„Wer seid ihr eigentlich?”

Annette-Schüler und Makif-Schüler näherten sich an — Israel-Ausstellung

 

Zehn Schüler des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums wollten es wissen: „Wer seid ihr eigentlich?” Die Frage war an Israel gerichtet. Genauer an israelische Jugendliche, die genau dieselbe Frage an die Deutschen hatten.

In den Osterferien waren die Jugendlichen der Makif High School aus Münsters Partnerstadt Rishon Le Zion zu Gast in der Domstadt, in den Herbstferien startete der Gegenbesuch der Annette-Schüler. Im Vorfeld wurden Fragen gestellt. Befürchtungen, Vorurteile, Kenntnisse und Erwartungen wurden formuliert und an die jeweils andere Partei übergeben. So gab es auf Seiten der Israelis einigen Klärungsbedarf bezüglich Wetter, Aussehen, Radfahren und der deutschen Gründlichkeit.

Auch die Annette-Schüler hatten viele Fragen, als sie nach Israel aufbrachen. Zusammen mit ihrem Lehrer Christoph Schmidt-Ehmcke machten sie sich in ein fremdes Land auf. Vorurteile und Ängste waren bald ausgeräumt. Aus dem Foto-Meer haben die Schüler nun eine kleine Ausstellung erstellt. „Israel 2006 - wer seid ihr?” stellt Kontraste, Schönheiten und auch Zwiespalt dar. Zudem gibt es eine Power-Point-Präsentation, bei der die Schüler die einzelnen Fragen bearbeitet haben. Die israelische Version wird der deutschen noch zugefügt.

Es war ein sehr positiver Besuch und der Kontakt wird rege gehalten. „Die freundlichen Reaktionen sind mir besonders in Erinnerung geblieben”, so Jan Frenking. An die Einstellung zum Militär hätten sich alle dagegen erst gewöhnen müssen.

Münstersche Zeitung, 07.11.2006

 

 

Israel 2006

Austausch Annette-Gymnasium, Münster, und Makif H High School, Rishon Le Zion,

in Verbindung mit dem Ev. Jugendpfarramt

 30. September 2006 bis 14. Oktober 2006

 

Israel nach dem Libanonkrieg besuchen – das war eine schwere Entscheidung für alle Beteiligten, vor allem für die Eltern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Nach einem sehr emotionalen Elternabend sagten einige denn auch ab, andere aber wurden neu dazu gewonnen, so dass die Reise mit zehn jungen Leuten schließlich doch stattfinden konnte.

 

Schon am Abend nach der Ankunft in Jerusalem konnte man das Erstaunen in der Gruppe spüren – alles schien anders als befürchtet. Von Gefahr keine Spur, von der noch ungewohnten Präsenz von Polizei und Militär in der Altstadt Jerusalems, in der wir wohnten, abgesehen. Der höchste Feiertag der Juden, der Versöhnungstag, stand vor der Tür, gleichzeitig begann der muslimische Ramadan - dies führte zu einer erhöhten Vorsicht bei den Sicherheitskräften. Tage später ließen sich vor allem die Jungen der Gruppe gern mit Soldaten fotografieren – die Anziehungskraft des Gefürchteten in all seiner Ambivalenz.

 

Die „Kleiderfrage“ – Was sollen wir anziehen in dieser arabischen Umgebung? – führte zum ersten Nachdenken über die unterschiedlichen Kulturen, zur Einübung des Sehens mit den Augen der Fremden. Unsere Devise hieß: „zurückhaltend“, was von der Gruppe auch mit Einsicht eingehalten wurde. Beim Besuch heiliger Stätten wurden einige, auch Jungen, trotzdem noch von den Wächtern nicht akzeptiert und mit zusätzlichem Stoff verhüllt – so lernte man den anderen Blick.

