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Ernst Ludwig Kirchner
Potsdamer Platz
1914
Bildbeschreibung
E. L. Kirchner
Biographie
1914 - der Weg
in den ersten Weltkrieg
Potsdamer Platz:
Von der Drehscheibe
der kaiserlichen
Reichshauptstadt
zur 'Neuen Mitte'
Literarisches Zeitdokument:
Georg Heym:
"Der Gott der Stadt"
Literaturangaben
Wir


E. L. Kirchner
Potsdamer Platz 1914
E. L. Kirchner
Frauen am Potsdamer Platz 1914

E. L. Kirchner
Rote Kokotte 1914
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Bildbeschreibung:
Ernst Ludwig Kirchner:
Potsdamer Platz, 1914
Öl auf Leinwand, 200 x1,5O cm Geprägt wird der erste
Eindruck durch zwei weibliche Gestalten.
Dicht beieinander besetzen sie die linke Bildhälfte in der vollen Höhe
von immerhin zwei Metern. Uns begegnen zwei Kokotten, schwarz und
preußisch-blau gekleidet. Fransig und lang sind die Kleider, doch ver-
bergen sie die schlanken weiblichen Körper keineswegs. Vielmehr
zeigen sich die Damen auffällig und dezent zugleich. Die brünette sehen
wir in hartem Profil, die andere en face. Sie schaut uns an, frontal,
besonders dann, wenn das Bild - wie Kirchner es wollte - in Boden-
höhe aufgehängt wird.
Die Frauen haben keinen Kontakt zueinander, auch wenn sich ihre
Füße, die in hochhackigen schwarzen Lackschuhen stecken, fast
verhaken. Sphinxhaft und routiniert variieren sie graziöse
Laufstegposen auf einer runden Fläche wie auf einem Präsentierteller.
Diese Fläche gleicht
einer kleinen Verkehrsinsel auf dem Platz, wie
eine Drehscheibe der Ereignisse,
wie eine schiefe Ebene, von der
man eigentlich nur abrutschen kann.
Dazu passen die maskenhaften, quasi alterslosen Gesichter, schlierig
transparent verschleiert oder seitlich blond verhängt. Stolz trägt man
den Kopf sehr hoch unter modischen Hüten, auf denen lange Federn
wippen,
goldgelb, rasant wie ein Kometenschweif oder sprudelnd
wie dunkle Kaskaden, in überraschender Korrespondenz mit den
Stufen
der Bahnhofstreppe sowie mit einem Bäumchen auf dem Vorplatz.
Mit diesen Accessoires und ähnlichen Korrespondenzen tauchen
die
Gesichter geradezu ein in die obere Hälfte des Bildes, ohne in dem
relativen Gewimmel schematisierter Figuren und Gebäude unter-
zugehen.
In der Schulterhöhe verteilen sich schwarzgewandete, breitbeinig
gespreizte Männchen und flamingorot angedeutete Frauen scheinbar
ungezwungen vor der rudimentär dargestellten Stadtarchitektur.
Kulissenhaft zusammengeschoben, sind der Potsdamer Bahnhof zu
erkennen und das Café Picadilly, das spätere " Haus Vaterland ".
Gegenläufig zu einem keilförmig spitzen Trottoirdreieck sticht von
rechts eine kalkweiße Hausfassade in den schmalen Streifen des
nächtlichen Himmels. Darin erscheint die Bahnhofsuhr wie der
Vollmond
über dem Rotlicht: Mitternachtsspitzen. Nulluhr.
Das Bild trägt düstere Züge, wirkt unterkühlt in labil überspannter
Balance. Hintergründig reagiert ein sinnlich zartes Rosarot komple-
mentär auf das verfledderte, neurotische Grün der Straße. Davor
trüben
die dunklen Körperflächen der kalt und starr anmutenden
Vordergrundfiguren den Blick. Schattenlos wie auch all die anderen
Gestalten sind sie Chiffren der Nacht. Schwindsüchtig fast treiben sie
dahin
auf schwankenden Schollen über grell lackiertem Sumpf.
Alle großen und kleinen Einzelheiten werden durch jeweilige
Perspektiven
in ihren Beziehungen auseinanderdriftend pointiert auf
die Spitze getrieben, verknüpft, verklammert. Sie werden gegenein-
ander ausgereizt. Die Tiefe des Raumes wird verkürzt.
Der Vordergrund ist
weitgehend unten, der Hintergrund oben.
Hier werden mächtige Gebäude zu Miniaturen, zur bloßen
Staffage,
wenn diese Frauen großen Auftritt haben, von Männern umschwärmt
wie von Stechmücken.
