer zu Hause eigentlich "schön" ist und wie sie es in einen solchen Zustand versetzen können, aber auch, was eine "gute Schule" in dieser Hinsicht ausmacht und wie man das Annette-Gymnasium weiter dahin bringen kann. Auch praktische Übungen sind vorgesehen.

Ein Kellerraum von 80 qm wurde renoviert. Aber bei dieser Gelegenheit kam einiges in Bewegung. Dafür bedankt die Schule sich bei allen, die mit anfassten.

 

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