Ernst Ludwig Kirchner
Potsdamer Platz
1914

Bildbeschreibung


E. L. Kirchner
 Biographie



1914 - der Weg 
in den ersten Weltkrieg



Der Potsdamer Platz:
Von der Drehscheibe der kaiserlichen Reichshauptstadt zur 'Neuen Mitte'



Literarisches Zeitdokumente:
z.B. Georg Heym:
 "Der Gott der Stadt"


Literaturangaben


Wir













E. L. Kirchner: Varieté
Titelseite "Der Sturm"
 August 1911


 

Literarisches Zeitdokument:

Georg Heym

Der Gott der Stadt (1911)

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Die expressionistische bildende Kunst stand im engen Zusammenhang zur zeitgenössischen Literatur.
Ernst Ludwig Kirchner pflegte u.a. engen Kontakt zu Alfred Döblin und ließ sich von Georg Heym inspirieren.

Heyms Gedicht "Der Gott der Stadt"(1911) gilt als eine der wichtigsten Dichtungen zum Thema Großstadt. Es zeigt Parallelen zu Kirchners Bild "Potsdamer Platz"(1914), gesehen haben sich die beiden Künstler jedoch nie.

Heym beschreibt in dem Gedicht "Der Gott der Stadt" einen heidnischen Götzen ( Baal ), der übermächtig, groß, behäbig, aber auch "voll Wut" (Vers 3)  auf den
Dächern der Stadt thront  und das verwirrende, unaufhaltsame Treiben der Metropole Berlin zulässt.
Das Gedicht thematisiert Aggression und Anonymität der Großstadt und setzt sich - ebenso wie Kirchners Bild - kritisch mit dem Lebensstil im Berlin der Vorkriegszeit auseinander.

Wie Kirchner in seinen Bildern greift Döblin in seinen Novellen das Thema  Sexualität und Prostitution in der Wilhelminischen Zeit auf.
Kirchner bebilderte u.a. Döblins Novelle  "Das Stiftsfräulein und der Tod".

Für die darstellende und lyrische Kunst entstand 1910 ein wichtiges Forum - die von Herwarth Walden herausgegebene Wochenzeitschrift "Der Sturm".
Die Zusammenführung der Künste galt als Ziel dieser expressionistischen Zeitung.
Anfangs stand nur die Titelseite für Zeichnungen, Reproduktionen, Holz- und Linolschnitte zur Verfügung. Später wurden jedoch auch die literarischen Beiträge illustriert.
Zu den bildenden Künstlern, die die Zeitung mitgestalteten, gehörten oftmals "Brücke"-Künstler, unter ihnen E. L. Kirchner. Durch den "freundschaftlichen" Kontakt zu Alfred Döblin, einem Gründungsmitglied der Zeitschrift, war er mit dem "Sturm" eng verbunden.