Werte, Normen und Menschenrechte

Podiumsdiskussion zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ in Auschwitz

„Vergebung - das Wort spielt eine große Rolle im Judentum. Es gibt aber Taten wie Mord, die nicht verziehen werden. Vor allem muss ich Vergebung vom Menschen bekommen, nicht von Gott.”

Mit dieser Erläuterung beteiligte sich Efraim Yehoud-Desel von der Jüdischen Gemeinde Münster an der Podiumsdiskussion, zu der aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz ins Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium eingeladen worden war. „Ist uns gesagt, was gut ist?” hatten die Schüler der Jahrgangsstufe 11 vorab in ihrem Religions-, Philosophie-, Sozialwissenschafts- oder Geschichtskurs gefragt, um gestern schließlich die Diskussionsteilnehmer mit Themen wie Werte, Normen und Menschenrechte zu konfrontieren.

„Menschenrechte müssen über die Vernunft begreifbar sein”, meinte Dr. Thomas Sternberg vom Franz-Hitze-Haus, auch wenn man sich auf jeden Fall von dem, was in Auschwitz passiert ist, erschüttern lassen sollte. Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität seien aber noch keine Garanten für eine menschliche Gesellschaft.

„Auch die Ausübung von Religionen sagt nichts über die Geltung von Menschenrechten.” Eine Meinung, der sich Yehoud-Desel anschloss: „Die Bibel lehrt uns Respekt voreinander. Jeder kann etwas aus ihr lernen. Man muss nicht gläubig sein.”

Antje von Ungern-Sternberg vom Institut für Öffentliches Recht der Uni, beleuchtete das Thema Normen aus juristischer Sicht, während die Schüler Julius Osthues und Rabanus Mitterecker vom Austausch mit Polen berichteten und von ihrem Besuch im KZ Auschwitz, „dem schrecklichsten Platz der Welt”.

Bilder vom Völkermord in Ruanda, Fotos von gequälten Gefangenen in irakischen Gefängnissen begleiteten die Veranstaltung, in die Schuldirektor Dr. Arnold Hermans mit der Erinnerung an den jüngsten NPD-Eklat im sächsischen Landtag eingeführt hatte.

Münstersche Zeitung, 28.01.2005

Was sichert die Menschenrechte? 

Es war eine klare und unmissverständliche Botschaft, die aufrüttelte: Wir dürfen nie aufhören, uns mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Nur so können wir für die Gegenwart lernen, unterstrich Dr. Arnold Hermans, Schulleiter des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums.

Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dem 27. Januar, lud das Gymnasium zu einer Podiumsdiskussion in die Aula der Schule ein. Unter der Fragestellung „Ist uns gesagt, was gut ist?“ erörterten die Diskussionsteilnehmer die Möglichkeiten der Begründung und aktiven Sicherung von Menschenrechten in einer pluralistischen und multikulturellen Welt.

Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, Leiter der Akademie Franz-Hitze-Haus, verdeutlichte, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität unter allen Menschen zu den Grundwerten zu zählen seien. Die christliche Religion habe seiner Auffassung nach einen entschiedenen Beitrag zur Humanisierung geleistet.

Efraim Yehoud-Desel von der jüdischen Gemeinde Münster veranschaulichte, dass die 613 Gebote und Verbote der Thora die Grundlage für einen Wertekatalog darstellten. Aus diesen 613 Geboten und Verboten ließen sich zwei Tugenden ableiten: Ehre und Respekt. Sie sollen laut Efraim Yehoud-Desel die Leitlinien menschlichen Handelns bilden.
Antje von Ungern-Sternberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Öffentliches Recht der Uni Münster, vertrat die Auffassung, dass Werte aus juristischer Sicht nur in einem gerechten Staat mit einer Demokratie zur Entfaltung kommen könnten. Bernd Horstmann von Amnesty International Münster forderte eine grundsätzliche Geltung und Achtung der Menschenrechte weltweit. Franz Langenkamp, Mitglied der islamischen Religionsgemeinschaft, forderte vor dem Hintergrund des Korans eine Reinigung des menschlichen Herzens.

Inhaltlich vorbereitet wurde die Veranstaltung von Schülern der Jahrgangstufe 11. Sie hatten sich im Geschichts-, Philosophie- und Religionsunterricht mit dem Thema Werte und Menschenrechte auseinandergesetzt.

WN, 27.01.2005

 

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