Lyriker liest vor Leistungskursen

Alliterationen spielten keine besondere Rolle im lyrischen Werk des Wieners Oswald Egger, der im Rahmen des Münsteraner Lyriker-Treffens im Annette-Gymnasium vor den beiden Leistungskursen Deutsch der Jahrgangsstufe 12 aus seiner „Herde der Rede“ las.

Überhaupt entzog sein „Poem“ sich zunächst den gewohnten Vorstellungen eines Gedichts und dem unmittelbaren Zugriff der Zuhörer:

Ich schlafe, drehe mich zur Rede, aber horch, meine

Wörter wachsen. Da ist die Stimme deiner Hand,

die anklopft, tue auf. Eine Flut kommt von Ereignissen,

wie die Mär weißgischt und Ähren aus dem Moiré

der Beeren und Muren, und ein Takel-Kahn werdere 

anlegen bloß-Kasten, unverttraut, uind forttreiben nach

vierzig Tagen Nachen, wo Vögel list-nicht widerkehren,

nicht mehr bleiben, sich sammeln überland vom Flügel-

schatten ihres Fluges, und die Raben, und Tauben.“

 

Beeindruckend war dann aber, wie die anfängliche Distanz und Fremdheit angesichts solcher Texte in einem langen und intensiven Gespräch zwischen den Schülern und dem Autor schwanden. Ausgehend von einem programmatischen Interesse an der Sprache – vor aller in ihr vermittelten Wirklichkeit – konnte Egger seinen Zuhörer nachvollziehbar machen, dass es ihm um die Rekonstruktion von sprachlichen Möglichkeiten geht, die in der Gebrauchssprache des Alltags verschüttet sind.

Das Gespräch mit dem Dichter hatte die Stimmung verändert, als Egger dann weitere, z.T. bisher unveröffentlichte Texte vortrug. Die waren ebenso „schwierig“ wie die eingangs gelesenen, aber seine Zuhörer hatten neue Zugänge zu dieser Sprache gefunden, die sich von den im Deutschunterricht zumeist geübten systematischen Analyseverfahren unterschieden.

Auch Egger selbst, für den das die überhaupt erste Lesung in einer Schule war, zeigte sich von dem Vormittag im Annette-Gymnasium angetan: Solche Gelegenheiten, im unmittelbaren Kontakt mit jungen Erwachsenen seine Werke zu präsentieren, werde er in Zukunft auch in Wien gezielt suchen.

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