Aikikai Münster e.V.
Gegründet 1968
Gerhard
5. Dan
Aikido seit 1968
Es ist sicher interessant die Frage zu stellen, ob Aikido mehr eine Kampfkunst oder ein Kampfsport ist. Vertritt man die letzte Ansicht, wird der Zugang zu diesem Medium eher sportlich pragmatisch sein. Sieht man Aikido aber mehr als eine Kampf-Kunst an, wird man neben der körperlichen Forderung und Ertüchtigung auch die geistigen Aspekte dieses Übungsweges zu erfahren und zu ergründen suchen. Das Japanische unterscheidet zwischen "DO" und "JUTSU". "Jutsu" bedeutet Technik und kommt im Wort "Ju-Jutsu" (sanfte Technik) vor. "Do" bedeutet "Weg" und geht über den Terminus "Jutsu" hinaus. Einen "Do" zu üben bedeutet, mittels einer Technik auch einen inneren Weg zu gehen, der die ganze Persönlichkeit einbezieht. Aikido in diesem Sinne verstanden, geht also über das körperliche Trainieren der Techniken hinaus und bezieht die geistige und charakterliche Schulung des Übenden mit ein.
Für meine eigene nunmehr über 40-jährige Aikido-Praxis waren Asai Sensei, Düsseldorf, und Meister Noro, Paris, meine maßgebenden Lehrer.
Während Asai Sensei genaue und effektive Bewegungen und den richtigen Einsatz der von der Mitte ausgehenden Kraft vermittelt, legt Meister Noro in seiner Methode den Schwerpunkt darauf, durch eine große unverkrampfte Bewegung ein möglichst hohes Maßan Energie beim Übenden zu befreien und dadurch eine hohe Dynamik in der Bewegung zu ermöglichen.
Will man das Aikido über die wunderbaren, dynamischen Techniken hinaus auch in seinem energetischen Geschehen erfassen, ist es sinnvoll, sich mit dem Konzept des "KI" zu befassen. Die Erfahrung der ostasiatischen Kulturen zeigt, dass wir über unsere körperliche Vitalkraft hinaus auch über ein großes Potential an geistig-seelischer Vitalenergie (japan. "Ki", chin. "Chi") verfügen, die mit unserer physischen Energie in Einklang gebracht werden kann. Das Aikido will auch diese geistig-seelischen Energie befreien, und die Bewegungen sollen außer mit unserer physischen Energie auch mit diesem Potential ausgeführt werden.
Neben dem "äußeren Ziel" dieser eleganten Kampfkunst, das in der Meisterschaft des technischen Ablaufes besteht, verfolgt das Aikido aber auch ein "inneres Ziel". Einen "Do" zu üben bedeutet in der traditionellen Kultur Japans nicht allein eine Meisterschaft in der Technik zu erlangen, sondern, sich selber als Ganzes in die Arbeit zu nehmen. Wir begegnen beim Üben nicht nur unseren Stärken und Schwächen in der technischen Ausführung, sondern auch den Stärken und Schwächen unserer Persönlichkeit. Der Übungsprozess ist nur dann vollständig, wenn er letzten Endes auch zu einem inneren Reifungsprozess führt, der die sichtbare äußere Technik glaubhaft als Ausdruck einer inneren Entwicklung erscheinen lässt.
Ein solches Konzept mag in unserer schnelllebigen Zeit, die rasche äußere, auf Effektivität beschränkte Ergebnisse bevorzugt, anspruchsvoll erscheinen. Und doch ist es ein wesentlicher Zug der japanischen Kultur (wie des gesamten ostasiatischen Kulturkreises), die alten Übungswege, zu denen Aikido gehört, nicht nur als Ausdruck einer Tradition zu sehen, sondern über sie auch den Persönlichkeitsbildungsprozess des Menschen zu fördern.
