Viele Kleckse führen zum Ziel

 

Gefühlvoll gleitet der Pinsel über das chinesische Graspapier. Es entstehen lauter kleine schwarze Kleckse. Jetzt noch ein bisschen mehr Druck ausüben und dann ganz locker ausschwingen. Das klingt doch ganz einfach. Ist es das aber auch?

 

14 Schüler der Jahrgangsstufe elf des Annette-von- Droste-Hülshoff-Gymnasiums versuchen sich eineinhalb Stunden lang in chinesischer Kalligraphie. Es handelt sich dabei um eine Exkursion im Rahmen des Unterrichtsfachs Chinesisch. Zwar wurde schon in der Schule mit Kugelschreiber oder Bleistift die asiatische Schriftkunst geübt, doch mit echter Tusche und Haarpinseln stellt sich ein völlig neues Gefühl ein.

 

Es ist allerdings auch um einiges schwieriger. „Warum kann ich die Symbole nicht einfach malen. Das geht doch viel einfacher“, zeigt sich Melanie Breforth leicht verzweifelt. Doch davon will die münstersche Künstlerin Brunhilde Menting nichts hören. Sie gibt den Schülern im Institut für Sinologie und Ostasienkunde einen Schnupperkursus und achtet auf Genauigkeit. „Der Pinsel muss senkrecht gehalten werden, damit die Energie hinein fließen kann“, erklärt sie. Am besten wird im Stehen kalligraphiert, doch dafür sind die Schüler noch zu unsicher.

 

Drei Plätze weiter reibt ein Schüler kräftig einen Tuschestein. Diese sind meistens aus Kiefernholz- oder Rapsölruß und reich verziert. „Das Reiben dient auch zur Meditation“, erklärt Mensing. Einige Schüler müssen unwillkürlich grinsen. „Fühlst du schon die meditative Wirkung?“, geht das Geflüster durch die Reihen. Doch eigentlich nehmen die Schüler das Kalligraphieren sehr ernst.

 

Die Idee zu der Aktion kam auch von ihnen, erklärt Fachlehrer Dr. Martin Kittlaus. Nach dem Motto: „Wenn schon Chinesisch, dann auch richtig.“ wollten sie es den Muttersprachlern nachmachen und sich nicht mehr mit Zeitungspapier und klecksenden Kugelschreiberminen zufrieden geben.

 

Jedes Zeichen steht für eine Silbe. Geübt wird das „Qi „ es steht für Lebensenergie. Pinsel aufsetzen, kurz in die falsche Richtung ziehen, dann mit Druck den Pinsel nach unten führen und schließlich weich auslaufen lassen. Fertig ist der erste von elf Schritten zur Erstellung einer einzigen Silbe. „Um richtig kalligraphieren zu können, braucht man viele Jahre Übung“, sagt Menting. Ausdauer ist also angesagt. Und Disziplin. Bei der Kalligraphie ist es nämlich wie mit der Handschrift: Verrutscht ein Strich oder wird ein Tupfen zu dick, werden die Zeichen immer unleserlicher.

Die Schüler sind zufrieden mit ihren Ergebnissen, wenn sie auch in über einer Stunde gerade mal eine Silbe geschrieben haben.

MZ 19. 02. 2004

 

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