1. Allgemeine Grundsätze
1.1. Abendgymnasium und Tagesgymnasium
Das Abendgymnasium führt zur Abiturprüfung, vermittelt also eine
„Allgemeinbildung“, die
in die „Allgemeine Hochschulreife“ einmündet. Es unterscheidet
sich in diesem Punkt nicht
von den Tagesgymnasien für Jugendliche. Das in den Richtlinien der Sekundarstufe
II des
Tagesgymnasiums definierte Ziel der gymnasialen Oberstufe, sie solle „zu
einer wissenschaftspropädeutischen
Ausbildung führen“, gilt damit prinzipiell auch für das Abendgymnasium.
Ein wichtiger Unterschied zwischen Abendgymnasium und Sekundarstufe II des
Tagesgymnasiums
ergibt sich allerdings aus der Klientel beider. Während die Sekundarstufe
II von Jugendlichen
und jungen, berufsunerfahrenen Erwachsenen besucht wird, frequentieren das
Abendgymnasium
durchweg Erwachsene, die über berufliche Erfahrung und eine längere
Lebenserfahrung
verfügen, als sie die Jugendlichen des Tagesgymnasium in der Regel aufweisen.
Hieraus leiten sich deutliche Unterschiede in der Grundausrichtung von Abend-
und Tagesgymnasium ab:
Die Richtlinien für die gymnasiale Oberstufe definieren den Auftrag der
Schule als „Erziehungsauftrag“.
Sie charakterisieren Ziel und Auftrag der gymnasialen Oberstufe mit dem
Satz: „ Hilfen geben zur persönlichen Entfaltung in sozialer Verantwortung“.
Im Zweiten Bildungsweg – insbesondere am Abendgymnasium - ist ein „Erziehungsauftrag“
nur sehr bedingt gegeben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch das
Abendgymnasium
für seine Klientel Möglichkeiten, Hilfen und Anregungen zur Selbstentfaltung
in persönlicher,
beruflicher und sozialer Hinsicht bieten kann.
Die Spezifik des Abendgymnasiums (und damit auch sein Selbstverständnis)
leitet sich somit
im Wesentlichen aus der Spezifik seiner Klientel her. Das gesamte pädagogische,
didaktische
und organisatorische Handeln des Abendgymnasiums muss sich deshalb soweit
als
möglich an der Spezifik seiner Klientel orientieren.
Wo einer solchen Orientierung Grenzen gesetzt sind, ist weiter unten zu zeigen.
Jedenfalls
erscheint es sinnvoll und notwendig, zumindest eine Skizze der Studierenden
an Abendgymnasien
zu versuchen.
1.2. Skizzenhafte Beschreibung der Klientel am Abendgymnasium
Sowenig wie es den Deutschen, den Münsteraner oder den Sammler von Zitronenfaltern
gibt,
sowenig gibt es den Abendgymnasiasten oder die Abendgymnasiastin. Halbwegs
evident mag
zwar sein, dass zwischen dem berufsunerfahrenen 17jährigen Schüler
und dem 30jährigen
Studierenden, der seit 13 Jahren im Beruf steht und eine Familie mit zwei
Kindern hat, signifikante
Unterschiede bestehen, weniger ersichtlich dagegen ist, welche Interferenzen
es zwischen
dem erwähnten 30jährigen Studierenden, einer 45jährigen sogenannten
‚Familienfrau‘
und einem – sagen wir – 25jährigen ‚Gelegenheitsarbeiter‘
ohne feste Bindungen in privater,
beruflicher und sonstiger sozialer Hinsicht geben soll. Dem 25jährigen
‚Gelegenheitsarbeiter‘
stehen möglicherweise die Formen schulischen Arbeitens und Lernens noch
‚näher‘ als der
45jährigen Familienfrau, die dafür ggf. über mehr soziale Kompetenzen
verfügt, während der
erwähnte 30jährige – je nach Beruf – eventuell über
mehr Teamerfahrung und eine höhere
Teamfähigkeit verfügt als andere (Lehrer inbegriffen). Alle drei
verfügen mithin über bestimmte
Schlüsselqualifikationen, die unter den Begriff der Allgemeinbildung
fallen und von
Schule ja vermittelt werden sollen, sie verfügen hierüber jedoch
auf sehr heterogene Weise.