 

Für die einzelnen Besichtigungen hatten wir eigene „Reiseführer“ – die Grundinforma-tionen über Jerusalem, die Altstadt von der Stadtmauer aus, über die Via dolorosa und die Grabeskirche, den Teich Bethesda, den Garten Gethsemane und den Ölberg wurden von einzelnen Gruppenmitgliedern eingebracht. Nur beim spontanen Besuch von Bethlehem nutzten wir die Kenntnisse eines einheimischen Führers, dies auch, weil wir mit eigenen Augen erleben konnten, dass es praktisch keine Touristen im Geburtsort Jesu gab. Wir blieben die Einzigen in der Geburtskirche. Am Beginn der Fahrt von Ostjerusalem aus hatten wir wiederum ein sensibles religiös-kulturelles Problem zu lösen: Durften wir essen und trinken im Ramadan? Wir holten uns die Erlaubnis von den Einwohnern.

 

So lag der Schwerpunkt der Begegnung mit Jerusalem auf dem Suche nach den Spuren des Lebens Jesu, wobei ich versuchte, den phantasievollen Blick durch den gegenwärtigen Horizont einzuüben: Denkt Euch dies und jenes hier einmal weg. Stellt Euch vor, hier drüben stehen einige einfache Häuser... usw. Die Zeit vor zweitausend Jahren sollte imaginiert werden.

 

Eng verbunden damit war natürlich auch eine Einführung in das Judentum – mit dem sichtbaren, in Gestalt der orthodoxen, meist aus Mea Schearim kommenden osteuropäisch gekleideten Juden, die eilenden Schrittes zur Klagemauer strebten – denn der Messias duldet keinen Müßiggang – und dem historisch fassbaren mit dem Tempelberg. Ich zeigte der Gruppe die Reste der Festung Antonia mit den in die alte Römerstraße eingeritzten Mühlespielen, und wir gingen den Tunnel neben der Tempelmauer entlang. Wir sahen uns die so kleine Davidstadt auf dem terrassierten Ophelhügel an, zumindest ein kleines, von den Archäologen freigelegtes Stück, und als abenteuerliche Herausforderung, durchliefen wir die unterirdische Gihonquelle, nur mit einer einzigen Taschenlampe ausgeleuchtet, händehaltend gebückt, vorwärts gezogen, über Unebenheiten im Wasser stolpernd. Und wir feierten gemeinsam mit unseren Austauschschülern das Laubhüttenfest, mit einem liturgischen, natürlich aber hebräisch gesprochenen Anfang. In ihrem Moschaw hatte eine der beiden leitenden Lehrerinnen eine große Laubhütte im Garten ihres Hauses für ihre vielen Gäste errichtet. Ihr Ehemann erläuterte nach der Liturgie die Bedeutung der Palmenzweige und Früchte als Symbole für Menschentypen zwischen „riecht gut und schmeckt gut“ und „hat weder Farbe noch Frucht“.

 

Die arabisch-muslimische Welt erlebte die Gruppe durch den oft mehrmals täglichen Gang durch das Viertel der Altstadt Jerusalems, durch den Ruf des Muezzins – ein Minarett steht direkt vor unserem Wohnort, dem Österreichischen Hospiz –, durch Einkäufe mit ersten Feilscherfahrungen, durch kleine Gespräche beim Essen im arabischen Restaurant, durch Beobachtungen und Erlebnisse wie diese:

 

Im Angesicht einer Militärpatrouille stieß ein Palästinenser eine am Boden liegende Coladose in Richtung der Soldaten – wie war das gemeint? Zufall oder kleiner Protest gegen die Besatzungsmacht? Auch diese kleine Szene wurde zur Einladung eines Perspektivwechsels: Wie erlebt man als alteingesessener Araber in seinem Viertel die machtvolle Präsenz israelischer Soldaten – als ständige Kränkung?  - In einer Wanderpause saßen wir in Ostjerusalem auf einer Mauer, als sich vor unseren Augen ein heftiger Streit unter Jungen entspann. Ein Junge wurde massiv angegangen und lag dann auf dem Gehweg und weinte. Die alte Männer neben uns taten nichts. Die überlegenen Jungen saßen zufrieden auf einer Parkbank und taten nichts. Und der Junge hörte nicht auf zu weinen. Wir fragten uns: Ist das Erziehung zur Männlichkeit? Ist ein Unterlegener uninteressant?  Ist die arabische Gesellschaft ebenso, wenn auch mit anderen Mitteln, militant?

