"Mit Schottenhemd und Lederhose gegen das Hakenkreuz"

Jugendprotest im "Dritten Reich"

Vortrag von Prof. Kenkmann im Annette -Gymnasium

Im Rahmen der Ausstellung über die Jugendkonzentrationslager Moringen und Uckermark im Annette-Gymnasium hielt Prof. Dr. Kenkmann, Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel, einen Vortrag über Widerstand und oppositionelle Strömungen in der Jugend während der NS-Zeit.

Im Zentrum seines Referats standen Ergebnisse seiner Forschungen zu den sogenannten Edelweißpiraten. Unter diesem Namen wurden von den nationalsozialistischen Behörden verschiedene, organisatorisch nicht miteinander verbundene, Cliquen zusammengefasst, die sich außerhalb der Hitler-Jugend in ihrer Freizeit zusammenfanden und sich deutlich durch ihre Kleidung (Schottenhemd, kurze Lederhose, weiße Kniestrümpfe, Schaftstiefel und besondere Gürtelschnallen) von der organisierten NS-Jugend abhoben. Sie trafen sich in den Städten an markanten Plätzen, missachteten das Verbot, außerhalb der HJ auf Fahrt zu gehen, sangen verbotene Lieder, bildeten gemischtgeschlechtliche Gruppen und hielten sich so nicht an die staatlich verordnete Geschlechtertrennung.

Die NS-Behörden reagierten auf diese jugendliche Subkultur mit wachsender staatlicher Kontrolle und Überwachung, mit Verordnungen und Richtlinien zur Bekämpfung jugendlicher Cliquen, die drastische Strafen bis zur Einweisung in ein Jugendkonzentrationslager zur Folge haben konnten. Wo politischer Widerstand vermutet oder nachgewiesen wurde, ermittelte die Gestapo wegen Landes- und Hochverrates. In diesen Fällen schreckte man selbst vor Todesstrafen gegen Minderjährige nicht zurück.

Grundlage der Verfahren war jedoch in der Regel der Vorwurf, das Verbot der Bündischen Jugend von 1936 übertreten zu haben oder kriminell veranlagt und verwahrlost zu sein. Beides, so Prof. Kenkmann, sei nachweislich falsch. Sowohl die soziale Herkunft der Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu der industriellen Großstädte als auch ihre Verankerung  in intakten Familien und geregelter Arbeit machten deutlich, dass die Vorwürfe nur Vorwand gewesen seien. Außerdem unterschieden sich Edelweißpiraten und Bündische deutlich in ihrem Freizeitverhalten und Selbstverständnis.

Im letzten Teil seines Vortrages ging Prof. Kenkmann noch einmal auf die Motive des oppositionellen Verhaltens der "wilden" Jugendcliquen ein. Die Forschungen, vor allem auch unter Einbeziehung der Zeit nach dem Ende der NS-Diktatur, zeigten, dass bewusster politischer Widerstand zwar vorhanden, aber im Ganzen eher die Ausnahme gewesen sei. Den meisten Jugendlichen sei es darum gegangen, sich Freiräume zu schaffen, ihre eigene Jugendkultur, Individualität und Wertvorstellungen von Männlichkeit auszuleben. Resistent gegen den NS-Staat seien sie vor allem auch deswegen gewesen, weil sie jegliche staatliche Autorität ablehnten. Das habe nach 1945 nicht selten dazu geführt, dass sich ihre Aktivität nun gegen die neue staatliche Autorität der Besatzungsmächte richtete und einige sogar ins nationalistische Lager wechselten.

Die zahlreichen Zuhörer dankten Prof. Kenkmann die spannende Lehrstunde mit großer Aufmerksamkeit und vielen Fragen.

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