Im Ergebnis führen derartige Überlegungen zu der Paradoxie, wonach
das g e m e i n s a m e
M e r k m a l von abendgymnasialen Studierenden i h r e H e t e r o g e n
i t ä t ist – He-
terogenität hinsichtlich der fachlich-sachlichen Vorkenntnissse, der
beruflichen und persönlichen
Erfahrungen, der momentanen Lebenssituation, der sozialen Kompetenzen usw.
usf.
Wenn dem so ist und wenn konsensfähig ist, dass schulisches Handeln am
Abendgymnasium
orientiert sein muss an den ‚Abnehmern‘, dann muss das oberste
Prinzip der Schule 'Differenzierung‘ sein, deren Möglichkeiten
und Grenzen es zu ermitteln gilt.
Gemeinsamkeiten
Bei aller Heterogenität lassen sich gleichwohl einige Gemeinsamkeiten
bei abendgymnasialen
Studierenden auflisten. Zum einen sind alle unsere Studierenden Erwachsene
und wollen als
solche behandelt werden. Erwachsenengemäßes Handeln der Schule
(etwa: Transparenz,
partnerschaftliches Lehren und Lernen etc.) ist daher zwingend. Zum anderen
besuchen die
Studierenden die Schule aus eigenem Entschluss, also freiwillig. Sie haben
hierfür klare oder
diffuse Gründe und Motive und entsprechend klare oder diffuse Erwartungen
dem Abendgymnasium gegenüber. Dem Entschluss, ein Abendgymnasium zu besuchen,
liegt ferner in
aller Regel ein Bewusstsein zugrunde, wonach die eigene momentane Situation
als unzulänglich
und unbefriedigend empfunden wird. Mit Hilfe des Abendgymnasiums soll insofern
eine
Neu- oder Umorientierung angestrebt und ermöglicht werden.
Fragt man näher nach den Gründen und Motiven zum Besuch des Abendgymnasiums,
lassen
sich bestimmte 'Gruppen‘ idealtypisch durchaus unterscheiden und benennen,
als da wären:
• Diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer –
frühzeitig ihren Schulbesuch abgebrochen
haben oder abbrechen mussten, nach einer Berufsausbildung einige Jahre berufstätig
waren und nun in einem zweiten Anlauf Abitur, Studium und einen sogenannten
akademischen Beruf anstreben.
• Diejenigen, die ihren ursprünglich vielleicht als ideal angesehenen
Beruf zunehmend als
frustrierend erfahren und die sich per Abitur eine zweite Chance eröffnen
möchten, sei es
im angestammten Beruf oder – über ein Studium – in einem
neuen Berufsfeld.
• Weibliche Teilnehmer, die nach einer sogenannten Familienphase eine
– früher ggf. gar
nicht im Blickfeld liegende – höhere Schulbildung nun doch für
sich ansteuern.
• Ältere Teilnehmer, die das Abitur ohne jegliches Verwertungsinteresse
(Studium, Beruf)
als Selbstbestätigung anstreben.
• Schließlich diejenigen, die unter Weiterbildung und lebenslangem
Lernen nicht nur berufliche,
sondern eben auch schulische Weiterbildung verstehen.
' Neue Klientel‘
Neben die unter 1.1. genannte Klientel treten seit einigen Jahren in zunehmendem
Maße Studierende, die als 'neue Klientel’ bezeichnet werden, etwa:
• Studierende ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ggf. auch ohne Schulabschluss,
deren
berufliche Erfahrung eher lückenhaft ist (Joberfahrungen).
• Studierende in momentan schwieriger beruflicher Situation (ungesicherter
Arbeitsplatz,
Minimalbeschäftigung etc.) .
• Studierende in schwieriger persönlicher und sozialer Situation.
Verglichen mit der traditionellen abendgymnasialen Klientel weisen diese Gruppen
eine eher
unscharfe Orientierung auf, das Abendgymnasium ist für sie eher eine
Option unter und neben
anderen; die Abbrecherquote ist entsprechend vergleichsweise höher.
• Schließlich ausländische Studierende und Aussiedler.