 

Und selbst ein besonderer christlicher Lebensversuch blieb uns nicht verborgen: Wir besuchten nach unserer frühmorgendlichen Ankunft einen Gottesdienst in der ältesten protestantischen Kirche im Nahen Osten, der Christ Church. Sie hat an ihrem Altar sowohl  das Kreuz als auch den Davidstern angebracht, Zeichen für das Bestreben, beide Religionen ganz eng miteinander zu verbinden, fast Judenchristen zu sein. Darüber hinaus feiert sie ihre Gottesdienst pfingstlich charismatisch – ebenfalls eine völlig neue, die Gruppe seltsam berührende Erfahrung.   

 

Die Austauschschüler hatten es sich nicht nehmen lassen, uns schon am Flughafen in Tel Aviv, frühmorgens um 4.00 Uhr, zu begrüßen. Nach vier Tagen Jerusalem fuhren wir nun zu unserer Partnerstadt, und trafen sie in ihrer Schule, die am selben Tag für eine Woche Sukkot-Ferien ihre Türen schloss. Es blieb noch Zeit für ein Interview in der schuleigenen Radiostation, und für einen längeren Blick in einen Klassenraum, der als Dauerausstellung eine eigene Auseinandersetzung mit dem Holocaust bot – ein Ergebnis der jährlichen Fahrten von Schülern nach Auschwitz. An der Tür der gelbe Judenstern, über der Tür der berüchtigte Schriftbogen: „Arbeit macht frei“.

 

Das Thema „Holocaust“ blieb ein Leitmotiv unseres Besuches. Wir nahmen an der Gedenkveranstaltung am Holocaustdenkmal Rishon Le Zions teil, zusammen mit unserem Oberbürgermeister, der zum 25jährigen Jubiläum der Partnerschaft zwischen Münster und Rishon ebenfalls angereist war, wir sahen Filme von Filmwerkstätten aus Rishon und Münster, die - im Rahmen des Projekts des Europarats „Erinnerung und Zukunft“ - mit und über Zeitzeugen des Holocaust gedreht worden waren, und wir fuhren mit unseren Partnerjugendlichen noch einmal nach Jerusalem, um einen Vormittag lang durch Yad Vashem geführt zu werden. Der Holocaust tauchte auf in Gesprächen am Esstisch, und in Begegnungen mit Großvätern oder Großmüttern, die ihn überlebten. Bis hin zur politischen Analyse der Gegenwart, die die militante Grundierung der israelischen Gesellschaft thematisierte: Dies ist endlich unser Land – wir wollen es nicht mehr verlieren, wir werden es mit allen Mitteln verteidigen.

 

Der Besuch des im Aufbau befindlichen Rabin-Friedenscenters in Tel Aviv überraschte uns dann damit, wie nüchtern und selbstkritisch diese Grundhaltung auch von den Israelis selbst gesehen wird. Die Erinnerung an die Friedensversuche Rabins wird hier wach gehalten. Im Blick auf die Gegenwart arbeitet man zur Zeit vor allem daran, der Bevölkerung den Wert der Demokratie zu vermitteln, und die Notwendigkeit, sie lebendig und wirksam zu halten. Die Furcht ist groß, dass im Konfliktfall in der so disparaten Gesellschaft Israels, wie im Fall Rabins, letzte Grenzen überschritten werden.  

 

Oft genug fühlte sich die Gruppe angesichts der verwickelten Situation und der verwirrenden Eindrücke und Meinungen, der Einflüsse aus der älteren und jüngeren Geschichte schlichtweg überfordert. Überblicks- und Detailwissen ließen sich oft nicht verknüpfen, oder blieben zu lückenhaft. So erwies sich auch im Nachhinein die Entscheidung für ein zunächst einfach erscheinendes Projektthema als richtig: „Wer seid Ihr?“ In Israel wurde daran zwei Nachmittagen intensiv weiterdiskutiert und gearbeitet, mal in großer gemischter Gruppe, mal auch getrennt – ein Methodenwechsel, der sich bewährte. Unsere Gruppe konnte ihren ersten Entwurf einer Powerpoint-Präsentation vorstellen, was wiederum die israelische anspornte, ihren Teil bis zum Ende unseres Besuchs fertig- zustellen.

