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Quid ad nos?
Orpheus und Eurydike:
X, 1 - 85 / XI, 1 - 66
Der Traum von Liebe und ewigem Leben
Unter Berufung auf Amor erbittet Orpheus seine Frau
zurück.
Ohne Umschweife, nüchtern und knapp spricht er das
Unmögliche aus:
"Eurydices, oro, properata retexite fata!" - 31
"Macht Eurydikes Tod rückgängig!"
Dann versucht er, mit den Göttern zu verhandeln: Sie herrschten ohnehin
am längsten über das Menschengeschlecht, da ihnen früher oder später alle Menschen anheim fielen. Eurydike habe aber die Jahre, die ihr
zuständen, noch nicht vollendet. Er wolle sie ja nicht als Geschenk,
sondern nur als Leihgabe haben und droht gar mit dem eigenen Tod, sollten
die Götter ihm diese Gnade verweigern.
Wie lässt Ovid die Götter auf diesen unerhörten Ton reagieren?
Der Weg zum Einlenken wird indirekt beschritten. Er führt
über unglaubliche Reaktionen der ewig Verdammten auf seinen klagenden
Gesang hin : Die unerbittliche Ordnung des Totenreichs wird außer Kraft
gesetzt: "Tantalus griff nicht nach der fliehenden Welle, staunend
stand Ixions Rad still, die Vögel zerfleischten nicht die Leber des
Tityos, die Belliden ließen ihre Krüge stehen, und du, Sisyphus, saßest
auf deinem Stein (X, 41-44).
Orpheus hat also die ehernen Gesetze der Unterwelt durchbrochen, -
durch die Macht seines Gesanges. Dennoch wird die Unvollkommenheit und
Schwäche des Menschen im folgenden deutlich vor Augen geführt: Orpheus
scheitert nicht an der Verweigerung der Götter, sondern an sich
selbst.
Orpheus und Eurydike, ceramics 1985
Auch wenn die Orpheuserzählung dem ersten Anschein nach keine
eigentliche Verwandlungsgeschichte ist, so stellt sie, wenn man das Ende, Orpheus Tod, einbezieht, die wichtigste, "größte
Metamorphose" dar (Gerhard Fink), insofern sie sich auf das Leben als
Ganzes bezieht. Orpheus wird vom Leben in das Totenreich und wieder
zurück versetzt. Der Versuch, Tod in Leben zu verwandeln, scheitert.
Eindrucksvoll hat Rilke die Unmöglichkeit des Unterfangens ausgedrückt:
Rainer Maria Rilke: Orpheus. Eurydike. Hermes (1904)
...
Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -,
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
...
(aus:
R.M.Rilke: Werkausgabe in 12 Bänden. Frankfurt, Insel 1975) Erst
jenseits des Todes, im Reich der Seligen,- so Ovid in Buch XI
- kann das flüchtige Erdenglück
in ewiges Leben verwandelt werden.
Dass es sich hier um eine Grundüberzeugung Ovids handelt, wird am Ende
der 'Metamorphosen' deutlich, wenn der Dichter - auf sich selbst bezogen - das
Werk mit den Worten beschließt:
"Parte tamen meliore mei super alta perennis
astra ferar ..." - XV, 875.
"Mit meinem besseren Teil werde ich mich unsterblich hoch über die
Gestirne erheben."
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