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Im Juli
1831 besuchte Heine mehrmals den "Salon", die Pariser Gemäldeausstellung
im Louvre.
Am 31. Oktober 1831 erschien in Cottas 'Morgenblatt' Nr. 260 der Artikel
über Delacroix, aus dem die folgenden Passagen genommen sind:
..."Ich
wende mich zu Delacroix , der ein Bild geliefert, vor welchem ich
immer einen großen Volkshaufen stehen sah, und das ich also zu denjenigen
Gemälden zähle, denen die meiste Aufmerksamkeit zu Teil worden. Die
Heiligkeit des Sujets erlaubt keine strenge Kritik des Kolorits, welche
vielleicht mißlich ausfallen könnte. Aber trotz etwaiger Kunstmängel
atmet in dem Bilde ein großer Gedanke, der uns wunderbar entgegenweht.
Eine Volksgruppe während den Juliustagen ist dargestellt, und in der
Mitte, beinahe wie eine allegorische Figur, ragt hervor ein jugendliches
Weib, mit einer roten phrygischen Mütze auf dem Haupte, eine Flinte in
der einen Hand und in der andern eine dreifarbige Fahne. Sie schreitet
dahin über Leichen, zum Kampfe auffordernd, entblößt bis zur Hüfte,
ein schöner, ungestümer Leib, das Gesicht ein kühnes Profil, frecher
Schmerz in den Zügen, eine seltsame Mischung von Phryne, Poissarde und
Freiheitsgöttin. Daß sie eigentlich letztere bedeuten solle, ist nicht
ganz bestimmt ausgedrückt, diese Figur scheint vielmehr die wilde
Volkskraft, die eine fatale Bürde abwirft, darzustellen. Ich kann nicht
umhin, zu gestehen, diese Figur erinnert mich an jene peripatetischen
Philosophinnen, an jene Schnelläuferinnen der Liebe oder Schnelliebende,
die des Abends auf den Boulevards umherschwärmen; ich gestehe, daß der
kleine Schornsteinkupido, der, mit einer Pistole in jeder Hand, neben
dieser Gassenvenus steht, vielleicht nicht allein von Ruß beschmutzt ist;
daß der Pantheonskandidat, der tot auf dem Boden liegt, vielleicht den
Abend vorher mit Kontremarken des Theaters gehandelt; daß der Held, der
mit seinem Schießgewehr hinstürmt, in seinem Gesichte die Galeere und in
seinem häßlichen Rock gewiß noch den Duft des Assisenhofes trägt; -
aber das ist es eben, ein großer Gedanke hat diese gemeinen Leute, diese
Crapüle, geadelt und geheiligt und die entschlafene Würde in ihrer Seele
wieder aufgeweckt.
Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem
Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt
hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gräbern, sondern freudig glaubt
er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage! Wie schön war
die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris! Die Götter im Himmel,
die dem großen Kampfe zusahen, jauchzten vor Bewunderung, und sie wären
gerne aufgestanden von ihren goldenen Stühlen und wären gerne zur Erde
herabgestiegen, um Bürger zu werden von Paris!
...Auf keinem von allen Gemälden des Salons
ist so sehr die Farbe eingeschlagen, wie auf Delacroix Julirevolution.
Indessen, eben diese Abwesenheit von Firnis und Schimmer, dabei der
Pulverdampf und Staub, der die Figuren wie graues Spinnweb bedeckt, das
sonnengetrocknete Kolorit, das gleichsam nach einem Wassertropfen lechzt,
all dies gibt dem Bilde eine Wahrheit, eine Wesenheit, eine Ursprünglichkeit,
und man ahnt darin die wirkliche Physiognomie der Julitage.
Unter den Beschauern waren so manche, die damals entweder mitgestritten
oder doch wenigstens zugesehen hatten, und diese konnten das Bild nicht
genug rühmen. "Mâtin", rief ein Epicier, "diese gamins
haben sich wie Riesen geschlagen!" Eine junge Dame meinte, auf dem
Bilde fehle der polytechnische Schüler, wie man ihn sehe auf allen andern
Darstellungen der Julirevolution, deren sehr viele, über vierzig Gemälde,
ausgestellt waren.
"Papa!" rief eine kleine Karlistin, "wer ist die schmutzige
Frau mit der roten Mütze?" . "Nun freilich", spöttelte
der noble Papa mit einem süßlich zerquetschten Lächeln, "nun
freilich, liebes Kind, mit der Reinheit der Lilien hat sie nichts zu
schaffen. Es ist die Freiheitsgöttin." – "Papa, sie hat auch
nicht einmal ein Hemd an." – "Eine wahre Freiheitsgöttin,
liebes Kind, hat gewöhnlich kein Hemd, und ist daher sehr erbittert auf
alle Leute, die weiße Wäsche tragen." Bei diesen Worten zupfte der
Mann seine Manschetten etwas tiefer über die langen müßigen Hände..."
(Text aus: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, Bd.5 Hanser Verlag München
1976, S. 39 – 41)
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