 

Zu lesen sind die Erwartungen, Befürchtungen und Vorurteile, die jeder mit dem Austausch verbunden hatte, und zu sehen ist dazu jeweils eine fotografische Antwort. Beispiel: Die Israelis vermuteten, die Deutschen seien sehr ordentlich. Wir zeigen ihnen, bejahend und nicht ohne selbstkritischen Humor, eine Schublade mit präzis ausgerichteten Bestecken. Wir dachten, dass Israelis doch eher bescheiden leben – „wüstennah“. Das nahmen die Israelis auf, um uns über Fotos von Kamelen und Zelten über ihre  „richtigen“ üblichen Mehrfamilienhäuser aufzuklären. Die weitergehenden Fragen zur politischen Situation, zum Verhältnis zu den Palästinensern, zu Selbstmordattentätern, überhaupt zum täglichen Leben mit der Gefahr, zum Holocaust u.a. werden in längeren Textpassagen beantwortet. Umrahmt werden soll die Präsentation mit Stellwänden mit ausgewählten Fotos  zu Stichwörtern wie: „Kultur, Kontraste, Zwiespalt, Geschichte, Religion, Schönheit, Freundschaft“ u.a.  

 

„Wer seid Ihr?“ ist nur auf den ersten Blick eine einfache Frage. Ein Israeli schilderte uns, was für ein Erstaunen unter seinen Freunden seine Bereitschaft auslöste, am Austausch mit Deutschen teilzunehmen – „Hast du vergessen?“ wurde er gefragt. Und er selbst erzählte, dass er in Deutschland Häuser mit dunklen Möbeln erwartet habe und wie überrascht er gewesen sei, in eine ganz helle Wohnung zu kommen. Eine im genauen Sinn des Wortes erhellende Erfahrung für ihn mit den Deutschen.    

 

70% von Israel ist Wüste, erklärte uns der Reiseführer auf unserer Südtour in die judäische Wüste. In diesen 70% leben nur 15% der Bevölkerung. Diese Wüste mit seiner geologischen Sensation, dem Toten Meer, und seiner Tapferkeitsgeschichte – Massada – war das Ziel unserer zweitägigen Fahrt, in der wir in einer Field School, einer Art Naturkundehaus, in En Gedi übernachteten. Die schillernde Figur des Königs Herodes stand im Mittelpunkt der Erläuterungen unseres Reiseleiters wie auch der wenig spätere Verzweiflungskampf der jüdischen Minderheit gegen die römische Besatzungsmacht. „Massada will never fall again” – diesen Widerstandswillen findet Israel seit seiner Staatsgründung in Massada symbolisiert. Ob er auch den heroischen Selbstmord, wie ihn die letzten Verteidiger Massadas begingen, einschließen muss – daran zweifelte die Gruppe. Israel, so verstand man, will es zu einer solchen Situation erst gar nicht kommen lassen.

 

Der Austausch soll weitergehen. Das ist der immer wieder begeistert erklärte Wille beider Seiten. Die Leitungen beider Gruppen haben viel gelernt. Die israelische Seite will sich noch mehr um genauere Einweisungen in die Bedeutung und Verpflichtung  der Teilnehmer eines Austausches bemühen. Unsere Aufgabe wird sein, die so komplizierte Geschichte und Gegenwart Israels noch verstehbarer in den Vorbereitungen darzustellen. Wenn man auch sagen muss, dass der umgekehrte Weg, über das Fremde erst einmal zu staunen und dann zu fragen, der motivierendere bleibt.

 

Wir danken den Eltern und den Institutionen, die uns mit gutem Rat und finanziell unterstützten, und grüßen den Pionier der Annäherung unserer beiden Städte, Siegfried Winter, dem während unseres Aufenthalts die Ehrenbürgerschaft von Rishon Le Zion verliehen wurde.

 

Münster, den 20. Oktober 2006

Christoph Schmidt-Ehmcke

 

 

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