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Quid ad nos?
Daedalus und Ikarus:
Der Traum vom Fliegen
VIII, 183-235
Die Kunst der Verwandlung als Versuchung
Warum werden Daedalus und Ikarus so hart bestraft ?
Muss Daedalus den Mord, den er aus Neid an seinem Neffen begangen hat,
mit dem Tod des eigenen Kindes büßen?
Andererseits weckt Daedalus durchaus Sympathien: ein kreativer Künstler, der aktiv sein Schicksal in die Hand nimmt, um
sich und seinen Sohn aus der Gefangenschaft zu befreien; und warum
muss Ikarus sterben,
ein interessierter, begeisterter, wenn auch verwegener Junge?
Ovid gibt versteckte Hinweise auf die Vermessenheit des Unterfangens, dass
nämlich ein Irdischer sein erdgebundenes Dasein ablegen will: "...et
ignotas animum dimittit in artes naturamque novat",189. - (...in
unbekannte Künste versenkt er seinen Geist und schafft die Natur neu).
Eine solche Metamorphose, die Verwandlung der Menschennatur, ist aber den
Göttern vorbehalten. Daher auch das Staunen des Hirten, der die beiden,
die den Äther durchmessen können, für Götter hält:
" quique
aethera carpere possent, credidit esse deos", 220.
Daedalus scheint sich der Anmaßung bewusst, denn in liebevollen
Unterweisungen lehrt er den Sohn - mit feuchten Wangen und zitternden
Händen - das maßvolle Einhalten der goldenen Mitte: "Halte
dich auf mittlerer Bahn, Ikarus - lass dich ermahnen! - damit nicht, wenn
du zu tief fliegst, die Woge die Federn schwer mache oder, wenn du zu hoch
emporsteigst, das Feuer sie versenge. Fliege zwischen beiden!" (
202-206). Mit seinem Versuch, den Traum vom Fliegen zu realisieren,
also göttergleich zu sein, erhebt er sich jedoch selbst über das dem
Menschen zustehende Maß und bringt sich so- mit dem Absturz des Ikarus
- um seine eigene Zukunft.

Pablo Picasso, Ovid. Met. VIII, 227
Picasso trennt die Sphären Himmel, Wasser und Erde scharf voneinander.
Er stellt Daedalus eindeutig mit beiden Beinen auf die braune Erde,
Kopf und Oberkörper ragen zwar in den Bereich des Lichts, scharf getrennt
steht er aber vor dem Blau des Wassers, hilflos vor dem jähen Fall des
Sohnes.
Ernst Jandl: Ikarus
Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.
Yaak Karsunke
Ikarus oder: die Dialektik des Aufstiegs
das Wachs, das seinen Höhendrang beflügelt
schmilzt, eh er auch nur halb erreicht
was er sich himmelhoch als Ziel erkor
ach hätt er seinen Aufstieg doch gezügelt
er wäre nicht so tödlich aufgeweicht
(der Himmel ist nun leerer als zuvor)
doch war als Trost ihm - unschwer prophezeit:
er stürze sterbend erst sich in Unsterblichkeit
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