Freunde wissen, was man kann

 

Jugendliche am Annette-Gymnasium testen ihre Fähigkeiten für die Berufswahl

 

Tom Grad, Elftklässler aus dem Annette-Gymnasium, wollte bisher eigentlich PR-Manager werden. Oder Event-Manager. Seit gestern weiß Tom, dass er auch das Zeug zum Mathematik-Studium hat. Anhand von 50 vorgegebenen Persönlichkeitsmerkmalen hat er erst sich selbst eingeschätzt und sich dann durch drei seiner engsten Schulfreunde einschätzen lassen. „Peer-Rating” nennt Psychologin Wiebke Kenkel dieses computergestützte Verfahren. „Enge Freunde kennen einen Jugendlichen meistens sehr gut und können seine Fähigkeiten, Interessen und Talente realistisch einschätzen”, sagt Kenkel, die gestern im Annette-Gymnasium die Schüler betreute. Hat der Freund oder die Freundin Organisationstalent, ist er oder sie ehrgeizig, humorvoll, wie groß ist das Interesse am Tagesgeschehen, wie gut die Allgemeinbildung? Fragen über Fragen, deren Beantwortung so manchem gestern neue Wege aufzeigte.

Der Einsatz des computergestützten Verfahrens „Berufsnavigator” zu Beginn der Oberstufe soll die Jugendlichen dazu anleiten, sich mit ihrer Berufsplanung intensiver und auf einer realistischen Grundlage auseinander zu setzen, sagt Schulleiter Dr. Arnold Hermans. „Auf Basis des Testergebnisses fällt den Elftklässlern auch die Wahl des in diesem Schuljahr anstehenden dualen Praktikums in Universität und Berufspraxis leichter”, hofft Lehrerin Beate Dreseler.

Wiebke Kenkel und ihre Kollegen, in der Mehrzahl ehemalige Personalleiter großer Unternehmen, die jeden einzelnen Schüler nach dem Test beraten, sehen sich häufig gezwungen, an „Idealen zu rütteln”, sagt die Psychologin.

Beispiele: Renner bei den Mädchen sind zurzeit die Berufswünsche Polizistin und Ärztin. „Die Belastbarkeit, die bei der Polizei verlangt wird, bringen aber längst nicht alle mit, ebenso wenig wie die Voraussetzungen für das anspruchsvolle Medizinstudium”, gibt Kenkel zu bedenken. Aber bei manch einem Schüler, der sich vielleicht wegen schlechter Zensuren nicht viel zutraut, kämen Talente zum Vorschein, die ihm signalisierten: Du kannst was schaffen, wenn du dich anstrengst.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat das pro Schüler 40 Euro teure Testverfahren gesponsert, das die Firma Jürgen Hort inzwischen bei rund 5000 Schülern in ganz Deutschland praktiziert hat. Ein Berufsnavigator für Haupt- und Realschüler ist in Vorbereitung.

Grundsätzlich geht es nach Kenkel nicht darum, einem Jugendlichen ein festes Ziel vorzugeben, sondern nur um Entscheidungshilfen bei der Richtungswahl. „Philosoph”, spuckte der Compter bei Till Kreft aus. Die Berater rieten ihm, sich im Studium eher in Richtung Wirtschaft zu orientieren: Philosophie im Wirtschaftsleben sei nie falsch.

 Westfälische Nachrichten, 26.08.2005

 

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