Für diese Gruppe stellen die in der Regel zwangsläufig unzureichenden
Deutschkenntnisse
eine hohe Hürde beim erfolgreichen Durchlaufen des Abendgymnasiums dar.
Durch diese neue Klientel wird die Heterogenität der Studierendenschaft
jedenfalls weiter
verschärft, mithin steigt – als Reaktion darauf – die Notwendigkeit,
Möglichkeiten zur weiteren
Differenzierung zu überlegen.
1.3. Differenzierung und ihre Grenzen
Realisierung und Desiderate
Das Abendgymnasium Münster hat in den letzten Jahren mit Erfolg eine
Reihe von Differenzierungen
institutionalisiert.
• Im Blick auf unterschiedliche Arbeitszeiten gibt es in der Vorkurs-
und Einführungsphase
zwei verschiedene Zeitschienen, in denen der Unterricht stattfindet.
• Es werden Vormittagskurse speziell für ‚Familienfrauen‘
(aber auch für nachmittags oder
abends Berufstätige) angeboten, die auf die Kindergarten- bzw. Schulzeiten
abgestimmt
sind.
• Im Rahmen der Kursphase wird durch die Einführung von Kombinierten
Kursen (Bielefelder
Modell) trotz zurückgehender Studierendenzahlen zumindest ein gewisses
Maß an
Wahlmöglichkeiten und damit an individueller Fachprofilbildung für
die Studierenden erhalten.
• Für Studierende, für die Deutsch nicht Muttersprache ist,
werden zusätzliche Kurse angeboten;
demnächst sollen spezielle Kurse ‚Deutsch als Fremdsprache‘
etabliert werden.
• Weitere Differenzierungen, die den unterschiedlichen Kenntnissen und
Fähigkeiten der
Studierenden, insbesondere in den Anfangsklassen, Rechnung tragen, wie Binnendifferenzierung
oder individuelle Differenzierungen hinsichtlich der Fachvolumina,
bleiben bislang der Initiative der einzelnen Lehrkraft oder dem Zufall überlassen,
sind jedenfalls
bisher nicht systematisch überlegt und initiiert worden. Hier entsteht
und besteht
augenscheinlich Handlungsbedarf.
Grenzen
Auch wenn das Prinzip der Differenzierung für eine Angebotsschule zwingend
erscheint, hat
und muss diese Grenzen haben.
Zunächst spielen dabei quantitative Faktoren eine Rolle; so wäre
es beispielsweise sicher
wünschenswert, auch in der Kursphase mit zwei Zeitschienen zu operieren,
die Studierendenzahlen
in den Kurssemestern lassen eine solche Option jedoch nicht zu.
Zum anderen müssen die Anforderungen und Möglichkeiten der Schule
einerseits und ihre
Angebotsorientierung, aus der die Notwendigkeit eines möglichst differenzierten
Angebots
erwächst, andererseits miteinander vermittelt und aufeinander abgestimmt
werden. Das eine
darf nicht zugunsten des anderen in Frage gestellt oder gar über Bord
geworfen werden. Wenn
– wie oben dargelegt – die Gründe der Studierenden zum Besuch
des Abendgymnasiums vielschichtig sind, ebenso die Motive und Erwartungen,
so wird die Schule zu überlegen und zu
entscheiden haben, ob und welche Erwartungen sie erfüllen kann und will.
Grenzziehungen ergeben sich durch
• die nicht substituierbare Zielsetzung des Abendgymnasiums: wissenschaftspropädeutische
Ausbildung/Vermittlung von Allgemeinbildung/Hinführung zum Abitur.
• die Bestimmungen der APO-WbK (etwa: Anwesenheitspflicht).
• die verfügbare Arbeitszeit und Arbeitskraft der Kolleginnen und
Kollegen. Wie die
Kombinierten Kurse in der Kursphase gezeigt haben, verursacht jede Differenzierung
– so
sinnvoll sie auch immer sein mag – einen zusätzlichen Aufwand.
Wo und wofür ein solch
zusätzlicher Aufwand vertretbar und akzeptabel ist, bedarf der sorgfältigen
Diskussion.
Die mithin notwendige Abstimmung von Angebotsorientierung und Anforderungen
bzw.
Möglichkeiten der Schule sollte klar und transparent sein und möglichst
von allen Beteiligten
gemeinsam getragen werden.