Während die "äußere Meisterschaft" an Kriterien wie Genauigkeit, Sicherheit und Effektivität in der Ausführung zu messen ist, erfordert die "innere Meisterschaft", dass wir selbst in unserer Diffusität und Ich-Verhaftung das "Objekt" der Übung werden. Der ostasiatische Kulturkreis setzt hier dem Begriff des "Ich" den Terminus "wahres Selbst" entgegen.
In einem umfassenden Übungsprozess hat der Übende gewissermaßen ein "Paradoxon" zu lösen. Während für eine "Meisterschaft im Äußeren" die Qualität der Technik, also das sichtbare Ergebnis des Übens, zentral ist, erfordert eine "Meisterschaft im Inneren" eine Üungsweise, in der die äußeren, auf Effizienz bezogenen Persönlichkeitsanteile überschritten werden und die den Übenden seiner Persönlichkeitssubstanz, dem "wahren Selbst" näher bringt. Eine solche "innere — quasi unsichtbare — Meisterschaft" ist für einen ungeübten Menschen nicht leicht zu erkennen, vielleicht aber doch zu erspüren, da sie sich auf die Persönlichkeit des Übenden bezieht.
Der Begriff "Paradoxon" soll diesen Prozess insoweit verdeutlichen, als im Aikido, wie in anderen Budo-Künsten auch, das Ergebnis, das Sich-Durchsetzen gegen den Angreifer einen wesentlichen Anteil im Training einnimmt. Da der "Kampf" aber nicht realistisch ist und auch nicht sein will, sondern die Schulung des Übenden im Zentrum steht, müssen neben der äußeren Technik des Sich-Durchsetzens auch andere "innere" Aspekte geübt werden. Die Schulung im "Kämpfen" soll schließlich in die Transzendierung des Kämpfens, also zum Nicht-Kämpfen führen. Man könnte auch formulieren: Der wirkliche Gegner liegt im Übenden selbst. Der Fortschritt im Erwerb der Technik verleitet indes dazu, dieses tiefere Ziel aus den Augen zu verlieren und sich auf die eigene Kompetenz im Anwenden der Technik zu beschränken.
Ein wesentliches Mittel auf einem solchen anspruchsvollen Übungsweg besteht in der Wiederholung der Technik. Sie dient zum einen der Sicherheit in ihrer Anwendung, also der äußeren "Meisterschaft"; ihr tieferer Sinn besteht aber darin, schließlich mit der Technik eins zu werden und so störende Bewusstseinsinhalte wie auch eine unangemessene Machtentfaltung zu überwinden.
Erst wo beides zusammenkommt, die Meisterschaft im Außen wie im Inneren, kann von wirklicher Meisterschaft gesprochen werden. Inwieweit ein solch hohes Niveau erreicht wird oder überhaupt erreichbar ist, hängt nicht nur vom täglichen Übungsfleiß, sondern von der gesamten Persönlichkeitsentwicklung des Übenden ab. Auch muss ein so hoher Anspruch einen normalen Menschen zunächst einmal als nahezu unerreichbar abschrecken. Insofern steht auch nicht dieses hohe Ziel im Zentrum des Trainings, sondern unser Weg daraufhin zu, denn wer kann schon sagen, beides wirklich realisiert zu haben. Die immer wieder erneute Auseinandersetzung mit der Technik und unser inneres Wachsen dabei, diese Arbeit am "Paradoxon" zwischen äußerer und innerer Meisterschaft im Sinne des "Do" bleibt deshalb eine grundsätzliche Aufgabe für ein fortgeschrittenes Training. Aikido ist nicht ein sich auf das äußere Durchsetzen beziehender Kampfsport. Das Üben der komplexen Techniken mit ihrem hohen energetischen Anspruch, die Erfahrung der vitalen Dynamik im Trainieren von Angriff und Verteidigung und schließlich das innere Wachsen durch das Üben ergeben das komplexe Spannungsfeld, dem der Übende gegenübersteht.
© Gerhard Kronberg
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