Hell erscheint die Nacht,
faszinierend ihre Gestalten und gefährlich.
Das graphische Umfeld des Bildes
Kirchners Zeichnungen zu seinem
Bild vom Potsdamer Platz hatten für
ihn wahrscheinlich keinen autonomen künstlerischen Wert. Sie galten ihm
nicht in vollem Umfang als vollständige Kunstwerke wie Malerei oder
Holzschnitt. Gleichwohl sind sie mehr als sehenswert. Sie spielen im
Bildfindungsprozess offenbar eine stimulierende, klärende und visuell
dokumentierende Hilfe, um sich der stärksten und wirksamsten
Ausdrucks-
mittel zu vergewissern. Es ist kaum möglich, unmittelbarer abzubilden,
leichter und schneller festzuhalten,
was sich in schneller Folge um den
Maler herum ereignet und ihm wichtig erscheint. Da ist kein Platz für
genialische Attitüden oder für
eitle Vorführungen von Virtuosität.
Allerdings bleiben diese Notizen
auch ohne die packende Kraft des
gemalten Bildes.
Wegen
der Seitenverkehrung lässt sich vermuten, dass der abgebildete
Holzschnitt später als das Bild entstand. Jedenfalls wird umgekehrt
das Bild nicht am Holzschnitt orientiert gemalt worden sein.
Insofern stellt dieser Holzschnitt also eine Reproduktion des Bildes dar.
Das Blatt ist kleiner als dieses und schwarzweiß gedruckt. Fast wirkt es
wie ein fotografisches Negativ, das seinerseits nahezu unbegrenzt
reproduziert werden kann. Insofern erfüllt dieser Holzschnitt seine medial
angestammte soziale und kommerziellen Funktion. Aber es gibt auch innere
mediale und äußerlich materielle, handwerkliche Querverbindungen
zwischen Holzschnitt und Expressionismus allgemein wie auch speziell
bei Kirchner: "Mit seinen materialimmanenten Vergröberungen,
Versperrungen und Härten, aber auch mit seinen festen
Flächen, die
jegliche Raumillusion gleichsam von Natur aus zurückdrängen, kam der
Holzschnitt der Absicht der Ausdruckssteigerung sehr entgegen."
(Horst Richter: Geschichte der Malerei im 20.
Jahrhundert, Köln 1974,
S.24).
Dazu passt auch der Gegensatz von Schwarz
und Weiß als dem stärksten
Helldunkelkontrast überhaupt. Solche nicht mehr zu steigernden
Gegen-
sätze oszillieren im Zusammenprall.
Prostitution, Kokotten, Freier: "Die doppelte Moral"
Erste sexuelle Erfahrungen nach der Jahrhundertwende
wurden im Bordell
gemacht. Prostitution auf der Straße des kaiserlichen Berlin war
aus-
drücklich untersagt. Doch war der Potsdamer
Platz Dreh- und Angelpunkt.
Tagsüber waren hier auf der Flaniermeile Angestellte, Tippfräuleins,
Geschäftsleute und Touristen und abends kamen die Kokotten auf
die
"Speisekarte des nächtlichen Berlin".( Kokotte: das Hühnchen,
die Kokotte
ist ein bisschen romantisch, ein bisschen sentimental verklärt
und zugleich
knallharte Venus der Straße. Gewöhnlich ist der Hut das Prachtstück.
Das
Gesicht kalkweiß geschminkt, Lippen strotzen im fetten Karminglanz
und
die Augen sind schwarz gerändert. )
Sie zierten die berühmten Straßenszenen mit und ohne Schleier.
Dieser
entsprach der Vorschrift, jeden Blickkontakt mit männlichen Passanten
( Freiern ) zu meiden.
Verlockend waren für Kirchner die Randbereiche, in denen die Verbote
der Gesellschaft um so köstlicher schmeckten, wenn sich dort die
Sehn-
sucht nach dem Unbekannten mit dem Parfüm der Verruchtheit trafen.
Die Frauen auf Kirchners Bildern vom Potsdamer Platz gehörten zum
Milieu der Varietétänzerinnen, für die der Schritt in die mindestens
gelegentliche Prostitution nicht allzu groß war. Dazu gehörten
auch seine
erste Frau Line und später Erna Schilling. Dieses Milieu lieferte
ihm das
Material, die Modelle und die Anregung für seine schöpferische
Tätigkeit.
( nach: Gerd Presler, "Seine Frauen, seine Modelle, seine
Bilder",
Prestel-Verlag München 1998, Seite 51 )
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